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Offen gesagt

Die Moral der Geschichte

Moralische Erhabenheit ist in der Politik auf Dauer kein erfolgversprechendes Rezept. Der Fall Eva Glawischnig und die Lehre für die Grünen.

Die Grünen haben sich von den anderen Parteien in ihrem Gestus immer dadurch unterschieden, dass bei ihnen zuerst die Moral und dann erst das Fressen kam. Und nie umgekehrt, wie es bei Bert Brecht in seiner „Dreigroschenoper“ heißt: „Erst das Fressen, dann die Moral.“ Zuerst seien die pragmatischen Fragen des Überlebens und Auskommens zu klären und dann erst die Frage nach dem richtigen Leben und Weltbild. Diese Priorisierung hat die Grünen nicht wirklich geschmeckt. Für sie gibt es kein richtiges Leben im falschen. Falsch ist falsch. So hat sich die Partei nach innen und außen hin gebärdet.

Es war jene Grundhaltung, auf der ihr moralischer Rigorismus gründete. Das pragmatisch Abwägende hatte da kaum Platz. Es machte sich verdächtig. Es gab in diesem manichäischen Denken nur das Richtige und das Verwerfliche, einerlei, ob es um Argumentierbares wie die Nutzung von Wasserkraft ging oder um die Zuwanderung, der man weiter unbeirrt mit einem humanistischen Idealismus begegnete, als die rechtsstaatlichen Probleme längst offensichtlich geworden waren. Immer waren die Fronten klar, und immer postulierte man das Richtige vom Hochsitz moralischer Überlegenheit herab.

Als die sympathische grüne Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek ins Rennen ging, sagte sie in einem ihrer ersten Interviews, ohne Anflug leisester Ironie: Endlich sei mit ihrem Antreten gewährleistet, dass die Menschenrechte im Land wieder in Kraft treten können.

Nicht, dass diese moralische Erhabenheit etwas Unredliches wäre. Doch der ständige Fingerzeig, wie man zu denken und zu leben habe, bekam mit der Zeit etwas Gouvernantenhaftes. Er begann zu nerven. Es war die Zeit, als den Grünen der Geruch einer Verbotspartei anhaftete. Darunter litten auch Sympathisanten, die den Absturz der Partei als demokratiepolitisches Unheil wahrnahmen. Sie haben Respekt vor den Verdiensten der Partei um ein aufgeklärtes Bewusstsein. Sie schätzen es, dass sich die Partei bei Korruption und Missbrauch nie in Versuchung führen ließ. Aber das Doktrinäre und Dogmatische, die Selbstüberhöhung und Stilisierung als moralisches Über-Ich nahm den Grünen viel vom Esprit früher Jahre.

Moral sei von der Politik zu trennen, sagte Machiavelli. Richtschnur sei allein das, was dem Land und seinen Interessen diene. So weit muss man nicht gehen. Aber das moralisch Überschäumende, das von der Partei ausging, fällt jetzt auf sie zurück. Die Partei wird Opfer ihrer eigenen pastoralen Strenge.

Eva Glawischnigs Wechsel zum Glücksspielkonzern wäre an sich ein normaler beruflicher Umstieg einer Privatperson. Er ist ein Empörungsfall, weil mit dem Wechsel ein Wechsel der moralischen Maßstäbe einhergeht, und zwar der größtmögliche.

Das erklärt die Schwindelgefühle der Partei. Vielleicht heilt der Schock, und die Grünen probieren es im neuen Leben mit etwas weniger moralischem Druck und Dünkel.

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