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Ich widersetze mich jedem Meinungsdiktat

In seinem einzigen Interview zum 30-Jahr-Jubiläum der Weltmarke Red Bull übt Firmenchef Dietrich Mateschitz (72) heftige Kritik an der politischen Klasse in Österreich. Er wirft den Regierungsparteien Versagen im Management der Migrationsströme vor. Die späte Schubumkehr wertet er als Opportunismus zur Absicherung der eigenen Macht. Ein Gespräch über Reichtum, Donald Trump, Metternich und die Weisheit der Mutter. Von Hubert Patterer und Gerhard Nöhrer

Für das Gespräch lädt der Gastgeber auf seine abgeschiedene Lieblingsalm in der Obersteiermark. Der Weg führt über Forstwege hinauf auf eine Anhöhe, die den Blick auf ein prachtvolles Bergpanorama freigibt. Kein anderes Gehöft ist in Sichtweite, das sei ihm wichtig gewesen. Zu hören ist das helle Plätschern des Brunnens vor dem äußerlich schlichten Refugium. Das alte Holz in den Stuben stammt von abgetragenen Bauernhöfen. Am Eingang Sportschuhe und Mountainbike-Ausrüstung. Vor dem Gebäude steht ein Land Rover Defender, Kultvehikel mit Salzburger Kennzeichen. Dahinter ein Marterl.

Das „Forbes“-Magazin hat Sie dieser Tage als reichsten Österreicher bestätigt. Ihr Vermögen vergrößerte sich demnach auf 12,6 Milliarden Euro. Hat das eine Bedeutung für Sie? Ist es eine Messgröße für Erfolg, für ein gelungenes Leben?

So wie Sie solche Statistiken und Veröffentlichungen lieben, so sehr liebe ich sie: wie der Teufel das Weihwasser. Solche Rankings sind für nichts gut. Schade ums Papier.

Sie ärgern sich.

Ich ärgere mich nicht. Aber der Erfolg, der da abgebildet wird, ist in Wahrheit nicht relevant, wird einem als normalem Menschen auch nie bewusst, Gott sei Dank. Man gründet ja nicht ein Unternehmen mit dem Ziel, auf eine „Forbes“-Liste zu kommen. Man hat Ideen, die versucht man zu verwirklichen. Wenn Leute solche Summen lesen, stellen sie sich vor, du sitzt mit deinen elf oder mehr Milliarden da wie Dagobert Duck auf seinem Golddukatenspeicher. Das ist natürlich kompletter Unsinn.

Es ist für Sie also nur materialisiertes Vermögen, aber es ist nicht fiktiv.

So ist es. Nur beim mehr als theoretischen Verkauf des Unternehmens würde sich eine neue Verantwortung ergeben, eben die der richtigen Veranlagung. So ist meine Verantwortung, dass ich ein paar Hundert Millionen Steuern zahle, für 12.000 Mitarbeiter verantwortlich bin, dass wir wieder Formel-1-Weltmeister werden und im Fußball und vielen anderen Bereichen Erfolg haben wollen, dass wir im Marketing und bei der Finanzierung keine Fehler machen, langfristig und richtig planen und so weiter und so fort. Das bedeutet, Geld ist nur der Gegenwert erforderlicher Investitionen, Anschaffungen, Dienstleistungen. Es steht nur auf dem Papier.

Nicht nur. Sie haben Flugzeuge, Hubschrauber und eine Insel in der Südsee.

Das wird mir nur bewusst, wenn mich jemand darauf anspricht. Es ist schon richtig, dass ich ein Faible für schöne, einzigartige Plätze habe – um mich daran zu erfreuen, aber auch, um darauf aufzupassen. Und natürlich hab ich eine Leidenschaft fürs Fliegen.

Versteuern Sie Ihr ganzes Vermögen in Österreich?

In grauer Vorzeit habe ich einmal salopp gesagt, ich wäre froh, wenn ich möglichst viel Steuern zahlen dürfte, weil dann würde die Hälfte immer noch mir gehören. Es ist zwar nicht mehr ganz die Hälfte, aber ich zahle selbstverständlich und nahezu gerne in Österreich. Wir gehören auch nicht zu den Unternehmen, die ein Dutzend Konstrukte zur Steuerersparnis nutzen. Wir haben keine Einkaufsgesellschaft in Hongkong, keine Markenregistrierung auf den Cayman Islands, nichts in Panama oder wo auch immer. Das Welteinkommen wird hier in Österreich versteuert. Umso kritischer sollte man sich ansehen, wie mit den Steuern umgegangen wird.

Wie geht man um damit?

Im Großen und Ganzen falsch, und das in vielen Bereichen. Wir haben trotz einer der höchsten Besteuerungen unglaubliche Staatsschulden und vergrößern sie, anstatt sie zu verkleinern. Ich bin altmodisch groß geworden. Meine Mama hat zu mir gesagt: Fremdkapital sind Schulden und Schulden macht man nicht!

Betriebswirtschaftler würden einwenden, dass das ökonomischer Unsinn ist.

Ich weiß, was man auf Hochschulen lehrt: zwei Drittel Fremdkapital, ein Drittel Eigenkapital. Aber jetzt lassen Sie den Umsatz im Dezember etwas geringer ausfallen und die Zinsen parallel leicht steigen, und schon haben Sie mehr als nur ein Problem. Außerdem investiert man das Geld, das man verdient hat, und nicht das Geld, das man vielleicht einmal verdienen wird. Wir haben heuer das dreißigste Jahr Red Bull und außer zur Umsatzfinanzierung hatten wir noch nie Bankschulden. Das weltweite Ausrollen von Red Bull haben wir zeitlich unserem Cashflow angepasst.

Was ist Ihr Ziel? Gewinnmaximierung?

Maximierung des Gewinns als oberstes Unternehmensziel: Auch das lehrt man ja an den Unis. Auch das halte ich für nicht richtig. Alles kann man maximieren, die Kreativität, die Innovation, die Intelligenz, alles, aber nicht den Gewinn. Erst durch die Maximierung all dessen, was geistreich, gut, schöpferisch und sinnvoll ist, kommt der Gewinn. Als Folge. Anders kann man einen Gewinn nicht maximieren. Das ist meine tiefe Überzeugung.

Im Vorjahr hat Red Bull mehr als sechs Milliarden Dosen hergestellt und erstmals über sechs Milliarden Euro umgesetzt. Was wollen Sie da noch maximieren?

Wachstumsreserven gibt es genug. Wir haben noch viele Länder mit einem jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von drei, vier Dosen. In Österreich sind es 24 Dosen, in der Schweiz 23. Unsere allerersten Verwender vor 30 Jahren waren damals 18 und sind jetzt 48, in der Blüte ihres Lebens. Und jetzt kommen die neuen Verwender nach, ohne dass wir die alten verlieren.

Ihr wichtigster Markt ist Amerika, wo Sie fast die Hälfte der sechs Milliarden Dosen absetzen. Was machen Sie, wenn Donald Trump von Ihnen plötzlich 20 Prozent Einfuhrsteuer will?

Straf- und Importzölle haben schon andere Präsidenten vor ihm erfunden, und zwar nicht nur amerikanische. Dazu braucht es keinen Trump. Ich glaube aber gar nicht, dass es dazu kommen wird, und wenn, produzieren wir ja auch in der Schweiz, also außerhalb der EU. Wir können auch die 20 Prozent zahlen, keine Dividenden ausschütten und weniger investieren. Oder wir könnten kurz- bis mittelfristig eine Produktion nach Amerika verlagern. Wichtig ist, dass nichts passiert, was uns überraschen kann. Deswegen spielen wir jeden Monat alle Szenarien durch.

Was halten Sie von Trump?

Ich glaube nicht, dass er so ein Idiot ist, wie man ihn hinstellt. Wenn man mit Amerikanern spricht, hört man oft, dass sie einmal grundsätzlich froh sind, dass es eine neue Administration gibt. Die frühere hat man ja in vielen Belangen mehr als infrage gestellt. Und „anders“ ist es ja jetzt ohne Zweifel.

Ist das schon eine positive Kategorie? Viele sind schockiert über Trumps erratische Sprunghaftigkeit.

Diese Frage bietet sich schon an, natürlich. Aber vor allem halte ich die derzeitige Hysterie für lächerlich. Nur weil etwas außerhalb der eigenen Ideologie ist? Das Schlechte an der Demokratie ist, dass die Mehrheit nicht immer recht hat. Das Gute ist, dass das Irren korrigierbar ist, dass jeder genauso schnell abgewählt werden kann, wie er gewählt wurde. Man soll Trump Zeit geben.

Wo können Sie ihm folgen?

Ich glaube ganz einfach nicht, dass er je wirklich daran gedacht hat, ein paar Kilometer Grenzzaun zu Mexiko zu bauen. Viele Dinge werden auch zu Unrecht kritisiert, wie der versuchte Dialog mit Russland. Es macht einfach keinen Sinn, über einen Wirtschaftsboykott zu versuchen, ein Land wie Russland – auch und schon gar nicht mithilfe der EU – in den Ruin zu treiben. Vor allem, weil das auch für uns, für ganz Europa einen Verlust in Milliardenhöhe bedeutet. Russland ist ein Teil Europas, und was sonst, wenn kein beginnender Dialog, sollte zielführend sein? Doch das Meinungsdiktat des politisch Korrekten sagt: Russland ist ein

Schurkenstaat, das Böse schlechthin, und wir sind die Guten. Und jeder, der das nicht so sieht, liegt falsch. Dann ist auch schnell Schluss mit Meinungsfreiheit, denn die wird ja nur gewährt, solange man dieselbe Meinung vertritt wie sie. Ich brauche niemanden, der mir sagt, wer meine Feinde sind.

„Wie sie“: Wer ist „sie“?

Die Politik, die sich in politischer Correctness ergeht, und eine selbst ernannte sogenannte intellektuelle Elite, bei der man bei bestem Willen weder einen wesentlichen wirtschaftspolitischen noch einen kulturpolitischen Beitrag für unser Land erkennen kann.

Sie sind doch auch Elite.

Ich bin Humanist, Kosmopolit, Pazifist und Individualist. Und ich bin jemand, der sich grundsätzlich jedem Meinungsdiktat widersetzt. Egal woher es kommt. Auch wenn man sich damit sofort in alle Richtungen verdächtig macht: In Amerika wird man als Kommunist abgestempelt, in Europa als Verschwörungstheoretiker oder Rechtspopulist.

Was stört Sie konkret?

Zum Beispiel das unverzeihliche Ausmaß der politischen Fehleinschätzungen und Fehlentscheidungen bei der Nichtbewältigung der Flüchtlingswelle oder, besser gesagt, der Auswanderungswelle. Ich glaube nicht, dass es ein klarer Ausdruck politischen Willens war, die Grenzen unkontrolliert offen zu lassen. Man hat aus Angst und politischer Opportunität so entschieden. Schon damals war für jedermann erkennbar, dass der Großteil der Menschen nicht der Definition des Flüchtlings entsprach. Jedenfalls nicht der der Genfer Konvention.

Ist es nicht polemisch und wohlfeil, mit dem Wissen von heute das damalige Handeln zu verurteilen? Man war überwältigt von den Bildern und der Dimension der Gestrandeten.

Nein. Man muss von Anfang an richtig und vorausdenkend entscheiden. Würde man in einem Unternehmen Fehlentscheidungen dieser Tragweite treffen, wäre man in Kürze pleite. Wie konnte die Politik überrascht gewesen sein? Man muss blind und taub gewesen sein, um nicht zu sehen, was da auf uns zukommt. Und selbstverständlich hätte man die Grenzen schließen und ordentlich kontrollieren müssen, gar keine Frage. Erinnern Sie sich, wie sehr man am Anfang die osteuropäischen Staaten für ihre Haltung kritisiert hat? Ein paar Monate später haben unsere Politiker alles genauso gemacht. Mit dem einzigen Unterschied, dass man im Duden nach einem anderen Wort für Zaun gesucht hat.

Sie lassen außer Acht, dass die jetzige Regierung einen radikalen Paradigmenwechsel vorgenommen hat und ein rot-schwarzes Schaulaufen darbietet, wer den restriktiveren Kurs fährt.

Das war zu erwarten. Weil es jetzt um die Machterhaltung der politischen Parteien geht, bevor ihnen die letzten zehn, fünfzehn Prozent der Bürger auch noch davonlaufen. Ideologischen Wert hat das keinen.

Sie könnten doch froh sein, dass es aus nüchterner Vernunft passiert und nicht ideologisch ist.

Im Idealfall schließt das eine das andere ja nicht aus. Unterm Strich müssen jedenfalls richtige Lösungen stehen, und vor allem kann oder darf niemand an einer Destabilisierung Europas Interesse haben, an der Einzigartigkeit unserer Vielfalt, der Individualität, der verschiedenen Kulturen, Sprachen. Wenn einer der höchsten Beamten in Brüssel sagt, dass Staaten mit Monokulturen von der Landkarte ausradiert gehören, dann mache hoffentlich nicht nur ich mir Sorgen. Aber es scheint schon so, dass sich niemand mehr die Wahrheit zu sagen traut, auch wenn jeder weiß, dass es die Wahrheit ist.

Wer traut sich nicht?

Der Großteil. Ich kenne Wirte, die haben sich gegen die Kassapflicht auf Almen oder die Kennzeichnungspflichten auf der Speisekarte gewehrt. Die meisten haben wieder damit aufgehört, weil sie außerordentliche Steuerprüfungen und Besuche von der Lebensmittelbehörde bekommen haben. Man will den unmündigen, kritiklosen und verängstigten Staatsbürger. Metternich war ein Lehrbub gegen das, was heute passiert. Das ureigenste aller Menschenrechte ist das auf Eigenverantwortung, und das nehmen sie dir. Sie manipulieren, reglementieren, überwachen, kontrollieren. Und der gläserne Mensch ist genauso ein Albtraum wie die Meinungsdiktatur. Jetzt will man auch noch das Bargeld abschaffen! Wen bitte hat es zu interessieren, was und wo ich zu Abend gegessen habe oder was ich meiner Familie und Freunden zu Weihnachten schenke?

Sie reden wie ein Wutbürger.

Ich rede über Fakten, und ich rede über Scheinheiligkeiten. Ich rede darüber, dass keiner von denen, die „Willkommen“ oder „Wir schaffen das“ gerufen haben, sein Gästezimmer frei gemacht oder in seinem Garten ein Zelt stehen hat, in dem fünf Auswanderer wohnen können. Oder über die Grüne, die sich mit der Limousine mit dem zusammenklappbaren Fahrrad hinter das Parlament fahren lässt, dort aussteigt und die letzten Meter zum Hohen Haus radelt. Leiden müsste jeder unter den Zuständen. Tut ja auch jeder.

Anerkennen Sie die Bemühungen des neuen Kanzlers Christian Kern, das Land aus dem Stillstand herauszuführen?

Das ist sein Beruf und seine Verantwortung. Was er wirklich bewegen kann, wird er beweisen.

Wie erleben Sie den mutmaßlichen Gegenspieler Sebastian Kurz?

Was für Christian Kern gilt, gilt natürlich auch für ihn und jeden anderen Beamten. Bei Kurz fällt auf, dass er sehr intelligent, couragiert und charismatisch wirkt. Man kann seine Standpunkte weitestgehend teilen.

Fällt es Ihnen zunehmend schwer, in Österreich zu leben?

Wie sollte es mir schwerfallen, in Österreich zu leben? Ich habe mir nur versprochen, dass ich mit dieser allgemeinen Nörgelei aufhöre und die Dinge beim Namen nenne. Das hat nichts mit Wutbürger zu tun, sondern mit der Verantwortung eines mündigen und kritischen Bürgers. Und diese Verantwortung haben alle. Es beleidigt einfach meine Intelligenz, wenn man uns nach wie vor für manipulierbar und blöd verkaufen will.

So rabiat kennen wir Sie nicht.

Ich sehe da nichts Rabiates und keine Polemik. Ich sehe Fakten. Und vielleicht hie und da das legitime rhetorische Mittel der Überzeichnung, um Dinge kenntlich zu machen.

Ein Kosmopolit und Besitzer einer globalen Marke bangt um den Verlust der eigenen kulturellen Identität?

Es gibt bei allem eine kritische Masse. Am Wochenende 20.000 Wanderer und Mountainbiker im Nationalpark Hohe Tauern, das geht. Da rücken die Gämsen halt zusammen. Wenn du aus den 20.000 aber 200.000 machst oder gar zwei Millionen, dann geht das Ganze kaputt. Wir müssen verstehen, dass nicht nur die Naturregionen endlich sind, sondern alle Ressourcen, Energie, Wasser, Lebensmittel, Luft, medizinische Versorgung, alles, auch die Erde selbst. Ich rede hier nicht über Flüchtlinge nach der Genfer Konvention. Ich rede darüber, was man schon seit Langem klar erkennen und erwarten muss: die ganz großen Auswanderungsströme und Völkerwanderungen auf dem gesamten Erdball. Es werden viele Hunderte Millionen von Menschen in einen für sie besseren Lebensraum wollen, wo es noch Trinkwasser gibt, eine intakte Natur und wo Menschenrechte gelten. Und das ist dann politisch nicht mehr regulierbar – außer man wirkt rechtzeitig den Ursachen entgegen.

Hat Europa, wenn es sich als christlich begreift, nicht die ethische Verpflichtung, den Reichtum und das Wohlergehen anderen zugänglich zu machen?

Diese Verpflichtung hat nicht nur ein christliches Europa, sondern jeder Mensch, der etwas beitragen kann. Ein kleines Problem am Rande ist ja, dass zwar jeder das will, was der andere mehr hat, aber keiner was abgeben will an den, der weniger hat. Wobei eine Umverteilung innerhalb der Kirche kein minder interessantes Thema wäre, aber das nur nebenbei. Und zurück zur Realität. Wenn Sie das ganze Vermögen der vorhin strapazierten „Forbes“-Liste auf die restliche Menschheit aufteilen, merken Sie nicht einmal was davon.

Arbeitgeber dürfen laut Höchstgericht in ihren Unternehmen ein Kopftuchverbot erlassen. Wie gehen Sie damit um?

Mir ist das so was von egal. Die Menschen müssen in Ordnung sein. Sie dürfen im Sommer auch in Shorts kommen, wenn es 30 Grad hat. Ich finde es lächerlich, wenn man daraus ein Politikum macht. Es gibt Dringlicheres zu tun.

Welche Tugenden fordern Sie von Mitarbeitern ein?

Berufliche Kompetenz, Geradlinigkeit, Anständigkeit, Charakter. Das schließt nicht nur ein gewisses Leistungspotenzial ein, sondern auch die Bereitschaft, dieses Potenzial bereitzustellen. Es bringt nichts, wenn ich alles könnte, aber nicht bereit bin, es auszuschöpfen. Ich versuche, mich mit Leuten zu umgeben, die meine Philosophie zwischen „work hard“ und „play hard“ teilen. Nur arbeiten ist dumm, nur nichts tun genauso. Gleich sind die Menschen bei uns in ihren Rechten, aber ihre Begabungen und Fähigkeiten sind unterschiedlich, und diese Vielfalt versuchen wir auch zu fördern. Das entspricht unserem Weltbild.

Was ist Ihr Weltbild?

Die Eckpfeiler sind Individualismus und Nonkonformismus.

Lassen Sie den auch im Unternehmen zu? Wie gehen Sie mit Widerspruch um?

Im Berufsleben allgemein, so auch bei uns, geht es primär um Fakten, um Analysen, Planung, Umsetzung. Also um richtig oder nicht richtig, da bleibt für Meinung und Befindlichkeit wenig Platz. Ein Konsens in einem Team ist dann meist nicht mehr sehr schwierig.

Eine renommierte deutsche Zeitung hat Red Bull mit einer Sekte und ihren Firmenchef mit einem Guru verglichen: Herrscher über ein geschlossenes System und eine abgeschirmte Welt, aus der nur die Lust der Sportler, die Leidenschaft für das Risiko und die Gier nach Erfolg nach außen dringen sollen.

Mancher, der in den letzten Jahrzehnten über Red Bull geschrieben hat, müsste sich eigentlich in Grund und Boden schämen, so haarsträubender Unsinn wurde zum Teil verbreitet. Zuerst hatte Red Bull angeblich so viel Koffein wie 36 große Braune, dann war man plötzlich süchtig. Ich wurde dargestellt wie ein Drogendealer. Später hieß es, eine dunkle Macht stehe dahinter. Ich kenne kein transparenteres und geradlinigeres Unternehmen als unseres. Wir reden aber halt nur, wenn wir was zu sagen haben. Gackern nicht, bevor wir das Ei gelegt haben. Und ich für mich persönlich nehme eine gewisse Privatsphäre in Anspruch. Was ja auch schlüssig ist, schließlich soll nicht ich, sondern das Produkt im Mittelpunkt stehen.

Haben Sie all diese Zerrbilder nicht auch selbst befeuert, indem Sie sich der Öffentlichkeit radikal entziehen? So entstehen dann auch die Mythen.

Ich entziehe mich nicht der Öffentlichkeit, ich bin jeden Tag privat oder beruflich irgendwo unterwegs. Ich gebe Sport- und Wirtschaftsfachmedien auch Interviews. Was ich jedoch nicht tue, ist, mich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit in Medien zu pressen. Mir ist die Zeit dafür zu schade. Ich mache mit der Regenbogenpresse keine Revolvergeschichten.

Lesen Sie alles, was über Red Bull oder über Sie geschrieben wird?

Nein.

Sie lassen es sich vorlesen.

Auch nicht. Wenn ich auf sogenannte Kritik aufmerksam gemacht werde, schaue ich als Erstes, von wem sie kommt. Meistens sind das dann Leute, deren Lob mich mehr stören würde als deren Kritik.

Mit Schmähungen waren Sie auch konfrontiert, als Red Bull in Leipzig in den deutschen Fußball einstieg. Man sieht in Stadien noch immer feindselige Banner auf den Rängen. Trifft Sie das?

Wir reden hier über Hardcore-Fans, über Hooligans oder Ultras, die den Fußball generell und Red Bull insbesondere fürs Ausleben ihrer Konflikt- und Gewaltbereitschaft missbrauchen. Es gibt eine Minderheit im Fußball, die macht Klassenkampf, will nur betrunken sein oder Feuerwerke abschießen. Das registriere ich, und damit ist es getan. Es kränkt mich nicht. Dass sich der eine oder andere Präsident bemüßigt fühlt, für solche Dinge Sympathie und Zustimmung zu signalisieren, ist vielleicht nicht besonders durchdacht, vor allem wenn er sich die eigene Finanzierung anschaut. Aber egal. Was beim Fußball zählt, sind sportlicher Erfolg, Fairness im Umgang mit dem Gegner und die überwältigende Stimmung in einem ausverkauften Stadion. Das haben wir unbestritten erreicht.

Dennoch werfen Anhänger in Deutschland Ihrem Unternehmen vor, den Fußball entweiht zu haben, weil Sie ihn als Marketing-Vehikel veruntreuen würden.

Manchmal muss man sich nur noch wundern. Wir sind mit Sebastian Vettel in fünf Jahren vier Mal Weltmeister und einmal Zweiter geworden. Wir spielen in München Eishockey, waren im ersten Jahr deutscher Meister und spielen im zweiten Jahr wieder im Finale. Viele andere unserer Athleten bringen Weltklasseleistungen, und mit unseren Events setzen wir neue Standards.

Wie erklären Sie sich dann die Ablehnung und die Vorbehalte bei Teilen des Publikums?

Ich glaube fast, unser eigentliches Verbrechen besteht nicht darin, dass wir Fußball spielen, sondern darin, dass wir Erfolg haben. Dass wir in sechs Jahren viermal aufgestiegen sind und jetzt, worauf wir sehr stolz sind, mit einem der günstigeren Teams – und dem jüngsten – Tabellenzweiter in der 1. deutschen Bundesliga sind. Wenn man die Mannschaft in Leipzig mit Bayern München vergleicht, ist das wie ein Rekrutenbataillon gegen römische Söldner in ihrer vorletzten Schlacht. Eine gesamtdeutsche Befragung hat uns unter die beliebtesten Fußballklubs Deutschlands gewählt. Es steht also wieder eine vernachlässigbare Minderheit einer überwältigenden Mehrheit gegenüber.

In Österreich will man Ihnen nicht verzeihen, dass Sie von Salzburg die Besten nach Leipzig abziehen.

So denkt doch schon lange niemand mehr. Die Leute haben längst verstanden, dass unser Konzept in Kombination mit der Nachwuchsakademie das einzig Richtige und Mögliche für die österreichische Liga ist. So bekommen wir junge Talente zur Ausbildung ins Land, die sonst nie kommen würden. Und wenn sie für unsere Liga zu gut werden, gehen sie eben, ob nach Leipzig oder woandershin, spielt keine Rolle. Und solange sie da sind, um bei uns eine ordentliche Ausbildung zu erhalten, profitiert Österreichs Fußball davon. Noch nie hat eine österreichische U19-Mannschaft im Finale des Youth Cups gespielt und Klubs wie Paris St-Germain, Manchester City oder Atletico Madrid eliminiert. Und auch noch nie hat ein österreichischer Verein in eineinhalb Jahren über hundert Millionen Transfererlöse erzielt.

Wie haben Sie Aufstieg und Fall des Nationalteams erlebt?

So wie alle Österreicher. Den Aufstieg als inszeniert und überbewertet, den Fall als ernüchternd.

Sie haben zwischendurch mit dem Rückzug aus der Formel 1 kokettiert. Sie hatten keinen wettbewerbsfähigen Motor und schmerzhaft erfolglose Jahre. Was wollen Sie heuer erreichen?

Die „schmerzhaft erfolglosen Jahre“ sind derer zwei, mit dem zweiten Platz in der Konstrukteurswertung. Aber nachdem wir zuvor viermal Weltmeister geworden sind, wollen wir heuer und nächstes Jahr wieder um die WM mitfahren.

Der Formel 1 geht es nicht gut. Sie leidet unter Spannungsarmut, die Zuschauerzahlen schwinden. Dazu kommt die Legitimationskrise in Zeiten der CO2-Debatte. Ist der Zirkus noch zeitgemäß?

Der Formel 1 geht es wieder besser. Sie ist spannender geworden, und die Zuschauerzahlen steigen heuer wieder signifikant. Wir werden versuchen, mit unserer Wettbewerbsfähigkeit zur Attraktivität beizutragen. Spannender sportlicher Wettkampf auf höchstem Niveau, nur darauf kommt es im Motorsport an, alles andere ist irrelevant.

Steht Ihr Sohn Mark in Ihren Fußstapfen?

Er hat heuer erfolgreich seinen Bachelor abgeschlossen und wird bei uns im Unternehmen seinen Master berufsbegleitend machen. Ich lasse ihn noch ein wenig, der Ernst des Lebens holt ihn früh genug ein.

Wir hören, Sie haben die Jagdprüfung gemacht. Was lernt man da?

Ich wollte mehr Wissen haben, um mit den Förstern und Jägern auf Augenhöhe zu sein. Vorrangig bin ich Forstwirt und kein Jäger. Ich gehe hinein, weil es eine wunderbare Betätigung ist. Ich möchte keinen Erlös aus dem Wald erzielen, es wird ohnehin zu viel geschlagen.

In der Obersteiermark und im Salzkammergut haben Sie Dorfwirtshäuser, Schlösser, Restaurants und Hotels erworben. Neuerdings füllen Sie Heilwasser ab und brauen Bier. Warum tun Sie das?

Jedenfalls nicht, um Vermögen zu vermehren. Ich kann nichts mitnehmen. Ich will was Sinnvolles machen und das Schöne bewahren.

Wie oft halten Sie Nachschau in Ihren Betrieben?

Immer wieder. Da kann es schon vorkommen, dass mir das eine oder andere auffällt. Da stellt einer die Menükarte zusammen und schreibt hinein: „Hirsch aus eigener Jagd“. Und dann steht hinten in der Küche der 25-Kilo-Kanister mit der Aufschrift „Hirschragout“. Dann ist Schluss mit lustig.

Was passiert dann?

Ich schaue eine Zeit lang zu. Dann folgen fünf Gelbe Karten. Und irgendwann ist es selbst mir, dem extrem belastbaren Arbeitgeber, zu blöd. Jetzt isst man hervorragend dort.

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