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Historisches Gedenken muss in die Zukunft weisen

ESSAY. Im obersteirischen Bretstein, einer Außenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen, wird alljährlich der Opfer gedacht. Heuer hielt Frido Hütter die Gedenkrede. Mit einigen aktuellen Bezügen.

Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, hat der legendäre Geisteswissenschaftler und Philosoph Theodor W. Adorno 1951 dekretiert. Aber schon drei Jahre zuvor hatte ihn der große Lyriker Paul Celan mit seiner „Todesfuge“ eindrucksvoll widerlegt. Ich möchte eingangs ein paar Zeilen daraus zitieren.

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts wir trinken und trinken wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei er pfeift seine Juden hervor lässt schaufeln ein Grab in der Erde er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends wir trinken und trinken ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod, der Tod ist ein Meister aus Deutschland er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng.

Wenn von Gedenken die Rede ist, weisen alle Aktivitäten naturgemäß auf Vergangenes. Auf selbst Erlebtes oder wenigstens aus erster Hand Erfahrenes. Das reicht nicht mehr, doch davon später.

Fast alle, die so wie ich kurz nach dem Krieg geboren wurden, sind Zeugen des furchtbaren sogenannten Dritten Reiches und des von ihm entfesselten Weltkrieges begegnet. Mein Vater hat mich, als ich etwa zwölf war, ins ehemalige Konzentrationslager Mauthausen begleitet.

Der erste Eindruck war so überwältigend, dass ich einige Zeit später noch ein paar Male allein hinfuhr, vielleicht in dem hilflosen Versuch, diese Barbarei in irgendeiner Form zu verstehen. Ausgeführt von Menschen, die Mozart hörten und Goethe lasen. Ich bin dabei nicht wirklich weitergekommen. Allenfalls zur Erkenntnis, dass Kunstsinnigkeit und Barbarei einander nicht zwingend ausschließen.

Für unsereinen war das alles also ziemlich nahe. Die Schrecken hatten sich in die Seelen unserer Altvorderen gebohrt, bei manchen für immer eingenistet, man konnte es spüren.

Heute, rund drei Generationen später, ist das anders. Jahre des Wohlstandes, der Zerstreuungen, Jahre des absoluten Friedens – zumindest in Österreich – haben die Gräuel des großen Krieges, die mörderische Maschinerie des Holocaust in historische Ferne geschoben. Heute Zwanzigjährige werden dazu den vielleicht selben Abstand empfinden wie wir zu den Türkenkriegen. Etwas, von dem man im Geschichtsunterricht hört, das einen aber emotional kaum noch anrührt.

Man muss Steven Spielberg dankbar dafür sein, dass er mit dem Film „Schindlers Liste“ die Schrecken des Holocaust einem breiten jungen Publikum erschlossen hat. Und wohl auch Claude Lanzmann, dessen elfstündige Dokumentation „Shoa“ vielleicht nicht so viele Seher fand, aber eine wichtige Konserve der Aussagen damals noch lebender Zeitzeugen geworden ist.

Ich habe eine Methode gefunden, sich bildhaft vorzustellen, was einem in seinem Leben alles erspart geblieben ist. Man nehme sein Geburtsdatum, rechne die Zahl der Lebensjahre von dort aus zurück und schon ist man dort. Mein Geburtsjahr, 1950 teilte das schreckliche 20. Jahrhundert, ich bin jetzt 67. Das heißt, mein Leben rückläufig gerechnet hätte 1883 begonnen.

Ich nenne das 20. Jahrhundert schrecklich, weil es tatsächlich so war. Hören Sie dazu ein paar Zahlen, die das deutlich machen. Von 1900 bis zum Jahr 2000 sind in Europa im Durchschnitt täglich 2100 Menschen eines gewaltsamen Todes gestorben. Obgleich die zweite Jahrhunderthälfte relativ friedlich war.

Löst man die rund 65 Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges heraus, werden die Zahlen noch bizarrer. Im Schnitt gerechnet kamen in diesen sechs Jahren täglich 32.500 Menschen um, sechs Jahre lang. – Man muss sich dieser Darstellung widmen, um die ungeheure Katastrophe zu erfassen, die ein paar Hetzer und Wirrköpfe der Menschheit angetan haben.

Es heißt, Lügen hätten kurze Beine; jene der vorstellbaren Schrecken sind offenbar noch kürzer. In den beschwingten 80er-Jahren hätte es niemand für möglich gehalten, dass noch einmal mitten in Europa ein Bürgerkrieg ausbrechen könnte, wie es im ehemaligen Jugoslawien im Jahrzehnt darauf der Fall war. Niemand hätte gedacht, dass die Landkarte historischer Massaker um etliche Orte, zum Beispiel Srebrenica, bereichert werden würde.

Es waren wiederum nur ein paar verantwortungslose Nationalisten, die mehr als hunderttausend Menschen das Leben kosteten. Aber anders als im Nationalsozialismus standen im Balkankonflikt keine Massen auf ihrer Seite, nein, es reichten ein paar hundert Kriegstreiber, um das Land in Brand zu setzen. Sie konnten nicht auf hoch motivierte Truppenverbände, nicht auf Verbrecherbrigaden wie SA, SS oder Waffen-SS zählen. Nein, sie rekrutierten einfache Bürger, die, so sie es überlebten, heute wieder an Tankstellen, in Restaurants oder Banken ihren Dienst versehen. – Vielleicht ist dies das besonders Erschreckende daran.

Vor ihren Taten standen Worte. Worte der Geringschätzung, Verhöhnung, Worte des Hasses. Und Europa hat kläglich dabei versagt, den Konflikt schon in dieser Phase zu steuern oder möglicherweise ohne Blutvergießen beizulegen. Wir starren schaudernd auf das Chaos in der arabischen Welt und waren selbst nicht in der Lage, einen so übersichtlichen und regionalen Krieg wie jenen in Ex-Jugoslawien gemeinsam zu bewältigen.

In den Jahren des Wohlstandes und der relativen Freiheit ist unser Geist fett und müde geworden. Wir halten beides für den Normalzustand, weil wir ja nichts anderes kennen. Und wir begreifen nicht, dass man dafür auch kämpfen muss. „Man muss sich die Freiheit nehmen, sie wird einem nicht geschenkt“, sagte die Künstlerin Meret Oppenheim. Was aber, wenn sie einem genommen zu werden droht? In zahlreichen Ländern der Erde, nicht nur in Ungarn, Polen, der Türkei, sind Menschen an der Macht, die Freiheit für ihr Privateigentum halten und die den anderen nur jene Freiheiten zugestehen, die ihnen zupasskommen. Diesen antidemokratischen Tendenzen muss man sich entgegenstellen, wenn es einem mit Gedenken ernst ist.

Die Lage ist umso brisanter, als das allgegenwärtige Internet Möglichkeiten der Meinungsmanipulation eröffnet, die bis vor Kurzem unvorstellbar waren. Zum Beispiel mittels sogenannter Chatbots. Das sind anonyme, fiktive Adressen in den sogenannten sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter, dem Lieblingsmedium von Donald Trump. Wie Geisterarmeen verbreiten sie die Botschaften ihrer anonymen Besitzer im virtuellen Raum.

Der Medienforscher Emilio Ferrara schätzt, dass im US-Wahlkampf 20 Prozent aller Postings gefälscht waren. Zwei Drittel von ihnen entfielen auf die Trump-Kampagne, ein Drittel wurde Hillary Clinton zugeordnet.

Die Nationalsozialisten hatten früh den Wert der Technik für ihre Absichten erkannt. Bald stand in jedem Haushalt ein sogenannter Volksempfänger, ein Radio, das nur den Empfang regimekonformer Sender zuließ. Es wurde zum wichtigsten Propagandainstrument. Vielleicht sollte man Teile der sozialen Netze als digitale Volksempfänger des 21. Jahrhunderts betrachten und selbige, mit Ausnahme der Türkei noch frei von den Bedrohungen einer Diktatur, entsprechend behandeln. Die drei Schlüssel dazu: politische Bildung, mediale Bildung, Herzensbildung.

Gedenken heißt also auch, in die Zukunft zu blicken, undemokratische Trends zu erspüren und diese rechtzeitig zu bekämpfen.

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