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„Das sind faschistoideSysteme“

Internate haben Gewaltrituale über Jahrhunderte tradiert, sagt Soziologe Heinzlmaier. Nun hätten Eltern die Komplizenschaft mit „totalen Systemen“ beendet. Von Bernd Hecke

Herr Heinzlmaier, können Sie uns als Soziologe die Hintergründe von Machtritualen in Internaten erhellen?

Bernhard Heinzlmaier: Nicht nur als Theoretiker, ich habe da auch praktische Erfahrung, ich besuchte in den 60er- und 70er-Jahren die Schulbrüder in Strebersdorf, eine kirchlich-repressive Eliteschule, ehe ich zum Glück mit 15 Jahren dort rausgeschmissen wurde.

„Zum Glück“ heißt, Sie mussten gerettet werden vor existenziell bedrohliche Erfahrungen?

Diese Hölle in Internaten kann ein Leben nachhaltig ruinieren.

Warum?

Es ist dieses Ausgeliefertsein in einer Struktur, die absolute Macht hat. Geht man in eine normale Schule, trifft man am Nachmittag Freunde, hat ein Daheim, Eltern, die einem Rückhalt geben können. Aber in so einer Institution ist man total ausgeliefert. Dem Erziehungssystem, den Lehrern, Erziehern, aber auch Schülern, die diese Hierarchien und Machtstrukturen von oben einfach übernehmen. Penible Rangordnungen werden dann bis in den Kreis der Schüler durchdekliniert.

Warum gibt es keine Solidarisierung der Schüler gegen „die da oben“?

Weil Menschen unter Druck nicht solidarisch handeln können. Wird der Druck erhöht, fällt einer nach dem anderen um. Manche solidarisieren sich mit der Macht und werden zu Petzen, andere sind ausgesuchte Lieblinge der Macht, die dann im Sinne der Mächtigen in die Gruppe hineinwirken.

Initiationsriten, Rituale voll Gewalt sind in Internaten berüchtigt. Warum kommt es immer wieder zu solchen Übergriffen, wie dem jetzt wieder thematisierten „Pastern“, bei dem Schulkollegen anderen mit Drahtbürsten den Hintern wund reißen?

Das sind die Perversionen, die solche totalen Institutionen auslösen. Hier entsteht Hierarchie nicht diskursiv, sondern durch körperliche Gewalt. Ältere Schüler verweisen Neuankömmlinge auf ihren Rang, sichern sich ihre Machtposition. Gleichzeitig ist es das Versprechen, dass die Neuen, wenn sie durchhalten, über die nächsten herrschen dürfen. Das ist ein faschistoides System, überspitzt wie die Hitlerjugend. Jeder Führer hat Unterführer, die Macht über andere ausüben können.

Liegt das in der Natur der Menschen?

Nein, das ist ein Zeichen einer von tradierten Ritualen geprägten Gemeinschaftskultur. Deshalb mutet etwa das Pastern so mittelalterlich an. Das würde doch kein vernünftiger Mensch heute mehr machen.

In abgeschlossenen Systemen der Internate hat das überlebt …

Das ist die Versteinerung der Gemeinschaft mit tradierten mittelalterlichen Ritualen, die in diesen Systemen, die fast außerhalb der Demokratie gestanden sind, konserviert wurden.

Heute ist das aber vielfach schon viel besser, oder?

Ja. Der Hauptgrund ist die Veränderung der gesellschaftlichen Stimmung. Eltern haben die Komplizenschaft mit den totalen Institutionen aufgegeben, stehen hinter den Kindern. Diese Systeme haben sich nur auf Druck von außen geändert.

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