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Wie Österreich meine neue Heimat wurde

Der Syrer Omar Khir Alanam kam 2014 als Flüchtling nach Graz. Bekannt wurde er als Poetry Slammer. Er findet, es ist Zeit, „Danke!“ zu sagen. Sein Buch mit dem gleichnamigen Titel erscheint heute. Dieser Text ist ein Auszug daraus.

Warum habe ich, Omar Khir Alanam, Sohn syrischer Eltern, aufgewachsen in einem Vorort von Damaskus, nach etwas mehr als drei Jahren hier in Österreich beschlossen, dieses Buch zu schreiben? In einer Sprache, die nicht meine war, die aber langsam meine geworden ist?

Heimat, habe ich in einem Lexikon gelesen, ist vor allem einmal ein Ort. Einer, mit dem ein Mensch sich verbunden fühlt. Eine Landschaft, wo Stämme, Völker, Nationen eine Einheit erleben. Und dann stehen da auch so Worte wie: Charakter, Identität, Weltauffassung. Ich denke eine Zeit lang darüber nach. Und weiter unten lese ich noch: Geist, Kultur und Sprache sind auch Heimat. Heimat ist, wo jeder Mensch bleiben möchte. Heimat ist, was kein Mensch gerne und ohne Grund verlässt.

Heimat, habe ich nach meiner Flucht aus Syrien gelernt, ist aber nicht immer das, wo man einfach nur sein kann. Sein darf. Weil es selbstverständlich ist. Heimat ist auch, wo man erst hinkommen muss. Oft unter vielen Gefahren und Mühen.

Heimat ist nichts, was du einfach mit Stacheldraht abgrenzen kannst. Und Heimat ist auch keine Mauer, über die du nach draußen steigen kannst oder eben nicht. Oder darfst. Oder musst. Heimat ist, wo man einander begegnet. Wo man einander schätzt.

Heimat ist eine Möglichkeit, die du erhältst. Eine Möglichkeit, die du gibst. Und eine Möglichkeit, die du verweigerst. Die man dir verweigert.

Schutz von Heimat ist nicht etwas, das Türen verschließt, sondern Türen öffnet. Heimat ist aber auch, wenn du lächelst und die Hand ausstreckst und die andere Hand sich zurückzieht. Denn natürlich habe ich auch Negatives erlebt. Würde ich etwas anderes behaupten, wäre ich ein Lügner. Aber dieses Negative hat in Österreich keine Mehrheit.

Kultur, habe ich im selben Lexikon gelesen, ist etwas, das fast überall drinsteckt. Oder sollte. Im Körper. Im Geist. Im Verhalten. In der Kreativität. Im Boden eines Ackers. Ganz egal. Kultur ist Kraft. Zwei verschiedene Kulturen sind zwei verschiedene Kräfte. Wir können sie verwenden, um einander damit zu beschimpfen. Auszugrenzen. Zu hassen. Zu beschießen. Und zu töten. Oder wir können sie zu einer gemeinsamen Kraft bündeln. Wie einen Lichtstrahl, der aus vielen dünnen zu einem dicken wird und auf einen kleinen Mann auf einer Bühne fällt, der seine Beine nicht spürt.

Bei den Stimmen ist es nicht anders. Viele kleine können auch eine einzige, große sein. So wie meine Stimme, die ich hier, in Österreich, erhalten habe. Sie allein ist noch keine große Stimme, aber sie ist ein Teil davon.

Die Angst vor dem Fremden, habe ich auch hier gelernt, gibt es in jedem Land. Nicht nur in Syrien, wo man früher einmal die Iraker gefürchtet hat. Oder im Libanon, wo man sich jetzt vor den Syrern fürchtet, weil so viele im Land sind. Die Weltgeschichte ist voll von Beispielen. Die Menschen müssen diese Angst vor dem Unbekannten verstehen, aber sie müssen sie nicht fördern.

Ich habe in diesen drei Jahren so viele Herzen getroffen, die im selben Rhythmus schlagen wie meines. Oder in einem gänzlich anderen, der mein Herz aber nicht auslöschen will, sondern zusieht, wie es springt und sich darüber freut. Ich habe hier viele Freunde gefunden. Sie alle sind mir eine Heimat.

Darum erzähle ich meine Geschichte.

Darum, auch darum, habe ich ganz oft geduscht und das Arabisch fortgewaschen. Nicht für immer. Aber damit ich die richtigen Worte finde. Die richtigen deutschen Worte. Sie werden von Tag zu Tag mehr, die zarte Pflanze von Tag zu Tag kräftiger.

Darum habe ich dieses Buch geschrieben. Weil die vielen Buchstaben und Worte für dieses eine Wort stehen, das ich diesem Land und seinen Menschen sagen möchte:

Danke!

Auch den Tipp, mir Hollywood-Filme mit deutscher Synchronisation anzusehen, befolgte ich. Ich erwischte gleich zu Beginn einen Film, aus dem ich nichts als Schimpfwörter lernte. Einige Wörter verstand ich nicht, merkte sie mir aber, und als ich Österreicher fragte, was sie bedeuten, merkte ich rasch, wie peinlich das war.

Sehr peinlich war auch der Vorfall kurz vor einer Lesung, zu der ich nach Schärding eingeladen wurde. Ich sprach damals schon einigermaßen Deutsch, und vor dem Eingang traf ich zwei einheimische Mädchen, die mir gefielen und in Begleitung eines Afghanen waren. Ich wollte sie unbedingt überreden, zu meiner Lesung zu kommen und nicht zu einer anderen Veranstaltung zu gehen, wie sie gesagt hatten.

„Wie kann ich euch verwöhnen?“, fragte ich. An ihren Blicken merkte ich, dass ich das falsche Verb erwischt hatte. „Entschuldigung!“, rief ich sofort, weil auch ich den Fehler bemerkte: „Ich wollte sagen: Wie kann ich euch verführen?“ Jetzt lachten beide schallend, und ich begriff erst viel später, was ich gesagt hatte. Trotzdem: Ich war auf dem richtigen Kurs. Jeder neue Kontakt, jedes neue Gespräch machte mich sicherer auf meinem Weg, Österreich etwas zurückzugeben, auf meinem Weg zur Integration. Und je mehr ich geben konnte, je mehr bekam ich. Das ist wie bei einem einzelnen Schneeball, der einen Hang hinabrollt und zur Lawine wird. Obwohl ich lange Zeit keine Ahnung hatte, was das sein soll: eine Lawine.

Doch was ist das eigentlich genau, Integration? Es gibt unendlich viele gescheite und weniger gescheite Aussagen zu dem Thema. Die Spruchsammlungen sind voll davon. Ein Aphorismus, er stammt von der Pädagogin und Wissenschaftlerin und Wortspielerin Marina Zuber, gefällt mir da besonders: Integration passiert genau dann, wenn die Nationalität keine Rolle mehr spielt. Und ebenso gern mag ich den Satz meines Großvaters, den ich in diesem Buch schon einmal erwähnt, viele Jahre lang aber nicht richtig begriffen habe: Baue in jeder Stadt, in der du auf deinem Weg vorbeikommst, ein Haus.

Heute weiß ich, dass es Häuser ohne Ziegel oder Beton sind. Sie bestehen allein aus Offenheit, Liebe und Freundschaft. Und noch ein Satz zu meiner eigenen Integration: Der Beweis, dass es mir gelungen ist oder dass ich auf dem besten Weg bin, ist ein Video, das auf Facebook mehrere Tausend Likes erhalten hat. Es zeigt: Omar Khir Alanam hat Ski fahren gelernt.

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