Vorarlberg

„Das Einkommen reicht nicht mehr“

03.12.2022 • 19:45 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Christian Beiser leitet die Beratungsstelle "Existenz und Wohnen" der Caritas. <span class="copyright">Steurer</span>
Christian Beiser leitet die Beratungsstelle "Existenz und Wohnen" der Caritas. Steurer

Christan Beiser spricht darüber, wie Armut in Vorarlberg spürbar ist und wie die Teuerung die Menschen belastet.


Arm sein bedeutet nicht überall das Gleiche. Ab wann spricht man in Österreich von Armut?
Christian Beiser:
Wir reden bei uns von relativer Armut. Der Schwellenwert, ab dem jemand als armutsgefährdet gilt, liegt bei 60 Prozent des Medianeinkommens. Laut EU waren das im Jahr 2021 1371 Euro für Einzelpersonenhaushalte. In der Definition der Armut spielt aber auch die materielle Deprivation eine wichtige Rolle, wenn die Menschen es zum Beispiel nicht mehr schaffen, ihre Wohnung entsprechend warm zu halten.

Welche Personen sind besonders gefährdet?
Beiser:
Wir leben in einer Gesellschaft, die darauf setzt, dass die Menschen ihr Einkommen durch eigene Kraft sichern. Personen, die die Arbeitspartizipation nicht erfüllen können, sind demnach gefährdet. Dazu gehören chronisch Erkrankte, ältere Menschen, Alleinerziehende und Mehrkindfamilien. Frauen sind zudem stärker davon betroffen, da sie im früheren Erwerbsleben im Regelfall geringere Einkommen hatten und daher auch weniger Pension beziehen. Auch zugewanderte Personen sind gefährdet, da sie sich schwer tun, einen Job zu finden, und ihnen die Netzwerke fehlen, um sich eine bessere Stellung in der Gesellschaft zu erarbeiten.

Viele Menschen waren bereits vor den Teuerungen armutsgefährdet. Ist schon zu spüren, dass es sie durch diese Teuerungen jetzt noch härter trifft?
Beiser:
Viele wichtige Studien dazu werden erst nächstes Jahr veröffentlicht. Allerdings merken wir in unserer Arbeit einen deutlichen Anstieg an Erstkontakten. Im Vergleich zum Jahr 2021 haben wir 34 Prozent mehr Erstklienten, also Menschen, die davor nicht auf unsere Unterstützung angewiesen waren und jetzt Hilfe brauchen. Das ist für mich ein Indikator, der darauf hindeutet, dass die Teuerungen starke Auswirkungen auf die Haushalte haben. Es sind alle Haushalte betroffen, aber jene mit geringen Einkommen in einem höheren Ausmaß. Die größte Herausforderung ist, dass es derzeit alle existenznotwendigen Lebensbereiche betrifft. Den Lebensmitteleinkauf, die Energiekosten und die Wohnungsmieten. Die Menschen spüren das, und es wird immer enger. Man kann zudem nicht mehr jonglieren. Eine Teuerung in einem Segment kann nicht mit Einsparungen in einem anderen Segment kompensiert werden. Wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung, aber ja, die Erwartung ist, dass die Armutsbetroffenheit in den nächsten Jahren größer wird.

Christian Beiser

Geboren 1966 in Bludenz.

Zuerst in der Gastronomie tätig, dann berufliche Umorientierung.

Sozialarbeitstudium Bregenz.

Ab 2004 in der Sozialberatung der Caritas tätig.

Seit 2012 Leitung der Beratungsstelle „Existenz & Wohnen“.

Ist Armut vererbbar?
Beiser:
Ja, das betrifft die soziale Mobilität. Die Frage ist: Wie gut sind die gesellschaftlichen Systeme darin, dass die soziale Herkunft nicht vorbelastend wirkt? Dabei ist Bildung ein maßgebliches Element. Bildung muss inklusiver werden, das heißt, Kinder aus schwachen Haushalten sollten die gleichen Chancen haben wie die aus gut situierten Haushalten. Wenn man das sicherstellt, bietet man den Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, in den sozialen Schichten aufzusteigen. Österreich ist da nicht ganz so gut wie zum Beispiel nordeuropäische Länder.

Was sind erforderliche Maßnahmen zur Einschränkung der Armut? Welche gibt es bereits und welche sind noch notwendig?
Beiser:
Gäbe es keine Pensionen und Sozialleistungen in Österreich, wären 45 Prozent der Menschen armutsgefährdet. Ohne Sozialleistungen wären es immerhin noch 26 Prozent der Menschen. Durch Pensionen und Sozialleistungen wird die Quote auf ein Drittel, nämlich 15 Prozent, verringert. Wir verfügen also schon über wichtige Instrumente. Die Frage ist nur, wie inklusiv diese Systeme sind, denn jedes System hat seine Ausschlüsse. Mit Beginn des Jahres werden die Sozialleistungen indexiert. Das ist ein wichtiger Schritt, da die Familienbeihilfe für viele Jahre unangetastet geblieben ist. Nach meinem aktuellen Wissenstand liegt die Höhe dieser Indexierung aber bei 5,24 Prozent. Das ist gut und wichtig, aber dieser Wert liegt noch deutlich unter der Inflationsrate. Für mich stellt sich die Frage, ob das für das ganze Jahr reicht oder vielleicht noch weitere Indexierungsschritte eingeleitet werden müssen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Beiser:
Wir haben momentan eine politische Aufmerksamkeit für diese Themen. Es ist der Anspruch da, dass Menschen einen gewissen Grundstandard haben und von den aktuellen Teuerungen abgefedert werden. Ich wünsche mir, dass dieser Blick beibehalten wird. Wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung, und es wäre wichtig, dass wir diese Probleme in den nächsten Jahren nicht aus den Augen verlieren.

Elisabeth Achammer

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