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Offen gesagt

Disziplin trifft Wankelmut

Sie haben sich nicht mehr viel zu sagen und müssen heute dennoch miteinander reden: Sebastian Kurz und Christian Kern. Versuch einer vergleichenden Analyse.

Sebastian Kurz trifft heute mit Christian Kern zusammen. Sie werden sich ihrer Antipathie versichern, mit Worten oder ohne, mehr ist inhaltlich nicht zu erwarten. Eine Fortsetzung der Koalition mit reziproken Machtverhältnissen ist chemisch und politisch auszuschließen, und das ist gut so. Das Unglück hängt nicht an Köpfen, es reicht tief hinunter in die Kapillargefäße beider Parteien. Das Unglück ist systemisch, auch ein Doskozil höbe es nicht auf, da hilft kein konspirativer Zigarrendunst. Außerdem würde Kurz mit der Rückkehr zu Schwarz-Rot seine Sendung verraten. Dann wäre das beschworene „Neue“ nichts als der neue Zugewinn an Macht.

Für Kern wird das Treffen mit dem Jüngeren, der ihn vom Thron stieß, ein schwerer Gang. Die Begegnung wird ihm vor Augen führen, was er in kurzer Zeit verspielt und verwirkt hat. Er, der Reifere, der Lebenserprobtere, muss aus dem Licht treten. Er, der zu Beginn das Neue verkörperte und der Politik in einem umjubelten Donnerschlag den Spiegel vorhielt, verlor den Nimbus an einen, der von innen gekommen war und sich nach und nach von allem löste: der alten Partei wie der ungeliebten Regierung, auch der eigenen Vergangenheit.

Kern wird diesen Geniestreich als Ungerechtigkeit empfinden und böse List, und doch ist das Scheitern selbst verschuldet. Kern hat in seinen Plänen das Verhältnis zur Partei nie mitgedacht und gedanklich geklärt, er hat sich einzig und allein auf seine Wirkung als Kanzler verlassen. Das geriet ihm zum Verhängnis. Für die orientierungslose, ideologisch zerklüftete Partei hatte Kern kein Drehbuch, Kurz schon: Die Unterwerfung und die Abdunkelung waren Teil des Macht- und Marketingkonzeptes. Er hatte alles mitbedacht, auch die Wachablöse der Dinos in St. Pölten und Oberösterreich. Der Weg war geebnet, die Luft rein.

Kern hingegen kämpfte gleichzeitig nach innen und außen. Er fremdelte in der Partei und sah sich genötigt, sie mit Zugeständnissen an die Orthodoxie zu befrieden, die seine Marke – der weltläufige, undogmatische Manager und Reformer – nachhaltig ruinierten. Es begann mit linken Volten (Ceta, Maschinensteuer) und endete mit einer brachialen ideologischen Schubumkehr als antikapitalistischer Klassenkämpfer und Ritter des Vollkasko-Staates.

Die SPÖ gewann Wahlen immer dann, wenn ihr Kandidat in bürgerliche Milieus strahlte. Einem Kreisky gelang das, auch einem Vranitzky. Zu Beginn war auch Kern so etwas wie der Vranitzky des digitalen Zeitalters. Die Wirtschaftselite atmete auf. Endlich ein Sozialdemokrat, den man wählen könne. Am Ende wandte man sich illusionslos ab. Anstatt Leute wie einen Pierer, Eder oder Mateschitz an sich zu binden, trieb sie Kern in die Arme des wirtschaftlich erfahrungsärmeren Widersachers.

Kurz perfektionierte seine Marke und hielt manisch diszipliniert an ihr fest. Kern demolierte seine mit Wankelmut und einer Unentschlossenheit, die über die Niederlage hinausreicht. Das ist der Unterschied.

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