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„Das ist eine Einladung an Moskau“

Milo Djukanović ist der Mann, der Montenegro in die Nato führte. Hier erklärt er, warum er das tat und Europa den Balkan nicht sich selbst überlassen darf. Von Christian Wehrschütz

Nach acht Jahren hat die Nato am Montag wieder einen Balkanstaat aufgenommen. Was bedeutet Montenegros Beitritt für die Region?

MILO DJUKANOVIĆ: Der Nato-Beitritt ist wichtig für die Region, deren Instabilität der Ausgangspunkt für alle Probleme ist, mit denen die Staaten des Balkans konfrontiert sind. Diese Staaten liegen in ihrer wirtschaftlichen und demokratischen Entwicklung weit hinter der entwickelten europäischen Umgebung zurück. Um den Rückstand aufzuholen, werden wir mehr als nur Jahrzehnte brauchen. Daher ist die Nato-Mitgliedschaft eine gute Botschaft auch für die anderen Staaten der Region, dass die Tore von Nato und EU weiter offen sind und man sie durchschreiten kann, wenn man ausdauernd ist und die nötigen Reformen durchführt.

In Montenegro gibt es heftigen Widerstand gegen den Nato-Beitritt, vor allem unter den proserbischen und prorussischen Parteien. Wie sehr ist Montenegro in dieser Frage gespalten?

In allen Gesellschaften des Balkans gibt es einen scharfen Konflikt zwischen den Kräften, die verstanden haben, dass die Perspektive des gesamten Westbalkans in der EU und in deren Wertesystem liegt. Dem steht jener Teil der Öffentlichkeit gegenüber, der traditionell und der Ansicht ist, dass Montenegro und andere Staaten des Balkans den alten, ausgetretenen antieuropäischen Abwegen folgen sollen, derentwegen wir so weit hinter dem entwickelten Europa zurückliegen. Das gilt auch für Montenegro, wo ein bedeutender Teil der Öffentlichkeit gegen den Nato-Beitritt ist. Begründet wird das mit unseren traditionellen Beziehungen zu Serbien und Russland, mit dem Nato-Krieg gegen Jugoslawien, der ein Ergebnis der katastrophalen Politik von Slobodan Milošević war. Doch all diese Argumente sind falsch, weil es unzweifelhaft ist, dass Montenegro und der gesamte Westbalkan integraler Bestandteil der europäischen Kultur sind.

Montenegro ist seit mehr als zehn Jahren unabhängig, beim Referendum 2006 stimmten knapp mehr als 55 Prozent für die Eigenstaatlichkeit. Viel stärker ist die Zustimmung seither nicht geworden. Warum ist das so?

Die Emanzipation der montenegrinischen Gesellschaft ist im Laufen, doch dieser Prozess verläuft nicht mit der Dynamik, die wir gerne hätten – aus zwei leicht verständlichen Gründen: Erstens ist unsere Spaltung sehr tief. Diese Gesellschaft ist gespalten in der Frage, ob wir unsere staatliche, kulturelle und religiöse Identität wollen oder ob wir Teil einer breiteren, serbischen oder slawischen Identität sein sollen. Der zweite Grund ist die Krise, die Europa durchlebt. Es ist viel leichter, eine neue Idee dem Teil einer traditionellen Gesellschaft zu vermitteln, die sich vor Unbekanntem fürchtet, wenn es Jahre des Wohlstandes auch in Europa gibt. Nur zwei Jahre nach der Unabhängigkeit begann im Jahre 2008 die Krise in Europa, die sich nur verschärft hat.

Seit dem EU-Beitritt von Kroatien 2013 gibt es für die anderen Staaten des ehemaligen Jugoslawien und für Albanien keine absehbare Beitrittsperspektive mehr, auch nicht für Montenegro, das bei den Verhandlungen mit Brüssel am weitesten vorangekommen ist. Was bedeutet das für die Region?

Nach dem Friedensvertrag von Dayton im Jahre 1995 gab es einen starken Enthusiasmus für die EU-Integration auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien. Seit damals sind mehr als 20 Jahre vergangen. Natürlich stellt sich die Frage, wie gut die Länder des Balkans, aber auch die euroatlantischen Gemeinschaften diese Zeit genutzt haben. Sehr wichtig ist daher die Rolle der EU, die sich nicht unentschlossen verhalten darf wie bisher, die den Integrationsprozess nicht verlangsamen darf. Das tut die EU jetzt, auch was etwa die Eröffnung von Verhandlungskapiteln im Falle Montenegros betrifft. Das nutzt natürlich eine dritte Partei aus, für die die Haltung der EU einer Einladung gleichkommt. Das ist eine Einladung an Moskau.

Welche Interessen verfolgt Russland auf dem Westbalkan?

Wir sind mit einem sehr ungeschickten Versuch Russlands konfrontiert, die Zukunft des Westbalkans zu beeinflussen. Für dieses überhebliche Auftreten Russlands gibt es zwei mögliche Erklärungen. Erstens könnte Russland wirklich bestrebt sein, wieder Einfluss auf die Region zu gewinnen, um auf diese Weise seine globale Wichtigkeit zu demonstrieren. Die zweite Erklärung, die für mich realistischer ist, besteht darin, dass der Balkan wieder zu einem politischen Wechselgeld wird – sprich, dass Russland vor allem von der Absicht getroffen ist, einige Staaten der ehemaligen Sowjetunion zu Mitgliedern von EU und Nato zu machen. Die Ermutigungen dieser Ambitionen durch den Westen werden als unfair gegenüber Russland empfunden, das nun selbst zu zeigen versucht, dass es in der Lage ist, eine eigene Rolle am Westbalkan zu spielen. Dadurch soll dessen euro-atlantische Perspektive getrübt werden. Was immer der Grund ist, dürfte es am Westbalkan kein Dilemma geben. Wir sind Teil der europäischen Kultur und haben leider eine mehr als überzeugende Erfahrung, wie sehr wir hinter dem entwickelten Europa deswegen zurückgeblieben sind, weil wir nicht entschlossen waren, dem Kurs der europäischen Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg zu folgen.

Auch ohne Moskau fehlt derzeit dem Westbalkan jede Perspektive für eine zügige Aufnahme in die EU. Das hat mit dem Rückstand bei der Modernisierung der Region, aber auch mit dem Zustand der EU zu tun. Was bedeutet das für Politiker, die für eine Integration eintreten?

Es ist heute sehr anstrengend, Euro-Enthusiast am Westbalkan zu sein. Das war in den Jahren viel leichter, als Europa wirklich aufrichtig eine Politik der Erweiterung verfolgte. Leider folgte auf dieses Bekenntnis dann das Gerede von der Erweiterungsmüdigkeit der EU. Daher sagen einem heute europäische Politiker, die vor Wahlen stehen, dass wir das Thema einer Erweiterung der EU nicht anschneiden sollen, weil das in der Öffentlichkeit nicht gut ankommt. Natürlich hat die Architektur Europas Schwächen, haben EU und Nato ihre schwachen Seiten, wie das Griechenland und Großbritannien gezeigt haben. Die Schwächen gilt es zu beseitigen, aber deswegen darf man sich nicht von der Vision eines vereinten Europa verabschieden.

Diese Vision ist derzeit sehr schwach ausgeprägt. Was müssen die Staaten des Westbalkans, was müssen die EU und ihre Mitglieder konkret tun, um die europäische Integration der Region voranzutreiben.

Alle Staaten des Westbalkans müssen Teil der EU werden; daran müssen wir glauben, daran muss auch die EU glauben. Wenn sich Europa nicht entschließt, diese Hilfe für den Westbalkan fortzusetzen, müssen wir uns damit abfinden, dass wir den destruktiven Kräften eine immer größere Perspektive bieten, wie wir sie jetzt aus Moskau kommen sehen. Dann wird der Balkan der weiche Unterleib Europas bleiben, und dann wird sich Europa statt mit der eigenen Entwicklung immer mehr mit dem Löschen von Bränden auf dem Balkan befassen müssen.

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