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Leitartikel

Rhetorische Endlosschleifen

Die TV-Sender erzielten Rekordeinschaltquoten bei den politischen Duellen. Vielleicht sind die professionellen Beobachter politikmüder als die meisten Bürger.

Der Widerspruch könnte nicht größer sein. Schon lange nicht standen bei Nationalratswahlen so attraktive Kandidaten zur Auswahl, die noch dazu das gesamte politische Spektrum abdecken. 2008 oder 2013 mussten wir mit Faymann, Molterer, Spindelegger, Stronach vorliebnehmen, diesmal muss man sich für keinen der Kandidaten genieren: Christian Kern, der einstige Konzernchef, der in seinem Plan A einen vierten Weg angerissen hat, gleichwohl er im Wahlkampf wieder in alte Muster zurückgefallen ist, Sebastian Kurz, der populäre Überflieger, der mit radikalen Positionen die Öffentlichkeit polarisiert, Heinz-Christian Strache, der auf den Spuren von Norbert Hofer den Staatsmann hervorkehrte und seine Botschaften in Watte verpackte, Ulrike Lunacek, die vorbehaltlos zu Europa steht, Matthias Strolz, der sich gesellschafts- wie auch wirtschaftspolitisch dem uns Österreichern eher wesensfremden Liberalismus verpflichtet fühlt, und Peter Pilz, der eine linke Politik mit unmissverständlich rechten Konturen in der Migrationspolitik verknüpft.

Umso schmutziger und dreckiger fiel der Wahlkampf aus. Zwar war man in der Vergangenheit nicht weniger untergriffig – es sei nur an das Märchen von Schüssels Pflegerin oder an das gezielt gestreute Gerücht über eine Krebserkrankung des jetzigen Bundespräsidenten erinnert. Die sozialen Medien dienen heute als Brandbeschleuniger. Silversteins dubiose Aktivitäten in der Schattenwelt des Internets sind die Vorboten einer neuen Perfidie, die dem ohnehin unter Glaubwürdigkeitsverlust leidenden politischen Betrieb nachhaltigen Schaden zufügt.

Nach fünf langen Monaten ist der Wahlkampf endlich Geschichte. Da Kurz Mitte Mai die Notbremse zog und der reguläre Wahltermin in den August gefallen wäre, mussten zwei Monate angehängt werden. Die letzten sechs Wochen waren von einem beispiellosen TV-Marathon bestimmt. Beim politischen Beobachter stellte sich – angesichts der rhetorischen Endlosschleifen der Spitzenkandidaten – bald Müdigkeit ein, der politische Diskurs wurde dem Abspulen eingelernter Botschaften geopfert.

Die Quoten sprechen allerdings eine andere Sprache. Der ORF erzielte Einschaltquoten wie in der guten alten Zeit (vor zehn Jahren), die Privatsender brachen alle Rekorde – nicht mit Trash, sondern mit politischen Debatten. Vielleicht sind die professionellen Politikbeobachter politikmüder als viele Bürger. Allerdings trug das Kleben an der Mattscheibe nicht unbedingt zur Entscheidungsfreude bei.

Wer glaubt, die Politik würde am Montag wieder zur Normalität zurückkehren, verkennt die Fallstricke, die im Wahlkampf ausgelegt wurden. Kern muss Erster bleiben, Kurz muss Erster werden, einer der beiden bleibt auf der Strecke. Strolz, Lunacek, Pilz müssen die Vier-Prozent-Hürde überspringen. Und das Schmieden der nächsten Koalition erfordert ohnehin einen beispiellosen Kraftakt.

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