Kontakt

Neue Zeitungs GmbH
Gutenbergstraße1
6858 Schwarzach

Phone: 0043 5572 501 500

ZEIT IM BUCH

Heimkehr in die Fremde

Der Soziologe Didier Eribon versucht in schonungsloser Selbstbefragung, sich mit seiner Herkunft auszusöhnen und herauszufinden, warum Frankreich nach rechts driftet.

Er hat akademische Karriere gemacht. Als einer der linken Paradeintellektuellen von Paris ist Eribon ein gern und oft gesehener Gast in Talkshows, seine Stimme hat Gewicht.

Doch dann stirbt sein Vater. Zum ersten Mal seit 30 Jahren reist er in seine Heimatstadt Reims, um seine Mutter zu besuchen, um sich gemeinsam mit ihr der Vergangenheit zu stellen. „Es war der Beginn einer Aussöhnung mit ihr. Oder genauer einer Aussöhnung mit mir selbst, mit einem ganzen Teil meines Selbst, den ich verweigert, verworfen, verneint hatte“, schreibt in seinem Bericht „Rückkehr nach Reims“, einer seltsamen Mischung aus Autobiografie und soziologischer Studie, die vor einigen Jahren in Frankreich für Furore sorgte und bei Suhrkamp nun endlich auch in deutscher Übersetzung erschienen ist.

Es ist eine schonungslose Auseinandersetzung mit Eribons Ursprungsmilieu, einer typischen Arbeiterfamilie der Nachkriegszeit, eine Geschichte des Ausgeschlossenseins, von Alltagsrassismus, von sexueller und sozialer Scham. Und ein Buch über Eribons „Selbsterschaffung“ als Intellektueller, die dem Autor nur gelang, indem er in Paris seine Klassenzugehörigkeit verneinte. „Ich bin ein Produkt der Beschimpfung. Ein Sohn der Schande“, schreibt Eribon in seiner Selbstbefragung.

Es sind die eindringlichsten Stellen des Buches, fast düsterer und bedrückender noch als die Passagen, in denen der Autor der Frage nachgeht, wie es kommen konnte, dass Frankreichs Arbeiterklasse fast geschlossen zum Front National überlief. Auch Eribons Familie, die einst eisern die Kommunisten wählte, denkt und wählt mittlerweile rechtsextrem. Aus „Notwehr“, wie Eribon feststellt, um ihre mit den Füßen getretene Würde zu bewahren, und weil sie es verlernt hat, sich als solidarisch-mobilisierbare Gruppe wahrzunehmen. „Mit etwas Abstand frage ich mich, ob der Rassismus meiner Mutter und ihre ungehemmte Verachtung für eingewanderte Arbeiter nicht Mittel waren und bis heute sind, um sich gegenüber noch ärmeren und ohnmächtigeren Menschen in Überlegenheit zu wiegen“, schreibt Eribon. Selten fiel eine Analyse beklemmender aus.

STEFAN WINKLER

Artikel 1 von 1
Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Entdecken Sie die NEUE in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.