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Interview

„Manager passen nicht zur Sozialdemokratie“

Der Philosoph Konrad Paul Liessmann über das selbstverschuldete Unglück von Europas Arbeiterparteien.

Was sind die Gründe für den Niedergang der Sozialdemokratie in Europa?

KONRAD PAUL LIESSMANN: Die Sozialdemokraten waren in sehr vielen Ländern sehr lange in der Regierung. Parteien verbrauchen sich. Auch haben die Sozialdemokraten lange geschwankt, wie sie auf den entfesselten Kapitalismus nach 1989 reagieren sollen. Sie haben sich zum Teil angepasst. Das war der Blair-Schröder-Kurs, der ihnen auch geschadet hat.

War der dritte Weg der sozialdemokratische Sündenfall?

Kein Mensch, der eine neoliberale Politik will, muss die Sozialdemokratie wählen. Und wenn deren Spitzen sich dann noch von korrupten Karrieristen kaum unterscheiden, sinkt natürlich das Vertrauen in eine Bewegung, die stets den hohen moralischen Anspruch erhoben hat, die Partei der Gerechtigkeit, des sozialen Ausgleichs und der Unbestechlichkeit zu sein. Die postpolitischen Karrieren eines Gerhard Schröder und eines Alfred Gusenbauer haben das Ansehen der Sozialdemokraten einigermaßen ramponiert.

Gibt es in einer so ungerechten Welt wie der heutigen wirklich keinen Bedarf mehr für die Sozialdemokratie?

Das könnte man fast meinen. Offenbar bevorzugen die Menschen in von ihnen als unsicher empfundenen Zeiten einen Politikertypus, der es versteht, mit Erlösergestus und als Person mit Machtinstinkt aufzutreten. Das ist bei Macron und Kurz so und jetzt auch bei Babiš in Tschechien.

Ist die Zeit gekommen, Abschied zu nehmen von der alten Tante Sozialdemokratie?

Ich würde da nicht vorschnell sein. Die Zeit der Parteien ist nicht vorbei. Ich halte die Personalisierung der Politik für ein Übergangsphänomen, weil Personen und Bewegungen auf Dauer keine stabilen Strukturen schaffen können. Politik funktioniert aber nur mit stabilen Strukturen. Wenn sie ihre ganze Geschichte und ihr politisches, rhetorisches Potenzial hervorkramen würde, müsste die Sozialdemokratie zu Antworten gerade auf die sozialen Spannungen unserer Zeit finden. Das ist ja ihr ursprünglichstes Betätigungsfeld. Jeremy Corbyn in England zeigt vor, wie ein alter Herr mit starker Verwurzelung in einer traditionsreichen Partei mit scharfem Profil imstande ist, junge Leute zu begeistern. Das ist das Anti-Kurz-Phänomen. Bürokraten und Managertypen, mit denen man in Österreich erfolgreich sein wollte, passen nicht so richtig zur Sozialdemokratie. Da fehlt etwas. Interview: Stefan Winkler

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