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Leitartikel

Aufschrei statt Gelassenheit!

Wer die aktuelle Debatte über sexuelle Übergriffe für überzogen hält, vergisst, dass Schweigen und Gelassenheit die Komplizen der Weinsteins dieser Welt sind.

Jetzt geht also die Debatte über Übergriffe auch in Brüssel los. Parlamentspräsident Antonio Tajani spricht von „schockierenden Anschuldigungen“. Warum Frauen trotz EU-Anlaufstelle für sexuelle Übergriffe über zurückliegende Vorfälle jetzt erst sprechen? Die Klagen unzähliger Frauen gegen den Hollywood-Mogul Harvey Weinstein ermutigen offensichtlich weltweit Frauen aufzuzeigen, worüber sie bislang lieber geschwiegen haben: über sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz – ob in Hollywood, in Fabriken, im EU-Parlament.

Alles überzogen? Alles eine aufgeblähte Skandalisierung von Ausnahmefällen, die den Eindruck erwecken soll, alle Frauen seien Opfer, alle Männer lüsterne Täter, wie das einige anklagend darstellen? Als ob. Da geht es nicht um den Vorwurf, es handle sich um eine weltweite Massenerscheinung. Ebenso wenig geht es aber bei dieser Form männlicher Machtausübung am Arbeitsplatz um wenige Einzelfälle oder gar – wie eine deutsche Kommentatorin meint – um „hysterische Überempfindlichkeiten“ von Frauen. Worum es geht, ist die Ausnützung von Abhängigkeitsverhältnissen, um geduldete Grenzüberschreitungen am Arbeitsplatz. Es geht vor allem auch um das große Schweigen der Zuschauer und Mitwisser.

Im Fall Weinstein bekennen nun einige seiner Freunde zerknirscht, alle hätten von seinen Übergriffen immer schon gewusst. Manche wie Regisseur Quentin Tarantino werfen sich vor, zu lange geschwiegen zu haben. Er zählt damit zumindest nicht zu jenen Opportunisten, die früher schwiegen und heute plötzlich „Schrecklich!“ rufen. Und er zählt nicht zu jenen, die sexuell belästigte Frauen kritisieren, weil sie erst heute über die Übergriffe sprechen und zuvor über Jahre geschwiegen haben.

Eine Kritik, die diesen Frauen unterschwellig vorwirft, nicht Opfer, sondern im Grunde nur karrieresüchtige Täterinnen gewesen zu sein, die das Spiel ihrer Karriere zuliebe freiwillig mitspielten. Zweifelsohne gibt es auch solche Frauen, zweifelsohne können haltlose Anschuldigungen von Frauen vorkommen. In der aktuellen Debatte geht es aber um andere. Wie um jene Mitarbeiterin im EU-Parlament, deren Chef vor ihr masturbiert haben soll. Warum Frauen über solche Vorfälle lange schweigen? Gründe gibt es viele: Scham, Angst um den Arbeitsplatz, Angst vor dem Opfer-Täter-Umkehrspiel, Angst, dass mit übler Nachrede gekontert wird. Wenn Macht und Abhängigkeit im Spiel sind und der Nachweis des Vorwurfs schwierig ist, wird es schwer, sich zu wehren. Noch schwieriger wird es, wenn selbst Frauen mehr Gelassenheit fordern und als Beweis für die Überzogenheit der Debatte anführen, dass eine Staatssekretärin in Berlin auf ein Kompliment mit „unter Schock-Sexismus“ reagiert.

Als ob Sexismus-Definitionsfragen etwas mit eindeutigen sexuellen Übergriffen zu tun hätten. Als ob nicht klar ist, dass Schweigen und Gelassenheit immer schon mächtige Verbündete der Weinsteins dieser Welt waren.

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