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Die Faschingsamateure und die Obergrenze des Humors

ESSAY. Der Fasching ist jene Zeit, in der die gewollte Heiterkeit die unfreiwillige Komik ersetzt. Wer sich gerne über alles ärgert, hat Gelegenheit zur Schubumkehr. An fröhlichem Unsinn herrscht kein Mangel. Von Ernst Sittinger

In Österreich gilt neuerdings das berühmte Antigesichtsverhüllungsgesetz – niemand darf sein Gesicht verlieren. Aber nach wie vor ist es jedermann gestattet, sich eine Blöße zu geben. Ersteres macht den Fasching heuer ein bisserl kompliziert, Zweiteres wird das fröhliche Treiben fraglos befeuern.

Heute um 11 Uhr 11 beginnt ja angeblich diese närrische Zeit – zumindest wenn man der modernen Umdeutung des alten Brauchs folgen will. Mit der eben erfolgten Konstituierung des Nationalrats hat der Faschingsbeginn übrigens nichts zu tun. Dass die Regierungsbildung bei uns auffallend oft in die Faschingszeit fällt, ist keinesfalls dem Perchtenlauf geschuldet, sondern nur dem Fristenlauf.

So oder so beginnt nun die dunkelste Jahreszeit. Und es kann ja nicht schaden, im Finsteren hellauf zu lachen. Die ständige Realsatire macht die Räume allerdings eng für Gaukler, und mit dem Fasching ist eine heikle Erwartung verbunden: Jene Belustigungen, die ganzjährig unfreiwillig dargeboten werden, sollen sich für drei Monate zu gewollter Heiterkeit verdichten.

Das Bemühen, lustig zu sein, führt nicht selten zu noch mehr unfreiwilliger Komik. Aber das ist gewiss kein Schaden. Unsere Gesellschaft leidet sowieso an zu viel Ernst (das sage ich im vollen Bewusstsein meines Vornamens). Ironie ist in unseren Breiten streng ausschilderungspflichtig und Selbstironie zählt überhaupt zu den seltenen Erden. Damit ein Witz für „narrisch guat“ befunden wird, muss er schon ziemlich brachial daherkommen. Das Mittel der Wahl heißt Holzhammer, nicht Florett – für diese Erkenntnis hätten wir keinen Wahlkampf gebraucht.

Dabei ist amtlich abgesegneter Frohsinn seit jeher die treibende Kraft unseres Staates. Der bürokratisch-politische Komplex produziert unablässig funkelnde Kleinode des fröhlichen Unsinns. Die Bürokratie 4.0 macht uns das Leben schwer, aber die Seele leicht.

Zeitlose legistische Meisterwerke wie die Allergenverordnung, das Energieeffizienzgesetz oder die Datenschutzgrundverordnung beweisen: Es gibt nicht mehr viel heiße Luft nach oben. Außer vielleicht im Registrierkassenlärm der Gaststätten, wo die angeblich drohende Aufhebung der Aufhebung des Nicht-Rauchverbots die Glastrennwände vernebelt. Vor jenem Senf, den man gerne dazugibt, wird dann auf unleserlichen Allergenspeisekarten gewarnt.

Im bestens gedüngten Rücksichten- und Vorschriftendschungel könnte allenfalls noch die eine oder andere Durchführungsverordnung das Wachstum des Bruttoirrationalprodukts (BIP) weiter steigern. Uneingeschränkt faschingstauglich wäre etwa ein 240 Seiten starker Maskenkennzeichnungs- und Perchtendurchleuchtungserlass, der jedes Exekutivorgan zur Vornahme von Gesichtsbädern ermächtigt. Abgenommene Masken werden beschlagnahmt und kommen ins Museum für ungewohnte Kunst.

Damit uns der Humor nicht ausgeht, bieten Sozialpartner, Bundesheer, Föderalismus, Steuerrecht und andere Intarsien der Republik stets lohnende Perspektiven. Das regelmäßig wiederkehrende Abfangjäger-Beschaffungstheater zum Beispiel hat für sich genommen schon abschreckende Wirkung. Unsere Strategie heißt Luft-Traum-Überwachung, unsere Doktrin ist die immerwährende Naivität.

Ohne zugelassene Warnweste sollte sich sowieso jeder davor hüten, in unsere Rettungsgasse zu kommen. Würden die Russen einmarschieren, müssten sie jedenfalls zuerst Autobahnvignetten oder ÖBB-Tickets kaufen. Sonst könnte ja jeder kommen. Ein Fahrscheinautomat hält den Feind länger auf als jede Panzersperre.

Das Berufsheer haben wir mit klarer Mehrheit abgelehnt, denn ganz generell sind uns Amateure einfach lieber. Das hat lange Tradition, siehe Karl Schranz bei Olympia 1970. Das Motto „Nicht dabei sein ist alles“ beherrscht im Skandalfall die Politik. Wichtig ist stets der Nachweis, von nichts gewusst zu haben, und dabei hilft gerne unser Bildungssystem.

Das gilt fürs feuchtfröhliche Schwammerlsuchen in Alpbach und auch für jede andere Form der demenzbedingten Demission. Manche Politiker halten die EU für eine so effiziente Friedensgemeinschaft, dass sie ihre persönliche Raumverteidigung lieber einem Heer von Rechtsanwälten übertragen. Wem im Amt das Rechtsbewusstsein fehlt, der soll vor Gericht kein Unrechtsbewusstsein zeigen.

Keinesfalls nachlassen sollten wir beim konsequenten Umsetzen der sagenumwobenen Verwaltungsreform. Den Bundesrat etwa könnte man mühelos aufwerten, indem man die Sozialversicherungen zusammenlegt – dann erhielte die Länderkammer als politisches Letztaufnahmezentrum für Parteifunktionäre neue Bedeutung. Nebeneffekt: Man spart sich den Bau von Seniorenspielplätzen und kann das Budgetdefizit nützen, um wohlerworbene Höchstpensionen zu finanzieren. Denn es geht um die soziale Geschwätzigkeit.

In der leidigen Flüchtlingsfrage sollte man nach der Balkanroute auch die Krampusrute im Fenster sperren. Es geht nicht ums Mittel-Mehr, sondern um weniger Mittel. Die Grenzen sind in die Schranken zu weisen.

Die grenzwertige Überschreitung von Obergrenzen bleibt hierzulande den Feinstaub-Messanlagen vorbehalten. Bei Dieselemissionen gilt konsequente Mindestsicherung: Die Inbetriebnahme von Streichhölzern wird verboten, das Fahren mit SUVs bleibt erlaubt. Dafür statten wir Hundehütten mit Rauchmeldern aus und zertifizieren unablässig alle Bretter vorm Kopf, die uns die Welt bedeuten.

Das verlässlich überregulierte Leben zwischen Herkunftsbezeichnung und Verwendungsnachweis, zwischen IBAN-Code und Umsatzsteueridentifikationsnummer enthebt uns aller Sorgen. Inzwischen können wir nicht einmal mehr etwas dafür, dass wir nichts dafürkönnen. Aber wir haben viel zu lachen, und das ist gesund.

Wer sich gerne über all das ärgert, erhält im Fasching Gelegenheit zur Schubumkehr. Über Wechselwirkungen informieren Arzt und Apotheker, sofern man noch zu Lebzeiten einen Termin bekommt. Bitte Nummer ziehen, nach Aufruf eintreten und E-Card samt Lichtbildausweis bereithalten.

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