Politik

Dutzende Tote nach heftigen Gefechten im Sudan

16.04.2023 • 18:48 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Rauchwolke über Sudans Hauptstadt Khartum
Rauchwolke über Sudans Hauptstadt Khartum (c) APA/AFP/- (-)

Erbitterte Kämpfe zwischen Streitkräften und einer einflussreichen paramilitärischen Gruppe.

Sudanesischen Ärzten zufolge gab es bis Sonntag schon Dutzende Tote und Hunderte Verletzte zu beklagen – auch Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen waren unter den Opfern. Die Afrikanische Union (AU) berief eine Krisensitzung ein.

Mehr als 24 Stunden nach Beginn der Gefechte konnten bis Sonntagmittag scheinbar weder das Militär noch die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) die Oberhand gewinnen. Beide Seiten berichteten über einzelne Erfolge und eingenommene Militärstützpunkte. Die Angaben ließen sich aber meist nicht unabhängig überprüfen.

Eine sudanesische Ärzteorganisation teilte Sonntag früh über Twitter mit, es gebe mindestens 56 zivile Todesopfer zu beklagen und Dutzende getötete Soldaten. Außerdem seien in Krankenhäusern und anderen Versorgungsstellen knapp 600 Verletzte gezählt worden, von denen Dutzende in Lebensgefahr schwebten.

Auch drei UNO-Mitarbeiter getötet

Die UNO verurteilte die Tötung von drei Mitarbeitern des Welternährungsprogramms (WFP) bei Zusammenstößen in Kabkabiya in Nord-Darfur. “Ich bin auch äußerst entsetzt über die Berichte über den Einschlag von Geschossen in UN- und anderen humanitären Einrichtungen sowie über Berichte über Plünderungen von UN- und anderen humanitären Einrichtungen an mehreren Orten in Darfur”, erklärte der UNO-Sonderbeauftragte Volker Perthes.

Der UNO-Sicherheitsrat forderte alle Konfliktparteien in seltener Einigkeit auf, das Blutvergießen zu beenden und Gespräche zur Beendigung der Krise aufzunehmen. Außerdem müssten humanitäre Helfer sicheren Zugang bekommen und UNO-Mitarbeiter geschützt werden, forderte das mächtigste Gremium der Vereinten Nationen. Auch UNO-Generalsekretär António Guterres, US-Außenminister Antony Blinken, der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell und die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock forderten ein sofortiges Ende der Gewalt im Sudan.

Der Friedens-und Sicherheitsrat der Afrikanischen Union beriet am Sonntagnachmittag über die “beunruhigenden Situation im Sudan. Der Vorsitzende der AU-Kommission, Moussa Faki Mahamat, hatte zuvor bereits dringend einen Waffenstillstand, Dialog und den Schutz der Zivilbevölkerung gefordert.

Auch die Zwischenstaatliche Behörde für Entwicklung (IGAD) in Ostafrika beraumte am Sonntag ein außerordentliches Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs an. Man wolle erörtern, wie die Situation im Sudan “am besten deeskaliert und die Ruhe zum Wohle des Landes wiederhergestellt werden kann”, sagte IGAD Exekutivsekretär Workneh Gebeyehu auf Twitter.

Hauptkommando des Militärs unter Beschuss

Besonders umkämpft war in der Hauptstadt Khartum am Sonntag das Gebäude des Hauptkommandos des Militärs, Teile davon gerieten in Brand. Die RSF teilten mit, bestimmte Bereiche des Hauptquartiers unter Kontrolle zu haben. Das sudanesische Militär wies dies als Falschmeldung zurück. Stattdessen teilte die Armee mit, der Brand sei gelöscht. Es habe keine Verletzten gegeben. Augenzeugen berichten jedoch, dass die Kämpfe dort unvermindert weitergingen. Dabei sollen schwere Artillerie und Kampfjets eingesetzt worden sein. Auch in anderen Teilen des Landes wie in den Provinzen Darfur und Nord-Kordofan soll es zu Kämpfen gekommen sein. Schwere Gefechte wurden auch aus der Stadt Merowe im Norden des Landes gemeldet.

Erbitterter Machtkampf zwischen einstigen Verbündeten

Hintergrund des Gewaltausbruchs ist ein erbitterter Machtkampf zwischen dem sudanesischen Machthaber General Abdel Fattah al-Burhan und seinem Stellvertreter Mohamed Hamdan Dagalo (Daglo) – auch bekannt unter dem Namen Hemedti -, dem Anführer der RSF. Der Konflikt in dem Land mit 46 Millionen Einwohnern eskalierte am Samstag, binnen weniger Stunden kam es zu heftigen Gefechten. Aus Khartum wurde unter anderem Artilleriebeschuss gemeldet, außerdem gab es Berichte über Luftangriffe der sudanesischen Luftwaffe auf RSF-Stützpunkte. Wer in Khartum aktuell die Oberhand hat, ist unklar.

Seit dem Sturz des Langzeitmachthabers Omar al-Bashir 2019 und einem weiteren Putsch gegen eine daraufhin eingesetzte – faktisch aber vom Militär kontrollierte – Zivilregierung 2021 hat die Armee die Kontrolle im Sudan. Die RSF und das sudanesische Militär hatten bei beiden Machtübernahmen Hand in Hand gearbeitet. Im Zuge des für April geplanten Übergangs zu einer zivilen Regierung sollten die Paramilitärs in die Streitkräfte eingegliedert werden. Das führte zu einem Machtkampf zwischen den einstigen Verbündeten. Dagalo warf Burhan vor, sein Amt als De-Facto-Staatschef nicht aufgeben zu wollen und sich entgegen aller Absprachen an die Macht zu klammern.

General Abdel Fattah al-Burhan (l.) und Mohamed Hamdan Dagalo
General Abdel Fattah al-Burhan (l.) und Mohamed Hamdan DagaloAPA

Die RSF hatten vor wenigen Tagen ihre Einheiten mobilisiert, nachdem das Militär die Ernennung eines Premierministers und damit die Machtübergabe erneut verzögert hatte. Beobachter werteten die Mobilisierung als Drohgebärde Dagalos gegen Oberbefehlshaber Burhan. Zuletzt hatte Dagalo einen schnellen Übergang zu einer Zivilregierung gefordert und sich damit gegen Burhan gestellt.

Die RSF hatten sich 2013 aus Milizen im westlichen Bundesstaat Darfur zusammengeschlossen. Bei dem jahrzehntelangen Konflikt dort galten sie als brutal agierende Unterstützer der arabisch dominierten Regierung, die gewaltsam gegen die afrikanische Minderheit vorgingen. Die Gruppe und ihr Anführer Dagalo wurden für Massenvergewaltigungen und andere schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen verantwortlich gemacht. Nach dem Sturz von Machthaber Bashir 2019 galt Dagalo als mächtigster Mann im Sudan. Die Regierungsgeschäfte übernahm aber Burhan, der Generalinspekteur der Streitkräfte. Dagalo wurde später Burhans Stellvertreter im regierenden Übergangsrat.

General Abdel Fattah al-Burhan (l.) und Mohamed Hamdan Dagalo
General Abdel Fattah al-Burhan (l.) und Mohamed Hamdan DagaloAPA

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