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Leitartikel

Auge um Auge geht ins Auge

Die Debatte um US-Strafzölle ist auch von Scheinmoral geprägt. Doch die Gefahr eines zerstörerischen Handelskrieges lässt sich nicht leugnen. Gewinner wird es keine geben.

Wirklich überraschend kommt es für niemanden – für einen Schock reicht es dennoch. US-Präsident Donald Trump macht nun also tatsächlich Ernst und verhängt saftige Strafzölle auf Stahl- und Aluminiumimporte. Das sitzt. Dass ihn die weltweite Kritik, die er für seine Maßnahmen nun erntet, nicht kümmert, darf freilich ebenso wenig überraschen. Die Sorge, dass der Weg nun schnurstracks in einen globalen Handelskrieg mündet, ist nicht unberechtigt. Was macht Trump? Er reagiert in bekannt provokanter Manier über sein bevorzugtes Sprachrohr, also den Kurznachrichtendienst Twitter. Dort lässt er wissen, dass Handelskriege „gut und leicht zu gewinnen“ seien.

Seine Botschaft ist klar und ohnehin bekannt: „America first“, also „Amerika zuerst“.

Dass der Aufschrei in der EU zumindest einen zarten Anstrich von Scheinmoral in sich birgt, ist freilich ebenso nicht von der Hand zu weisen. Schutzzölle sind auch uns nicht fremd, wie sich am Beispiel von Solarmodulen aus China zeigt. Genau damit lässt sich aber eindrucksvoll aufzeigen, dass Abschottung alleine noch nicht dafür sorgt, dass „heimische“ Hersteller plötzlich wieder florieren.

Daher ist das „America first“-Mantra zwar wahlkampftauglich, realpolitisch aber mit vielen Fallstricken versehen. Denn die entscheidende Frage lautet ja, ob diese Politik auch dazu führen kann, der US-Stahlindustrie zu neuer Blüte zu verhelfen. Skepsis ist mehr als angebracht.

Denn der sogenannte „Rust Belt“, „Rostgürtel“, wie das (frühere) Kraftzentrum der einst so stolzen US-Industrie genannt wird, trägt diesen Beinamen bis heute völlig zu Recht. Der Umstand, dass seit dem Jahr 2000 zehn US-Stahlwerke schließen mussten, hat auch mit Billigimporten aus China zu tun. Vor allem aber damit, dass viele US-Stahlriesen technologisch veraltet und strukturell träge sind. Und das lässt sich mit Strafzöllen allein nicht umkehren. Europa kämpft übrigens mit ähnlichen Altlasten. Wenn die USA als Abnehmer für chinesischen Billigstahl weitgehend wegfallen, wird mehr davon in Europa landen. Die Probleme werden sich also verschärfen.

Es hat einen Grund, warum die österreichische Voestalpine mittlerweile als internationales Musterbeispiel dafür gilt, wie man sich trotz Überkapazitäten und Billigkonkurrenz am Markt behaupten kann. Die Marschrichtung lautet: weg von der Masse, hin zur Klasse.

Eigentlich wäre es ja Sache der 1995 extra dafür gegründeten Welthandelsorganisation (WTO), Handelsstreitigkeiten zu lösen. Doch deren Durchschlagskraft war schon in der Prä-Trump-Ära überschaubar. Daher schlägt nun die Stunde der „Auge um Auge“-Fraktion. Der Ruf nach Vergeltung dröhnt auch durch Europa. Auf emotionaler Ebene mag das nachvollziehbar sein, auf rationalem Terrain ist es ein Fiasko. Spekulationen, wer dann als „Gewinner“ aus einem Handelskrieg hervorgeht, sind entbehrlich. Denn eine Sanktionsspirale des Zuschnitts, „wie du mir, so ich dir“, schadet allen.

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