Sport

Bludenz ist bereit für die Junioren-WM

05.12.2022 • 15:24 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Helmut Tagwerker zeigt die Schlitten, mit denen die Kinder in den Eiskanal gehen. <span class="copyright">Dietmar Stiplovsek</span>
Helmut Tagwerker zeigt die Schlitten, mit denen die Kinder in den Eiskanal gehen. Dietmar Stiplovsek

In drei Monaten findet in Bludenz die Junioren-Rodel-WM statt. Klubobmann Helmut Tagwerker gab der NEUE am Sonntag einen Einblick hinter die Kulissen.

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Wintersport und Vorarlberg denken? Ski fahren? Snowboardcross? Langlauf? Mit Sicherheit jedenfalls nicht als erstes Rodeln. Dabei hat Rodeln in Bludenz schon eine lange Geschichte zu erzählen. Und im Jänner wird die neue Bahn sogar Schauplatz für eine Weltmeisterschaft. Ganz genau, Sie haben richtig gehört. Die besten Nachwuchsrodler treffen sich vom 11. bis 15. Jänner in Vorarlberg und rodeln um die Goldmedaille. Erstmalig findet eine Weltmeisterschaft auf der 2019 errichteten Kunsteisbahn statt. Die erste Rodel-Weltmeisterschaft in Bludenz hingegen ist es nicht. Aber dafür müssen wir einen großen Zeitschritt zurück machen.

Geschichte des Eiskanals in Bludenz

1968 fand das erste Mal ein Rodelwettbewerb am Hinterplärsch unweit der heutigen Muttersbergbahn statt. Mit Erfolg. Nur drei Jahre später sollten daher die österreichischen Meisterschaften dort ausgerichtet werden. Auch diese Herausforderung bewältigten die Freiwilligen vor Ort mit Bravour. Zehn Jahre später, 1981, hatte sich der Rodelsport im Oberland derart etabliert, dass der damalige Natureiskanal zur Bühne der Europameisterschaften wurde, 1984 dann sogar Gastgeber der Weltmeisterschaft. In jenem Jahr war das Glück weniger auf der Seite der Veranstalter. Die Temperaturen waren zu warm und die Bedingungen daher nicht optimal. Der Verband entschied, dass es vorerst der letzte große Wettbewerb im Ländle gewesen sein sollte.

Der Spatenstich für die neue Rodelbahn in Bludenz fand am 25. Oktober 2018 statt. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Der Spatenstich für die neue Rodelbahn in Bludenz fand am 25. Oktober 2018 statt. Klaus Hartinger


Helmut Tagwerker, heute Obmann des Rodelclubs Sparkasse Bludenz, erinnert sich noch gut an diese Zeit zurück. Schon damals war er Funktionär im Rodelclub Bludenz. 1962 bekleidete er das erste Mal ein solches Amt, war lange Geschäftsführer des Vereins und ist bis heute Obmann. Die Rodel kennt er so gut, dass er wahrscheinlich nachts im Schlaf alle wichtigen Daten nennen könnte. Kein Wunder. 1959, „am Stephanstag“, erinnert er sich heute zurück, fuhr er sein allererstes Rennen. Er gewann, und ein neuer Stern am Schlitten-Himmel war geboren. Die Liebe für den Sport gab er unter anderen an seine Tochter Andrea Tagwerker weiter. Sie schaffte es viermal zu Olymypischen Spielen, holte eine Bronzemedaille und gewann dreimal WM-Gold.
Helmut Tagwerker wagt sich mit seinen 78 Jahren nicht mehr selbst auf den Schlitten. Dafür freut er sich über neuen Nachwuchs im Ländle.

Schulsport im Eiskanal

Nicht nur Profisportler dürfen sich auf zwei Kufen die Bahn herunterstürzen, auch Schulsport findet in Bludenz regelmäßig statt. Das freut Tagwerker besonders. „Die Kinder kommen raus an die frische Luft, bewegen sich und kommen in Berührung mit einer ganz neuen Sportart.“ Und wenn es gut laufe, kommen ein paar der Kinder dann auch zum Vereinstraining vorbei – neue Hoffnungen für den Vorarlberger Rodelsport. Der Bau der Eisbahn sei dringend nötig gewesen, um dem Nachwuchs im Land eine Perspektive zu bieten. Nachdem 2009 der letzte Schulwettkampf im Natureiskanal stattgefunden hat, musste die Bahn für zehn Jahre ihre Pforten geschlossen halten. 2019 wurde dann endlich ein neuer und vor allem kühlbarer Eiskanal gebaut. Alle Kinder und Jugendlichen, die den Sport ausüben wollten, mussten für das Spezialtraining jedes Mal nach Innsbruck fahren – ein enormer Aufwand für Eltern, Trainer und Athleten. Nun also findet das Training wieder in heimischen Gefilden statt. Und wie es scheint, zahlt sich das aus: Wenn es gut läuft und sie sich im Laufe der Saison wirklich qualifizieren, nehmen zwei Nachwuchsrodlerinnen an der WM statt, die erst vor zwei Jahren mit dem Sport angefangen haben. Das macht Tagwerker mächtig stolz.

Auch mit Mono- und Zweier-Bobs darf in Bludenz gestartet werden. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Auch mit Mono- und Zweier-Bobs darf in Bludenz gestartet werden. Klaus Hartinger

Trainingsstützpunkt für viele Nationen

Neben dem Schul- und Vereinssport wird die Bahn in Hinterplärsch auch von vielen anderen Nationen genutzt. Deutsche kommen, weil die Rodelbahn am Königssee nicht mehr genutzt werden kann, Tschechen, Briten oder Italiener trainieren in Bludenz, um sich auf die neue Bahn einzustellen und für den Saisonhöhepunkt gewappnet zu sein. Das zahlt sich für den Verein, aber auch für die Tourismusregion statt. Helmut Tagwerker berichtet, allein in den vergangenen zwei Monaten habe der Eiskanal rund 8000 Übernachtungen beschert. „Die Athleten, Trainer und Funktionäre müssen natürlich auch irgendwo bleiben, wenn sie hier trainieren wollen. Vor allem in der Nebensaison hilft das dem Tourismus ernorm“, meint der 78-Jährige. 100 Athletinnen und Athleten können gleichzeitig in Bludenz trainieren. Die Jüngsten von ihnen sind gerade einmal acht Jahre alt.

Bahn hat Norm für Sprint-Weltcups

Wie jede Sportstätte, auf der internationale Wettkämpfe ausgetragen werden, ist auch die Bahn in Bludenz genormt. Sie hat die Zulassung für Sprintwettkämpfe, und der Verein verfolgt daher klar das Ziel, Austragungsort für Sprint-Weltcups zu werden. Neben dem Profisport können eben auch Jugendwettkämpfe für alle Altersklassen bis zu den U20-Jährigen durchgeführt werden. Für Trainingszwecke ist die Bahn außerdem auch für Mono- und Zweier-Bobs geeignet. Und ab dem kommenden Sommer sollen die Athleten dann mit Rollen an den Kufen die Bahn herunterschießen, um noch besser auf die Saison vorbereitet zu werden. Bislang fand das Training im Sommer auf Asphalt und ohne seitliche Begrenzungen statt. Für das bessere Schlittengefühl ist es trotzdem nützlich, so der Obmann.

Helmut Tagwerker freut sich auf die Heim-WM. <span class="copyright">Dietmar Stiplovsek</span>
Helmut Tagwerker freut sich auf die Heim-WM. Dietmar Stiplovsek


Apropos Training. Wussten Sie, wie die Sportlerinnen und Sportler das Anschieben am Start trainieren? Kinder und Schlitten werden ins Auto gepackt, und es geht nach Schruns in den Aktivpark. Dort legen sich die Kinder auf der flachen Eisfläche auf den Schlitten und trainieren so die Anschiebetechnik für den Ernstfall im Eiskanal.

Der Blick von oben auf den Eiskanal. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Der Blick von oben auf den Eiskanal. Klaus Hartinger


Der Rodelclub Sparkasse Bludenz freut sich riesig, im Jänner Gastgeber sein zu dürfen. Doch natürlich ist eine solche Veranstaltung auch mit enormem Aufwand verbunden. Fast 50.000 Euro kosten alleine die ganzen Genehmigungen, die nötig sind. Hinzu kommt die große Zahl an Freiwilligen, die es braucht, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. 100 Teilnehmer aus 20 Nationen werden in der Woche zu Gast sein. Zusätzlich wird mit zahlreichen Zuschauern gerechnet. „Die Corona-Beschränkungen sind ja endlich vorbei“, freut sich Obmann Tagwerker. Eine Bewährungsprobe für die neue Anlage auf der ganzen Linie also.

Zahlen und Fakten

Auch die Zahlen und Fakten im Rodelsport können wirklich für Eindruck sorgen. 35 Sekunden dauert eine Fahrt nach unten. Die Schlitten sind wesentlich schwerer, als man es sich vielleicht vorstellt: 25 Kilogramm wiegen sie bei den Erwachsenen. Damit ein schwerer Faherer keinen Vorteil hat, dürfen leichtere Athleten Blei auf sich legen. Die Wettkampfbekleidung hingegen darf nicht einfach schwerer gemacht werden. Vier Kilogramm sind das Maximum für Schuhe, Helm und Anzug.

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