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Wer schoss auf dem Maidan?

Vor einem Jahr eskalierte in der ukrainischen Hauptstadt Kiew die Gewalt: Schüsse fielen, am Ende des Tages waren 100 Menschen tot.

THEMA-TEAM: STEFAN SCHOLL, KIEW, MANUELA SWOBODA

Auf der Institutskaja Straße haben sich Hunderte Menschen um zwei Geistliche geschart, die vor einem Holzkreuz stehen. Die Menge singt leise das Lied, das der Maidan damals, im Februar 2014, jede volle Stunde anstimmte. „Für die Freiheit opfern wir Körper und Seele.“ Die ukrainische Nationalhymne klingt jetzt wie ein Trauerlied.

Heute vor einem Jahr endete die Maidan-Revolution in Kiew mit einem Sieg der proeuropäischen Rebellen. Aber mehr als 100 Aufständische und über ein Dutzend Milizionäre bezahlten ihn mit ihrem Tod. Und er forderte noch blutigere Zinsen.

Alexander Zapenko gehört zu den Legenden des Maidans. Ein 47-jähriger Glatzkopf, Amateurfußballtrainer, Afghanistanveteran und Unterführer der Maidan-Selbstverteidigung. Beim Sturmangriff der Sicherheitskräfte in der Nacht auf den 18. Februar geriet ihr Stab, das Gewerkschaftshaus am Maidan, in Brand. Zarenko erlitt schwere Verbrennungen, schleppte trotzdem einen halb toten Kameraden aus den Flammen.

Als im April der Krieg im Donbass ausbrach, schloss er sich dem Freiwilligenbataillon „Aidar“ an, bei den Kämpfen um den Flughafen von Lugansk durchschlug eine Kugel seinen Kopf, er überlebte auch das. Ein billiges Café am Bahnhof, schwarzer Tee, Zarenko, 47, schüttet lächelnd etwas Kognak dazu. Er hat einen Aidar-Kameraden mitgebracht, Oleg Sobkow, 42, auch er Maidan-Veteran. Warum die beiden dort von November bis Februar gestanden, gefroren, geblutet haben? „Wir waren gegen Janukowitschs Gangsterregime“, sagt Sobkow. Beiden fällt es schwer, das Erlebte zu diskutieren.

Immer wieder unterbrechen sie sich selbst, fingern an ihren Smartphones, zeigen neue Fotos: Vor allem Fotos von Kameraden, die auf dem Maidan erschossen wurden, im Lazarett liegen, in der Ostukraine gefallen sind.

„Michailo Sawoljuk war wirklich ein Held“, erzählt Zarenko, „er hat sich und einen Trupp Rebellen mit einer Handgranate in die Luft gejagt.“

Der Aufstand auf dem Kiewer Maidan-Platz begann Anfang November 2013 als gewaltfreier Studentenprotest gegen die Entscheidung des Staatschefs Viktor Janukowitschs, das unterschriftsreife Assoziierungsabkommen mit der EU zu canceln. Hunderttausende gesellten sich dazu, monatelang demonstrierten sie friedlich, aber Janukowitsch verweigerte alle Zugeständnisse, am 18. Jänner gab es die ersten Toten.

Schlacht

Die Proteste gerieten zur Straßenschlacht, die blaugelben Wollmützen der Aktivisten wichen erst orangefarbenen Bau-, dann Stahlhelmen. Am 18. Februar scheiterte ein Sturmangriff der Sicherheitskräfte, 17 Tote, darunter 7 Polizisten. Am 20. Februar kam es zu einer offenen Schießerei, 50 Rebellen und 7 Ordnungshüter starben im Kugelhagel. Am nächsten Abend floh Janukowitsch aus Kiew.

Um das blutige Finale ranken sich wilde Verschwörungstheorien, russische Staatsmedien faseln, US-Sniper, hätten das Blutbad am 21. Februar angezettelt. Der ukrainische Geheimdienstchef Valentin Naliwaitschenko dagegen behauptet, Putin-Berater Wladislaw Surkow persönlich habe eine Brigade russischer Scharfschützen dirigiert.

Tatsächlich eröffneten die Sicherheitskräfte ihr massives Feuer auf vordringende Maidankämpfer offenbar als Reaktion auf das erste Gewehrfeuer der Gegenseite. Schon am Morgen des 20. Februar waren auf dem Maidan Kampfgruppen mit Jagdgewehren zu sehen. Sowohl die BBC wie die ukrainische Zeitung Vesti interviewten einen Aufständischen, der gestand, die Polizisten 10 bis 20 Minuten aus einer Saiga-Büchse beschossen zu haben. Deren Antwortsalven waren die Kulmination eines Nervenkrieges, der ein Vierteljahr gedauert hatte.

Ein Jahr danach herrscht Krieg, die Wirtschaft kracht. „Poroschenkos Regime ist so korrupt wie das Janukowitschs“, schimpft Zarenko. Auf einer Litfaßsäule am Maidan prangt die pathetische Unwahrheit: „Helden sterben nicht.“ Weiter die Straße entlang stehen Denkmäler, an denen Bilder mit den Gesichtern toter Helden hängen. Aber die Monate ihrer Todesdaten lauten nicht mehr Jänner oder Februar, sondern Juli oder August 2014 – es sind die Toten aus dem Donbass.

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