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INTERVIEW

„Freude hatte man keine mit solchen Prozessen“

Rechtshistoriker Martin Polaschek zur Verfolgung von Nazi-Verbrechern.

War Österreich bei der Verfolgung von Kriegs- und anderen Nazi-Verbrechern zu nachlässig, Herr Professor?

Martin Polaschek: Bis 1955 waren Volksgerichte zuständig, da braucht sich Österreich bei der Verfolgung von Kriegsverbrechen nicht verstecken. Doch notwendige Informationen waren in der Besatzungszeit nur schwer zu besorgen. Ab 1956 fiel die Zuständigkeit für Kriegsverbrechen an Geschworenengerichte, da gab es einige Fehlurteile, die man intensiv diskutieren müsste. Der Fall Murer aber sticht hervor.

Was unterscheidet den Freispruch für Murer von dem anderer Kriegsverbrecher?

Beklemmend ist, wie der Prozess verlaufen ist: mit einer Verächtlichmachung der Zeugen. Das Besondere war, dass sich eine Bewegung an die Seite Murers begab, obwohl klar war, dass er ein sadistischer Typ war, der viele Menschen zu Tode gefoltert hatte. Und es existierte kein gesellschaftlicher Konsens, dass das, was Murer gemacht hatte, falsch war. Das gesellschaftliche Ehrgefühl fehlte. Denn es stand doch eigentlich außer Streit, dass er ein Henker war. In einem Strafprozess reicht das freilich nicht, es kann jemand nur für ganz konkrete Taten verurteilt werden. Und im Prozess wurde alles getan, um Zeugen als unglaubwürdig erscheinen zu lassen.

Urteilte Deutschland eifriger als Österreich die Verbrecher während des Zweiten Weltkriegs ab?

Deutschland hatte einen saubereren Zugang zum Rechtsstaat, aber weder in Deutschland noch in Österreich hat man mit solchen Prozessen eine große Freude gehabt. Eines aber noch: In den 70er-Jahren gab es in Österreich noch viele Freisprüche in Prozessen gegen Nazi-Verbrecher.

Manfred Polaschek ist Vizerektor der Universität Graz und Präsident der Forschungsstelle Nachkriegsjustiz

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