Vorarlberg

„Das Personal ist ausgebrannt“

06.12.2022 • 19:59 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Beim Spitalspersonal orten alle Seiten Handlungsbedarf. Die Befunde unterscheiden sich jedoch in ihrer Gravität.<span class="copyright">shutterstock</span>
Beim Spitalspersonal orten alle Seiten Handlungsbedarf. Die Befunde unterscheiden sich jedoch in ihrer Gravität.shutterstock

Die AK hat eine Studie zur Belastung des Personals in den Landeskrankenhäusern veröffentlicht.

Die Belegschaft in den Landesspitälern stehe „enorm unter Druck“ heißt es von der Arbeiterkammer zu ihrer am Dienstag veröffentlichten Studie. Die sozialdemokratischen Gewerkschafter (FSG) sprechen gar von einem vernichtenden Ergebnis. „Fünf nach zwölf ist längst vorbei! Der Unmut der Beschäftigten ist so groß, dass immer mehr nicht mehr können und sogar den Job hinschmeißen“, kritisiert AK-Vizepräsidentin Manuela Auer (FSG).

Die AK selbst verweist jedoch auch darauf, dass „noch immer 83 Prozent aller Befragten jederzeit wieder einen Beruf im Gesundheitswesen ergreifen“ würden, „79 Prozent erneut in den Landeskrankenhäusern“. Doch auch AK-Präsident Bernhard Heinzle (FCG) ortet „dringenden Handlungsbedarf, wenn wir das System der gesundheitlichen Versorgung in den Krankenhäusern nicht gefährden wollen.

Krank in die Arbeit

Fast die Hälfte der Befragten, nämlich 42,6 Prozent, gehe öfter krank in die Arbeit. Diese wollten wohl die Kollegen nicht im Stich lassen, interpretiert die FSG. Landes- und Bundesregierung versuchten immer noch, „die Situation schönzureden, anstatt zu handeln“, so Auer. „Das Personal in den Spitälern ist ausgebrannt, die Motivation am Boden.“ Nur das Engagement und Pflichtbewusstsein den Patienten gegenüber lasse die meisten weitermachen, so die Vizepräsidentin und FSG-Landesvorsitzende. „Immer mehr werfen aber mangels Wertschätzung und Unterstützung das Handtuch.“

Fleisch und Rüscher (v.l.) versuchen zu beschwichtigen. <span class="copyright">Hartinger</span>
Fleisch und Rüscher (v.l.) versuchen zu beschwichtigen. Hartinger

Ein Problem stellt der schleppende Übergang von der Hospitalisierung pflegebedürftiger Menschen in die Heimpflege dar. Laut Studie leiden 65,8 Prozent der befragten Spitalsbediensteten – 21 Prozent der etwa 5000 Mitarbeiter nahmen teil – unter dem steigenden Arbeitsaufwand wegen fehlender Übergangspflege. Jeder Vierte fühle sich mehrmals pro Woche am Ende eines Arbeitstages völlig verbraucht, 13 Prozent der Befragten fühlten sich sogar täglich so.
Mehr als jeder Vierte denke außerdem oft oder immer daran, den Beruf zu wechseln. „Natürlich brauchen wir mehr Personal, aber das wird noch dauern“, erklärt Zentralbetriebsrat Thomas Steurer. Man müsse sich daher auf das bestehende Personal konzentrieren. Bei der Dienstplanerstellung dürfe es keine ständige Überplanung geben. „Besonders wichtig wäre eine funktionierende Anerkennungskultur, die das Personal mehr als verdient hat.“

KHBG sieht Fachkräftemangel

Es sei wichtig, gerade jetzt proaktiv hinzusehen und die Bedürfnisse und Anregungen der Mitarbeiterschaft einzuholen und zu analysieren, so der Geschäftsführer der Krankenhausbetriebsgesellschaft Gerald Fleisch. Er sieht aber keine rasche Entspannung der Situation: „Der Fachpersonalmangel ist auch im Gesundheitswesen angekommen und wird für lange Zeit bleiben.“ Man wolle aber „gemeinsam mit dem Betriebsrat und auch mit engagierten Arbeitnehmervertretungen wie der Arbeiterkammer die Herausforderungen der Zukunft meistern.“

„Natürlich brauchen wir mehr Personal, aber das wird noch dauern.“

Thomas Steurer,
Zentralbetriebsrat KHBG

Die Ergebnisse der Befragung zeichneten ein Bild hoher Belas­tungen, heißt es von der KHBG. Als Ursachen ortet man unter anderem die Pandemie und demografische Herausforderungen durch die Überalterung der Belegschaft. Auch AK-Präsident Heinzle ortet Bedarf für „eine Demografie-robuste Personalentwicklung“.

Beim Krankenhausbetreiber sieht man aber durchaus auch positive Tendenzen. So hätten 26,1 Prozent der Befragten selbst in der Pandemie-Zeit eine Verbesserung der Arbeitsbelastung erlebt. Auch habe die Pandemie 45,9 Prozent gezeigt, dass sie genau den richtigen Beruf gewählt hätten.

Scharfe Kritik der FSG

Bei der FSG sieht man das anders: „Das Ergebnis bestätigt die extrem belastenden Rahmenbedingungen, vor denen wir seit Jahren warnen“, so Auer. „Es sind nicht nur Einzelfälle von Überforderung innerhalb des Personals. Arbeiten an und über der Belastungsgrenze gehören leider zum Spitalsalltag!“ Auch die Patienten seien dadurch „massiv gefährdet“.

Es mangle „an allen Ecken und Enden an Personal“. Das würde auch die hohe Zahl an gesperrten Betten belegen. Auch Auer sieht keine schnelle Lösung für die Probleme. Es müssten nun aber die richtigen Schritte gesetzt werden, „um den Karren aus dem Dreck zu ziehen“. Auer fordert vom Land mehr Ausbildungsplätze und die Diplomausbildung an den Krankenpflegeschulen vorerst beizubehalten. Die Ausbildung müsse außerdem finanziell attraktiviert werden.

„Arbeitsplatz ist attraktiv“

Trotz der AK-Studie zur Arbeitsbelastung in den Spitälern beharrte das Land am Dienstag in einer Aussendung: „Der Arbeitsplatz Krankenhaus ist attraktiv.“ Die Befragung habe aber auch aufgezeigt, „dass die Organisation nach drei Jahren Pandemie sehr erschöpft ist“.

In den Vorarlberger Spitälern seien derzeit nur 112 von 4991 Vollzeitstellen nicht besetzt. „Punktuell führt dies in einzelnen Stationen zu besonders belastenden Situationen, es kann aber nicht generell von einer prekären Arbeitssituation für alle Bediensteten gesprochen werden“, so Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher (ÖVP). Über Organisations- und Teamentwicklungsprojekte würden besonders geforderte Abteilungen professionell begleitet, um Ärzte und Pflegekräfte zu entlasten. Dementgegen klagten 72,8 Prozent der befragten Spitalsmitarbeiter „über einen überbordenden Verwaltungsaufwand“.

AK-Präsident Bernhard Heinzle meinte auf Twitter, man werde in Zukunft sehen, wer mit seiner Einschätzung der Lage näher liege. „Mir scheint, einige politische Akteure sind etwas überfordert.“

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