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Leitartikel

Plädoyer gegen das Raunzen

Es muss ja nicht gleich eine immerwährende Zufriedenheit sein, aber ein neutralerer Blick auf das Gute und Gelungene täte Österreich nicht schlecht.

Da hilft kein noch so leidenschaftliches Nörgeln, kein beherztes Jammern, kein überzeugtes Raunzen und kein galaktischer Grant: Österreich scheint ein äußerst angenehmer Platz zum Leben zu sein. Wem der eigene Alltag den Blick darauf verbaut, der kann diverse Umfragen und Untersuchungen konsultieren (siehe Seite 42/43). In Studien supranationaler Organisationen und internationaler Institute rangiert die Alpenrepublik regelmäßig im Spitzenfeld, die messbare Wirklichkeit scheint damit besser als ihr mieselsüchtiger Ruf.

Woran aber liegt diese Begeisterung fürs Schlechtreden des Eigenen, dieses Talent zur Unzufriedenheit mit dem, was man hat? Historische Demütigungen, die sich in die emotionale Genetik der Volksseele eingebrannt haben, mögen ein Grund sein. Deren Halbwertszeit scheint jedenfalls lange. Schön langsam wäre es aber an der Zeit, diese Fesseln der Vergangenheit – sofern sie denn bestehen – endlich aufzureißen und abzuschütteln. Was gestern war? Mir doch egal. Im Vergangenheitsverdrängen waren wir ja eigentlich nie schlecht. Wo ist die Wurschtigkeit, wenn man sie einmal braucht?

Ganz neu wäre dieser optimismusgetriebene Pragmatismus ja nicht einmal. „Drum ist der Österreicher froh und frank, trägt seinen Fehl, trägt offen seine Freuden. Beneidet nicht, lässt andere lieber sich beneiden! Und was er tut, ist frohen Muts getan. Der klare Blick, der offne, richt’ge Sinn. Da tritt der Österreicher hin vor jeden, denkt sich sein Teil und lässt die anderen reden!“ So lässt Franz Grillparzer seinen „Ottokar“ schon 1825 Land und Leute beschreiben. Das wäre doch eine lohnende Kopiervorlage zur lustvollen Bewältigung des Alltags 4.0, oder?

Ebenso stimmungsaufhellend wäre es, wenn das fixe Inventar tradierter österreichischer Charaktere wie der grantelnde Ober, die bissige Hausmeisterin, der jammernde Bauer, die hochnäsige Frau Hofrat endgültig ins Wachsfigurenkabinett der Geschichte verräumt würden. Ja, es mag sie noch als sture Fossilien in Reservaten der notorischen Matschkerei geben – aber gesellschaftsbildprägend und imagerelevant sind längst andere Typen.

Nein, es geht hier nicht um ein Dauerabo für eine die Realität „verunschärfende“ rosarote Alltagsbrille. Es geht auch nicht um eine immerwährende Zufriedenheit, die alle holprigen Steigungen des Lebens mit naiver Selbstzufriedenheit großräumig umfährt.

Vielmehr geht um den ersten kleinen Schritt raus aus der Raunzzone, um eine leicht veränderte Sichtweise, eine optimistischere Grundeinstellung, eine andere Wortwahl. Der österreichische Dialekt ist dahin gehend ohnehin ein erntereiches Biotop. „Weil die Rede beständig zwischen Sichgehenlassen und Sichzusammennehmen hin und her spielt. Er gestattet damit einen durch nichts andres ersetzbaren Reichtum der Stimmungswiedergabe“, befand einst Christian Morgenstern. Vielleicht lässt man die grauen Stimmungstöne einfach weg.

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