Kommentar

Zum Zurückziehen des Klose-Interviews von Cashpoint SCR Altach

26.11.2022 • 20:56 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Es wäre das erste große Interview seit Kloses Amtsantritt in Vorarlberg gewesen. GEPA / Kneisl
Es wäre das erste große Interview seit Kloses Amtsantritt in Vorarlberg gewesen. GEPA / Kneisl

Wenn die Grenzen zwischen PR und Journalismus verschwimmen, ist der Bogen überspannt. Auch im Sportjournalismus.

An dieser Stelle hätte ein dreiseitiges Interview mit SCRA-Trainer Miroslav Klose erscheinen sollen – so wie vergangene Woche Austria-Trainer Markus Mader die Möglichkeit hatte, ein Fazit zur Herbstrunde zu ziehen. Klose hat sich am Donnerstag für dieses Interview mehr als eine halbe Stunde Zeit genommen. Es wurde ein Gespräch über den Saisonverlauf, die Winterpause, den Abstand zum Fußball und die WM. Eigentlich harmlos.


Klose hat diese Fragen ohne zu zögern sehr ausführlich beantwortet. Man konnte nachvollziehen, wieso ein Fußballer nicht immer die gleiche Leistung erbringt. Man konnte verstehen, welchen Fußball er mit seiner Mannschaft spielen möchte – und dass er hart dafür arbeitet. Mit Erfolg, wie beispielsweise das 1:1 gegen Sturm Graz beweist. An der ein oder anderen Stelle hat er dem Verein den Spiegel vorgehalten, ja.


Aber ist es verwunderlich, dass sich ein Trainer mehr Mittel für die Kaderzusammensetzung wünscht? Welcher Trainer würde auf diese Frage mit Nein antworten? Auch Lustenau-Trainer Mader wünschte sich vor einer Woche im großen NEUE-Interview einen Torjäger fürs Frühjahr. Doch dem Cashpoint SCR Altach gefiel das Interview nicht, weil den Verantwortlichen die Fragen zu kritisch waren. Daher haben sie am Freitag um 18.37 Uhr das gesamte Interview nicht zum Druck freigegeben.


Von sachlich-distanzierter Berichterstattung hält man in Altach offenbar wenig. Wenn ein Verein finanziell zu den Top sechs gehört, aber nur auf dem 10. Tabellenplatz überwintert, ist nicht alles gut gelaufen. Man spüre eine „Aufbruchstimmung“ heißt es von Vereinsseite. Das Interview erwecke hingegen den Eindruck, alles laufe schlecht. Das Derby sei nun mal „zwei Wochen her“. Auch die Frage, ob der Trainer sich mehr Geld für die Kaderplanung wünschen würde, zielte dem Klub zu sehr darauf ab, verschiedene Vereinsakteure gegeneinander auszuspielen. Es klinge so, als koche in Altach jeder sein eigenes Süppchen. Ohne die Antwort von Klose im Detail vorwegzunehmen: Es ist ja nicht erst seit der öffentlichen Spieltagspressekonferenz vom 21. Oktober vor dem Spiel gegen Wolfsberg bekant, welche Position er in Sachen Kaderzusammenstellung einnimmt. Schon im Sommer bezog er klar Stellung – mit dem Verweis auf eine „gemeinsame Marschrichtung“.


Journalismus lebt davon zu hinterfragen, um seinen Konsumenten Antworten an die Hand zu geben und somit einen Mehrwert zu schaffen. Wenn sich ein Journalist dazu verleiten lässt, nur das Positive hervorzuheben, hat er womöglich seinen Beruf verfehlt und sollte vielmehr in eine PR-Agentur wechseln. Der Unterschied zwischen Journalismus und Marketing bzw. Öffentlichkeitsarbeit ist dem SCRA offenbar nicht bewusst. Eine Autorisierung des Interviews ist ein wohlwollendes Entgegenkommen, um Kooperationswilligkeit zu zeigen. Ein Blick in den Pressekodex, dem alle Journalisten unterliegen, schafft Klarheit: „Ein Wortlautinterview ist auf jeden Fall journalistisch korrekt, wenn es das Gesagte richtig wiedergibt.“ Eine Autorisierung ist daher nicht notwendig. Was gesagt ist, ist gesagt. Empfindet man ein Interview also als zu kritisch, obliegt es dem Interviewten, während des Gesprächs selbst einzugreifen. Und Klose ist Medienprofi genug, um im Zweifelsfall das Gespräch abzubrechen oder auf seine Bedenken hinzuweisen. Im Nachhinein ein Interview zurückzuziehen schränkt hingegen die journalistische Freiheit ein. Es scheint, als habe man in Altach das Gefühl, man könne die freie Berichterstattung kontrollieren.


Ein ganz großes Interview mit Klose gab es in der Vorarlberger Presse bislang nicht. Und wird es wohl auch nicht geben – außer, eine Redaktion spielt nach den Regeln der Altacher Klubverantwortlichen.
Als Alternativlösung wurde der NEUE-Redaktion ein neuer Interview-Termin mit Klose mit positiveren Fragen für die nächste Woche vorgeschlagen. Da wir uns aber nicht vorschreiben lassen, welche Fragen wir stellen, lehnen wir dieses Angebot ab. Aus Transparenzgründen haben wir uns entschlossen, die Fragen zu veröffentlichen, die wir Miroslav Klose am Donnerstag gestellt haben. So kann jeder selbst beurteilen, ob die Gesprächsführung zu negativ oder gar böswillig war.

Die NEUE-Fragen an Miroslav Klose:

Mehr als die Hälfte der Spiele im Grunddurchgang sind gespielt, und nun ist bis Februar eine lange Winterpause. Bekommt man in dieser Zeit wirklich Abstand zum Bundesliga-Geschehen?


War die Pause nötig, damit sich der SCRA neu formieren kann?


Die Leistungen bis zum Herbst waren durchaus schwankend. Immer gegen die stärksten Gegner konnte die Mannschaft über sich hinauswachsen. Bei den eher schwächeren Gegnern haperte es. Woran liegt das?


(Nachfrage) Also fehlte bei den Niederlagen der letzte Wille?


Wenn wir über Niederlagen sprechen, kommen wir auch am Derby nicht vorbei. Stimmt es, was in der Presse zu lesen war? War die Mannschaft einfach noch nicht bereit?


Wie war die Reaktion vom Verein nach dem verlorenen Spiel? Gab es da Ärger?
Versuchen Sie in den Einzelgesprächen dann auch die Kritik von außen abzufangen?


Auch für Sie ist jetzt, etwas gerundet, das erste halbe Jahr rum. Was halten Sie vom Ländle?


Brauchen Sie ab und an Abstand zum Fußball? Und wenn ja, wie bekommen Sie ihn?


Während in der Bundesliga Zeit für Erholung und Findung der Mannschaft ist, rollt in Katar der Ball bei der wohl umstrittensten WM der Geschichte. Wie ist Ihr bisheriger Eindruck vom Turnier?


Die Diskussion um die „One Love“-Binde hat den Turnierstart überschattet. Hätten Sie sich als ehemaliger Nationalspieler eine andere Reaktion des DFB gewünscht?


Im Winter ist theoretisch Zeit für Transfers. Mit Nuhiu steht ein Spieler vorne drin, der trifft, wenn er die richtige Vorlage bekommt. Häufig kommt die dann von Manuel Thurnwald. Fehlt für ihn eine Alternative, damit Atdhe Nuhiu vorne liefern kann?


Bei der Generalversammlung am Mittwoch wurden enorme Gewinne präsentiert. Ein großer Neubau wurde bereits angekündigt. Für wie wichtig halten Sie aber die Kaderplanung? Glauben Sie, der Verein müsste da auf der Seite der Ausgaben noch anders priorisieren und mehr Geld für Transfers bereitstellen?


Wenn Sie einen Weihnachtswunsch frei hätten: Wer oder welche Position stünde auf Ihrem Wunschzettel?


(Nachfrage) Also keine Position wichtiger als eine andere?

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