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Leitartikel

Absturz in arktische Tiefen

Die Eskalation zwischen London und Moskau ist mehr als nur ein Streit zwischen zwei Staaten. Sie zeigt: Eine neue Irrationalität macht sich breit in den Ost-West-Beziehungen.

Die kälteste Temperatur auf der Welt wurde 2013 in der Antarktis gemessen: 93,2 Grad unter Null. Würde man die Betriebstemperatur der britisch-russischen Beziehungen in Celsius fixieren, wäre sie ähnlich tief. Nach der Vergiftung des Ex-Doppelagenten Sergei Skripal und seiner Tochter in Salisbury mit dem Nervengift Nowitschok, dass nach Angaben von Experten in Russland produziert wurde, reagiert London mit einem Frostschock: Man schmeißt 23 Diplomaten hinaus, knickt alle diplomatischen Kontakte auf hohem Niveau, plant zudem allerlei Geheimmaßnahmen gegen die „feindliche Macht“, als die Premierministerin Theresa May Russland bezeichnet. Moskau seinerseits kontert mit eisiger Rhetorik: „keine Beweise“, „britische Provokation“. Außenamtssprecherin Maria Sacharowa winkte erst mit jenen atomaren Wunderwaffen, die Wladimir Putin Anfang des Monats aus dem Hut zauberte: Nach Putins Auftritt habe kein Mensch der Welt noch das Recht, Russland ein 24-Stunden-Ultimatum zu stellen. Dann fiel Sacharowa auf eine Fake-Nachricht herein, beschuldigte May irrtümlich, sie habe die Fähigkeiten ihres Chefs Sergei Lawrow angezweifelt.

Hirne gefrieren, beide Seiten lärmen, als zerreiße Hyperkälte einen Eisgletscher, dahinter aber gähnt beklemmendes Nichtbegreifen: Dem Anschlag auf den 2010 von den Russen begnadigten und ausgetauschten Skripal fehlt jede Logik: Was nützt dem Kreml ein Anschlag auf einen längst entschärften Feindagenten, ein paar Tage vor Putins Präsidentschaftswahlen? Im Gegensatz zum nicht weniger zynischen Polonium-Mord am Ex-Geheimdienstler Alexander Litwinenko 2006, der im Londoner Exil sehr aktiv Missetaten des russischen Sicherheitsdienstes FSB enthüllt hatte.

Was aber hätten umgekehrt die Briten davon, mit dem Fake eines russischen Anschlags auf Skripal, das so schon angespannte Verhältnis in arktische Abgründe zu stürzen, wie es russische Scharfmacher behaupten? Nichts. Tatsächlich kommt bei diesem Spiel immer ein Ergebnis heraus, das beiden Seiten schadet: neue Sanktionen gegen Russland, eine Menge Unannehmlichkeiten für jene Elite-Russen und ihre Angehörigen, die „Londongrad“ regelmäßig besuchen oder bewohnen. Außerdem ein Schulterschluss des Westens, den man zersplittern will.

Auf der anderen Seite stehen der britische Staat und seine Regierung wieder einmal als wacklige Garanten der Sicherheit im eigenen Lande dar. Die antirussischen Strafmaßnahmen aber könnten Moskauer Großinvestoren vergraulen. Dazu kracht der Fall in eine schon so beinharte Weltpolitik, verbeißt sich jetzt auch Donald Trump spontan in die Russen. Bleibt nur die Hoffnung auf ein gründliches und überzeugendes Gerichtsverfahren, das die Schuldfrage klärt. Aber zuerst einmal hat sich im Verhältnis zwischen Ost und West eine neue grausam kalte Irrationalität breitgemacht. Das Fazit ist ein Zwischenfazit, eines zum Zähneklappern.

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