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„Es war fast einTrauma“

INTERVIEW. Dieter Böhmdorfer war der intellektuellste blaue Minister und litt unter den Zuständen. Heute sieht er die FPÖ gereift und für die Macht besser gerüstet. Von Hubert Patterer

Sie waren unter Schwarz-Blau Justizminister. Was war die prägende Erfahrung?

DIETER BÖHMDORFER: Als Jurist hat mich die Nicht-Professionalität schockiert, die Wurstigkeit, das Fehlen eines politischen Anliegens, der Egoismus: das Nur-an-sich-Denken, das Nur-ans-Abräumen-Denken. Es war fast ein Trauma. Ich habe jahrelang nicht darüber sprechen können. Jetzt geht es. Es ist jetzt 15 Jahre her.

Beschreiben Sie da die Zustände in den eigenen Reihen?

Nicht nur. Auch die Roten haben aufgenzwinkernd gesagt: Wir kommen schon wieder dran. Es ist nicht so wichtig, dass wir keine Regierung haben, wir haben unsere unsinkbaren Schiffe wie die Arbeiterkammer. Die machen das schon.

Wie deuten Sie die Wahl?

Als kluge Entscheidung der Wähler, weil sie mehrere Konstellationen möglich macht. Wäre die FPÖ hinter Kurz Zweiter, wäre Rot-Blau undenkbar. Weder Kern noch Doskozil können unter Strache den Vizekanzler machen, das wäre unverträglich für die SPÖ. Insofern ist Schwarz-Blau wahrscheinlich geworden. Es sei denn, Kurz plant eine Minderheitsregierung und oktroyiert Österreich neue Spielregeln auf.

Sie trauen Kurz das zu?

Irgendwo muss man ja die Vorteile sehen, wenn ein 31-Jähriger in diese Höhen kommt. Ich ordne das nicht seinem jugendlichen Übermut zu, sondern einem Selbstbewusstsein, das er jetzt hat, wenn auch etwas künstlich aufgesetzt. Das hat mich gestört, er hat im Wahlkampf so einen Blick à la Freiheitsstatue aufgesetzt.

Wie erklären Sie sich das Phänomen Kurz?

Die Wahl war eine Abstimmung über die Zuwanderung. Kurz hat das Thema gepflegter artikuliert. Generell spiegelt sein Sieg die Sehnsucht des bürgerlichen Lagers, auch als solches wahrgenommen zu werden. Erstmals seit langer Zeit ist dokumentiert, dass Österreich mehrheitlich bürgerlich ist, auch wenn das kein politischer Begriff ist. Wolfgang Schüssel hat es verabsäumt, dieses Potenzial zu heben und zu hegen.

Inwiefern?

Anstatt den freiheitlichen Partner für eine länger dauernde Partnerschaft ordentlich zu stützen, hat er seinen kammerpolitischen Machtinstinkt hervorgekehrt und war auf Vernichtung aus – freilich mit unserem Zutun.

Sie haben die Haltung der FPÖ in der Europafrage kritisiert. Es habe Sie jedes Mal gerissen. Ist es besser geworden? Ja, die Brexit-Erfahrung hat die Partei klüger gemacht. Strache hat die Nationalen im Griff. Die Leute interessiert das ohnehin nicht. Man passt auch besser auf, mit wem man sich umgibt. Man kann sich gegen Glückwünsche nicht wehren, aber man kann entscheiden, mit wem man auf der Bühne steht.

Wie ernst ist es Strache mit der Mäßigung? Ein Maskenspiel?

Für mich ist das keine Verstellung. Ich habe die Partei im Hofburg-Wahlkampf nach langer Pause wieder kennengelernt und bin auf gereifte Persönlichkeiten gestoßen. Zu ihrem Argumentationswerkzeug gehört nicht mehr automatisch die Aggression. Wir sind ja Wiener und lernen von Freud, dass Angst Gehässigkeit erzeugt. Die Sorge, im Staat nicht angenommen zu werden, hat viel zur Gehässigkeit der FPÖ beigetragen. Jetzt ist die FPÖ auf Augenhöhe mit ÖVP und SPÖ und kann diese Rolle abstreifen.

Ist die FPÖ heute für das Regieren besser gerüstet?

Absolut. Sie ist professioneller. Es war damals eine Entscheidung aus der Ungeduld heraus, die Partei war Jörg Haider. Man hat die Chance unüberlegt und unvorbereitet ergriffen. Die Mannschaft war zusammengewürfelt. Um Vizekanzlerin Riess-Passer hat sich ein innerer Kreis aufgebaut, der Zusammenhalt war nicht da. Und dann ist etwas passiert, was ich nicht für möglich gehalten hatte, und es erfüllt mich heute noch mit Traurigkeit: dass man mit der Glitzerwelt der Industriellenvereinigung den Karl-Heinz Grasser herausgebrochen hat. Der war innerlich längst VP-orientiert, hat aber noch für die FPÖ den Finanzminister abgegeben, eine Katastrophe. Das Wirtschaftsprogramm, das wir für die Bürger umsetzen wollten, hat er widerstrebend gemacht. Er hat mitgetan, als ob.

Schwarz-Blau endete für die FPÖ traumatisch. Ist die Wunde vernarbt?

Na ja, die FPÖ von heute möchte mit der FPÖ von damals nichts zu tun haben, ich verstehe das. Das ist natürlich insofern auch ein Drama, als diese schwarz-blaue Regierung keine Verteidiger findet. Ich verstehe das aus Straches Sicht. Er hat aus einer 3-Prozent-Partei eine 27-Prozent-Partei gemacht. Das hat in dieser Solidität noch niemand vor- oder nachgemacht. Wichtig ist, dass die Partei eine Sünde bekämpft: mitregieren, um mitzunaschen. Neidvoll haben sie es von Rot und Schwarz vorgelebt bekommen. Das muss Strache in den Griff kriegen: dass diese Mitnaschgesinnung gar nicht hochkommt. Wenn ihm das gelingt, ist das Projekt schon gelungen.

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