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Wo Italien endet

REPORTAGE. Am Sonntag wählen die Italiener ein neues Parlament. Besuch in der kleinen Grenzstadt Muggia, die für die großen Probleme des Landes steht. Von Stefan Winkler

Das letzte Wegstück zur Grenze führt hinter Muggia eine gewundene Straße die Küste entlang. Rechter Hand liegt im fahlen Licht der Wintersonne unbeweglich und schmutzig grau das Meer. Zur Linken wuchert dichtes Buschwerk hügelan, unterbrochen nur von verwilderten Gärten. Dann endlich taucht Lazzaretto auf, der Ort, ehe es nach Slowenien geht, benannt nach dem Militärspital, das die Habsburger hier einst errichteten.

Eine aufgelassene Kaserne, ein heruntergekommener Campingplatz und ein Dutzend Häuser, die sich an den Hang ducken. Dünne Rauchfäden steigen aus den Kaminen empor. Hundegekläff, keine Menschenseele auf der Straße. „Dober dan“, grüßt die Verkäuferin an der Tankstelle ein paar Hundert Meter weiter jenseits der Grenze und lacht. Ihre Fröhlichkeit hat etwas Ansteckendes inmitten der Handvoll italienischer Pensionisten, die mit verdrossener Miene ihre Autos volltanken.

„Qui finisce l’Italia“ – „Hier endet Italien“, schrieb Pier Paolo Pasolini über Lazzaretto. Er meinte das nicht nur geografisch. Im Auftrag der Zeitschrift „Successo“ war er im Sommer 1959 die Küsten der Apenninhalbinsel abgefahren. Mit bubenhafter Begeisterung und hungrig nach Glück war der Dichter in seinem Fiat 1100 aufgebrochen, erst von der französisch-italienischen Grenze und in einer zweiten Etappe dann von Ostia bei Rom aus „in einem Gewitter blau wie der Tod“, um gegen Sommerende am „armseligen Strand“ von Lazzaretto zu landen, an dem ein aufziehendes Unwetter „einen leichten, weißlichen Schatten“ auf die letzten Badenden der Saison warf.

Das Gefühl der Endlichkeit, das Pasolini erfüllte, lastet auch an diesem kalten Wintertag über der trostlosen Stätte. Es gibt Orte, an denen sich Stimmungen verdichten, bis sie zur Tatsache werden. Lazzaretto ist so ein Flecken. Nirgendwo sonst in Italien kommen so wenige Kinder auf die Welt wie hier am äußersten nordöstlichen Rand des Landes. Die amtlichen Statistiken des Jahres 2017 weisen Muggia und seine Katastralgemeinden, darunter Lazzaretto, als die Kommune mit der niedrigsten Geburtenrate Italiens aus. Drei Alte kommen hier auf einen Jungen. Das ist doppelt so viel wie im nationalen Schnitt.

Eisig fegt die Bora durch die engen Gassen der Altstadt von Muggia und wirbelt Papierfetzen durch die Luft. In der warmen Gemeindestube auf der Piazza Marconi sitzt Bürgermeisterin Laura Marzi vor einer italienischen Trikolore an ihrem Schreibtisch und will den Makel der Geburtenschwäche nicht widerspruchslos hinnehmen. „Es stimmt, wir haben wenig Junge, viele ziehen weg. Aber es kommen neue dazu.“ Vor allem für Jungfamilien sei Muggia in seiner Überschaubarkeit lebenswerter als Triest. Und wenn es erst gelinge, an der Wiederbelebung des Freihafens der alten k. u. k. Metropole teilzuhaben, dann werde die neue Attraktivität als Wirtschaftsstandort ihr Übriges tun, um einen demografischen Umschwung einzuleiten. „Ich bin keine Träumerin“, sagt die Bürgermeisterin. „Man träumt ja oft. In diesem Fall liegt die Umsetzung unserer Pläne aber in nicht allzu weiter Ferne.“

La Marzi, „die Marzi“, wie sie in Muggia von Freund wie Feind genannt wird, ist eine resolute Endfünfzigerin mit kurzem, rotbraunem Haar und festen Überzeugungen. Die Kleinpartei, für die sie vor bald zwei Jahren an der Spitze eines Mitte-links-Bündnisses zur ersten Bürgermeisterin von Muggia gewählt wurde, gibt es nicht mehr. Die Liste hat sich im Zuge der erbitterten Grabenkämpfe innerhalb der italienischen Linken aufgelöst. Mit dem Amt geerbt hat Marzi jedoch einen hässlichen Streit, in dem das kleine Muggia nur einer von vielen Schauplätzen ist, die über das ganze Land verstreut sind. Die Rede ist vom Zank um die Flüchtlinge, der den Parlamentswahlkampf stark mitbestimmt und Anfang Februar mit den Schüssen auf sechs Afrikaner im mittelitalienischen Macerata eine neue Eskalationsstufe erreicht hat.

Nach wie vor gehen Tausende pro Monat in Italien an Land. Nach Angaben der Regierung in Rom werden derzeit knapp 179.000 Migranten mit Unterkunft und Verpflegung versorgt. Auch Muggia sollte welche aufnehmen. Bereits im Herbst 2015, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, gab das Innenministerium bekannt, dass in der ehemaligen Polizeikaserne von Lazzaretto „einige Dutzend“ Kriegsflüchtlinge untergebracht werden sollten. Für eine Stadt von 13.000 Einwohnern ist das keine große Zahl. „Was sind 40 Flüchtlinge?“, erinnert sich Marzi. Doch über Nacht sahen sich ihr Vorgänger und später dann sie selbst einem Volksaufstand gegenüber: Hasstiraden in den sozialen Medien, zornige Bürgerproteste auf der Piazza, um das Heil ihrer Kinder besorgte Mütter und rechtsextreme Aktivisten, die Muggia zum Exerzierplatz ihres Fremdenhasses machten. Das friedliche Hafenstädtchen war nicht wiederzuerkennen. Im Vorort Aquilinia haben sie dem Pfarrer, der im Herbst 2016 rund 20 Afghanen für drei Wochen in einem ehemaligen Schwesternheim unterbringen wollte, sogar das Auto demoliert. Und das alles in einer Kommune, die einen Ausländeranteil von nicht einmal drei Prozent aufweist.

Mittlerweile ist wieder Ruhe eingekehrt in Muggia. Aber wer weiß, für wie lange? Für Roberto Weber kommt die Ablehnung, mit der die Kleinstadt auf eine Handvoll Flüchtlinge reagiert, nicht überraschend. In ganz Europa hat das Klima umgeschlagen. Die Heftigkeit, mit der in Italien die Debatte über die Migration geführt wird, hält der Präsident des in Triest ansässigen Meinungsforschungsinstituts „ixè“ aber für keinen Zufall. Sie ist für ihn Symptom der tiefen inneren Krise, die seit Langem das Land erfasst habe. „Italien ist eine Nation der Alten. Bis Mitte der Siebzigerjahre war das Wirtschaftswachstum eines der größten der Welt. Doch anstatt in die Zukunft zu investieren, haben wir Italiener die Sicherheit vorgezogen. Wir haben einen gigantischen privaten Reichtum angehäuft, während der Staat für die Wohlfahrt Schulden auftürmte und sukzessive verarmte.“

Weber hat sich viel Zeit genommen für das Treffen im Caffè Verdi in Triest. Er ist ein hagerer Mann mit schütterem Bart, runden Nickelbrillen und kultiviertem Auftreten, ein sanfter Intellektueller, hinter dessen ungekünstelter Lässigkeit sich ein messerscharfer Verstand und feine Ironie verbergen. Der Sinn für den Staat sei seit jeher schwach ausgeprägt in Italien. Das sei auch jetzt so, da sich die Bedingungen für die Wahrung des Wohlstands dramatisch verschlechterten. „Anstatt dem Schuldenberg beherzt entgegenzutreten, gehen wir zur Verteidigung der Besitzstände über – Häuser, Aktien, Bankkonten und in Muggia Bootsliegeplätze.“

Weber kennt das Nachbarstädtchen von Triest ganz gut. 1952 geboren, kann er sich an die Zeiten erinnern, als in Muggia mehrere Werften in Betrieb waren und die Kommunisten das Sagen hatten. „Doch mit dem Schiffsbau ist es ab Ende der Siebziger bergab gegangen, irgendwann haben sie zugesperrt“, erzählt Weber. Während die Stadtoberen noch nach einer neuen Bestimmung für den Ort suchten, habe in Muggia eine stille soziale Umschichtung vom ursprünglich hier ansässigen Proletariat zu wohlhabenderen Neuzuzüglern aus Triest stattgefunden. „Die Lebensqualität ist hoch in Muggia“, sagt Weber, doch darin solle sich nur keiner täuschen: „In einem überalterten Land wie unserem geht sie auf die Kosten der Jungen.“

Es ist ein düsteres Bild, das der Meinungsforscher von Italien zeichnet. Es ist das Bild einer auf dem schmelzenden Berg ihrer Rendite sitzenden, politisch erstarrten und in hedonistischer Lebenslust gefangenen Nation, in der sich jeder das nimmt, von dem er meint, dass es ihm zustehe. Aber sind das nicht Gemeinplätze, die man mittlerweile von Udine bis Palermo bei jeder Gelegenheit zu hören bekommt?

Den Verlust des Gemeinschaftssinns in Muggia beklagt auch Marzis Vorgänger im Bürgermeisteramt, Nerio Nesladek, Arzt und streitbares Mitglied des in Rom regierenden Partito Democratico von Matteo Renzi.

Nesladek ist ein heller, vor Ideen sprühender Kopf und mit seinen 64 Jahren alt genug, um die von Titos Kommunisten aus Istrien Vertriebenen im Gedächtnis behalten zu haben, die nach dem Krieg nicht immer konfliktfrei das Leben in Muggia mitbestimmten. Und auch die Kaserne von Lazzaretto, die ein halbes Jahrhundert lang Bollwerk gegen die rote Gefahr war. „Und doch haben wir diese erste große Flüchtlingskrise gemeinsam bewältigt. Warum sollte uns das nicht auch heute gelingen?“, fragt Nerio Nesladek, ehe er zurück zu seinen Patienten eilt.

Tatsächlich verwundert es weniger, dass die einst so betriebsamen Werften von Muggia und die Raffinerie Aquila vor den Toren der Stadt dem Strukturwandel zum Opfer gefallen sind. Italien ist übersät von Fabriksruinen. Unheimlich ist aber, wie spurlos mit der Industrie eine ganze, auf Solidarität gründende, stolze Arbeiterkultur verschwunden ist und Platz gemacht hat für eine grelle Mischung aus Lifestyle und politischer Agitation, die untrennbar mit der zwielichtigen Erscheinung des großen Zampanos Silvio Berlusconi verbunden ist.

Die Facebook-Seite von Giulia Demarchi, Gründerin des Bürgerkomitees Emergenza Profughi (Notfall Flüchtlinge) und Vertreterin von Berlusconis oppositioneller Forza Italia im Gemeinderat, ist ein perfektes Abbild der Zustände: Fotos von Skiurlauben, von Reisen nach Fernost und Ausflügen hoch zu Ross wechseln ab mit Attacken gegen die Bürgermeisterin, der eine Politik über die Köpfe der Menschen hinweg vorgeworfen wird.

Sie fühle sich weniger als Politikerin denn als Sprecherin der Bürger, die sie gewählt hätten, sagt Demarchi. Sie ist eine hübsche, eloquente Frau Anfang dreißig, im Hauptberuf Tierärztin. „Drei Dutzend Flüchtlinge sind auf den ersten Blick nicht viel“, räumt sie beim Gespräch im Caffè al Mandracchio im Hafen von Muggia ein. Aber man dürfe den ökonomischen Aspekt nicht vergessen. 600.000 Euro wolle die Marzi für 33 Flüchtlinge ausgeben. Wenn man diese Summe mit den 800.000 Euro vergleiche, welche die Gemeinde zuletzt in Muggia selbst investiert habe, dann sei das doch eine einzige Ungerechtigkeit. „Wo es solche Zahlen gibt, da verdient irgendjemand daran. Und das ist das Problem Italiens. Wir sind ein Land von Gaunern. Die Migration ist ein Big Business, bei dem nur die ausgebeutet werden, die man unter dem Vorwand der Solidarität nach Italien schafft.“ Höchste Zeit, dass sich die Dinge änderten, meint Demarchi.

Aber glaubt sie wirklich, dass Berlusconi die Erneuerung sei, die Italien so bitter nötig hat? „Ich sage nicht, dass er nur Gutes getan hat. Errare humanum est. Aber er verschleudert nicht das Land so wie Renzi und er hat Charisma.“ Vor allem aber schare Berlusconi viele junge Leute um sich, die einen echten Wandel, die echte Erneuerung wollten.

Zum Abschied ein Besuch bei Don Paolo Iannaccone in Aquilinia. Das ist der Pfarrer, dem sie das Auto beschädigt haben. „Die Leute haben Angst“, sagt Don Paolo, während er in seiner karg möblierten Küche einen Espresso zubereitet. „Angst vor dem Unbekannten, vor dem Fremden, und diese Angst wird von der Politik instrumentalisiert.“

Er ist noch nicht lange in der kleinen Arbeiterpfarre in den Hügeln oberhalb der stillgelegten Raffinerie von Muggia, aber er kann einiges erzählen vom beschwerlichen Leben der Alten fernab jeder Infrastruktur, von ihrer Einsamkeit, der versteckten Armut und der Würde, die es den Leuten verbiete, um etwas zu bitten. „Die meisten haben vom Aufenthalt der Flüchtlinge im Schwesternheim gar nichts mitgekriegt“, erzählt Don Paolo. „Andere haben für die Migranten geputzt und gekocht.“

Auch das ist Italien in diesen bewegten Tagen. Ein verwundetes Land mit einer jahrtausendealten Kultur der Gastfreundschaft, die heiter der Sklerose trotzt, die alles zu durchdringen droht.

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