Kontakt

Neue Zeitungs GmbH
Gutenbergstraße1
6858 Schwarzach

Phone: 0043 5572 501 500

Endstation für den Sport einer großen Nation?

Das IOC befindet heute über einen möglichen Ausschluss Russlands von den Olympischen Winterspielen 2018 wegen Staatsdopings.

Von Hubert Gigler

Julija Stepanowa ist Mittelstreckenläuferin, aber sie hat einen langen, durchaus beschwerlichen Weg hinter sich, der auch als „Marathon der Angst“ durchgehen könnte. Seit die Leichtathletin 2014 in einer ARD-Dokumentation gemeinsam mit ihrem Mann Witali Stepanow schwerste Anschuldigungen über systematisches Doping im russischen Sport vorbrachte, fürchtet sie, wie sie wiederholt zu Protokoll gab, um ihr Leben. Sie hatte damit nämlich eine gewaltige Debatte ins Laufen gebracht, mit dem möglichen Ergebnis, dass heute das Internationale Olympische Comité (IOC) über den Ausschluss einer ganzen Nation von den Olympischen Winterspielen 2018 im südkoreanischen Pyeongchang befindet. Ob sich das Exekutivkomitee unter der Leitung von IOC-Präsident Thomas Bach tatsächlich zu dieser historischen Entscheidung durchringen kann, ist freilich offen. Aber alles andere scheint aufgrund der Beweislage nicht mehr möglich.

Dass die Todesangst Stepanowas einen durchaus realen Hintergrund hat, lässt sich aus einer Aussage des Wladimir Putin nahestehenden Ehrenpräsidenten des Russischen Olympischen Komitees, Leonid Tjagaschew, mehr als deutlich heraushören. In Richtung des Überläufers Grigori Rodschenkow hatte der 72-Jährige gemeint, dieser „hätte erschossen werden sollen, wie es unter Stalin der Fall gewesen wäre“. Die Zielperson hatte in den USA umfassend ausgepackt, sich selbst als einen der Drahtzieher des staatlich gedeckten Dopings dargestellt und detailliert über die Vorgänge berichtet. Der ehemalige Leiter des Moskauer Antidopinglabors offenbarte die flächendeckende Vertuschung von Dopingfällen bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi, unterstützt vom russischen Geheimdienst und von höchsten politischen Stellen.

Im Oktober waren der Welt-Antidoping-Agentur Wada neue Beweismittel zugespielt worden. Konkret handelt es sich um eine Datei aus dem Moskauer Doping-Kontrolllabor mit Informationen über Tausende zwischen 2012 und 2015 getestete russische Sportler. Die Daten sind inzwischen ausgewertet und sprechen eine eindeutige Sprache. „Der Inhalt scheint die Behauptungen von Whistleblower Rodschenkow zu bestätigen, dass mehrere Jahre lang Maßnahmen erfolgten, um mutmaßlich gedopte Athleten zu schützen“, sagte Chefermittler Günter Younger gegenüber der ARD.

Doch IOC-Chef Bach gilt als enger Vertrauter Putins, was die Entscheidung durchaus beeinflussen könnte. Der deutsche Journalist Jens Weinreich, seit vielen Jahren mit der Aufdeckung von Machenschaften im Weltfußballverband (FIFA) und des IOC befasst, meint, es sei „nicht abzuschätzen“, wie die Entscheidung ausfallen könnte. „Rein nach den Fakten war die Beweislast schon vor einem Jahr (Rio) erdrückend.“ Es handle sich selbstverständlich um eine politische Entscheidung. Das Verhältnis zwischen Bach und Putin „scheint eine Kernfrage zu sein. Außerdem muss man abwarten, was die Russen noch in der Hand haben.“ Offenbar starten die in die Enge getriebenen Angeklagten eine Charmeoffensive, denn sie schicken Eiskunstlaufkönigin Jewgenija Medwedewa nach Lausanne. Die 18-Jährige, die für Pyeongchang als Gold-Favoritin gilt, soll um Gnade bitten. Es ist in der Tat ein sehr glattes Terrain, auf dem sich die Russen bewegen.

Die internen Kommissionen (Dennis Oswald, Samuel Schmid), die die Sotschi-Fälle untersuchten (siehe Info), bezeichnet Weinreich als Teil der IOC-Propaganda. „Es gibt keinen Grund, denen zu trauen.“ Es sei ohnehin schon seitens des IOC versucht worden, den Mc-Laren-Report (Info) zu diskreditieren. Tatsächlich waren die aus diesem Bericht folgenden Beweise vom IOC aus juristischen Gründen als unzureichend eingeschätzt worden, weshalb es zur Einsetzung dieser internen Kommission kam. „Fakt ist, dass das IOC schon 2014 in Sotschi die Oberhoheit über das komplette Doping-Kontrollsystem hatte“, so Weinreich weiter. Eigentlich hätte das IOC die Schweizer Bundesanwaltschaft anrufen müssen. „Das wäre das einzig Glaubwürdige gewesen.“

Allerdings stecken die obersten Hüter Olympias in einem Dilemma. „Die Wada ist nicht umgekippt.“ So wurde immerfort neues Belastungsmaterial ans Tageslicht befördert. Stets auf Einzelfälle „bis zum Gehtnichtmehr“ zu verweisen, sollte nicht mehr genügen. Die Russen, allen voran Vizeregierungschef Witali Mutko, dementieren unentwegt und stellen die Anschuldigungen als Verschwörung dar.

Betroffen von einem Ausschluss wäre auch der in Ramsau lebende und auf der Reiteralm trainierende Slalomstar Alexander Choroschilow. „Das würde die Arbeit von vier Jahren zunichtemachen“, meint Wolfgang Mitter, Berater des russischen Skiverbandes. Vielleicht gäbe es aber dann für Choroschilow die Möglichkeit, auszuweichen und als Neutraler unter der Olympischen Flagge anzutreten. Diese Alternative wurde jedenfalls im Vorfeld ins Spiel gebracht.

Artikel 1 von 1
Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Entdecken Sie die NEUE in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.