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Leitartikel

Von der heilenden Kraft der Erinnerung

500 Jahre nach Luthers Donnerschlag: Mit dem gestrigen Tag endete das große Gedenkjahr zur Reformation. Es hob die Glaubenskrise nicht auf, aber alte Trennwände.

Wer erinnert wird, lebt. Das ist die Hoffnung, die von Allerheiligen und Allerseelen ausgeht. Friedhöfe sind lebendig schöne Orte. Mahnmale des Vergänglichen sind sie nur dort, wo niemand mehr an Gräbern steht und das Amt die Erinnerung übernimmt. Das ist dann wie ein zweites Sterben, erst dann haftet ihm etwas Endgültiges, Trostfreies an. Sonst aber: Gedächtnis der Verstorbenen und „armen Seelen im Fegefeuer“. Die Evangelischen begehen das Gedächtnis mit. Das Brauchtum führt zusammen, auch wenn Luther das Heiligsprechen und das Fegefeuer als evangeliumsfremd verneint hat. Im Innehalten auf dem Gottesacker ist die Reinigungsfolter ohnedies bedeutungslos geworden. Das Gedächtnisfest trennt nicht mehr.

Das gilt auch für das große Reformationsgedenkjahr der evangelischen Kirche, das zu Ende geht. Gestern vor 500 Jahren veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen zur Erneuerung der Kirche und gegen die Korruption des Glaubens. Der sprachmächtige Mönch und erste Medienprofi der Neuzeit hat dem Absolutheitsanspruch der Päpste die Glaubensentscheidung des Einzelnen gegenübergestellt, eingespannt zwischen den Polen Freiheit und Verantwortung.

Was kann Erinnerung leisten, fragten wir vor einem Jahr an dieser Stelle, als der Reigen anhob. Aber auch: Was kann Erinnerung anrichten? Schließlich lud das Jahr zur Rückbesinnung auf eine Trennungsgeschichte, die in einem infernalischen Konfessionskrieg mündete.

Das Jahr, der Ökumene gewidmet, hat alles richtig gemacht. Es machte protestantische Identität sichtbar, aber riss keine Kerben auf. Es hat die christlichen Kirchen in „versöhnter Verschiedenheit“ enger zueinander geführt. Man darf nicht vergessen: Lange herrschte ein Klima kühler Sezession. Man war Parallelgesellschaft. Familien zerriss es, wo interkonfessionell geheiratet wurde.

Und jetzt: Bischöfe beider Kirchen reisten nach Rom, Israel und Wittenberg. Man tauscht Predigttexte zum Gegenlesen aus. Es wurde gemeinsam gefeiert, gebetet und debattiert. Es waren Begegnungen ohne Übergriff, ohne den anderen zu vereinnahmen. Man weiß, was man einander angetan hat, und weiß, was man aneinander hat. Beides hat man erstmals ausgesprochen. Das war befreiend.

Starke Gesten halfen, das Vertrauen zu festigen. Der gemeinsame Fernsehgottesdienst für ZDF und ORF etwa (wenn auch mit Sonderlizenz der Kardinäle), die erste gemeinsame Bischofskonferenz, die Entschuldigung des steirischen Landeshauptmannes für den Bekehrungsterror der Gegenreformation, das Innehalten der Bischöfe Bünker und Scheuer vor dem Grabmal Luthers oder aber der päpstliche Kuss bei der Begrüßung der schwedischen Bischöfin. Das Bild war von ikonischer Wucht und bleibt unvergessen.

Das integrative Grundkonzept des Gedenkjahres machte all das möglich. Es zielte nicht auf Selbstbehauptung und Abgrenzung. Evangelischsein als bloßes Nichtkatholischsein, dieses Beharrende wurde überwunden. Auch das Beschwören der Opferrolle. Die evangelische Kirche geht heute souveräner mit sich um. Sie stilisiert sich nicht mehr als Minderheit, sondern fühlt sich als selbstverständlicher Teil des Ganzen.

Man begreift die Geschichte als geteilte Geschichte und spricht darüber in einer neuen Sprache. Sie ist frei von Bezichtigungen. Die Evangelischen riefen kein Luther-Popfest aus. Das Dunkle wurde nicht unterschlagen. Luthers Antisemitismus bleibt abstoßend. Die Katholiken wiederum weiteten den Blick auf ihn. Der Reformator ist nicht mehr der Erz-Ketzer. Manfred Scheuer nannte ihn einen von Gott Ergriffenen, schmerzhaften Teil des eigenen Selbst. Die katholische Kirche räumte ein, dass sie sich durch die Verweigerung der Erneuerung mitschuldig an der Spaltung gemacht habe. Dieser Ton war neu und prägend für die neue Geschwisterlichkeit.

Sie befreit die christlichen Kirchen freilich nicht aus Krise und Bedrängnis, ausgelöst durch Glaubensschwund und Personalnot. Aber es ist ihnen klar geworden, dass das, was als Auftrag vor ihnen liegt, nur in „solidarischer Zeitgenossenschaft“ (Bünker) zu bewältigen ist. Davon legten sie in diesem Jahr erfrischend und ermutigend Zeugnis ab.

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