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Leitartikel

Die abgeschobenen Eltern

Mit der Abschaffung des Regresses hat die Politik festgeschrieben, dass die Nachkommen für die Betreuung der Eltern oder des Ehepartners nicht mehr zuständig sind.

Es schaut schon eine Weile so aus, und der Politik dürfte es nicht entgangen sein, dass wir tendenziell immer älter werden. Es ist keine Garantie, aber eine demografisch belegbare Aussicht. Unsere Kinder haben statistisch gesehen gute Chancen, dass sie ein dreistelliges Alter erreichen.

Diese Entwicklung, eine Errungenschaft medizinischen Fortschritts, ist für alle, die gern leben, grundsätzlich etwas Erfreuliches. Der Fortschritt hat aber auch Konsequenzen, um die der Einzelne und die Politik gerne herumturnen: Mit zunehmendem Alter steigt auch die Möglichkeit, in die Abhängigkeit und Pflegebedürftigkeit eines Kindes zurückzualtern.

Die Pflegebedürftigkeit des Kindes ist geklärt: Sie fällt in die moralische und finanzielle Verantwortung der Familie, der Eltern, und der Staat greift dabei stützend unter die Arme. Die Hilfsbedürftigkeit der Alten ist nicht geklärt: Mit der sukzessiven Abschaffung des Regresses, von der Öffentlichkeit in geistig-moralischer Abwesenheit als tolle Errungenschaft gefeiert, hat die Politik festgeschrieben, dass die Mitlebenden und Nachkommenden für die Betreuung des Vaters, der Mutter oder des Ehepartners nicht mehr zuständig sind. Die Familie kann diese Mitzuständigkeit zur Gänze an den Staat delegieren. Die Familie erhält vom Staat gewissermaßen eine moralisch-finanzielle Dispens.

Die Eltern haben zwar die Bürde der Pflege ihrer Kinder selbstlos auf sich genommen, die Hilfsbedürftigkeit der Eltern geht die erwachsenen Kinder aber nichts mehr an. Das war und ist der Subtext des abgeschafften Pflegeregresses.

Die Folgen sind seither Monat für Monat in der Statistik mit Schaudern ablesbar: Eine ganze Generation Pflegebedürftiger wird in die Heime abgeschoben. Länder und Gemeinden wissen nicht mehr, wie sie die Kostenexplosion zahlen sollen. Die, die ihre Angehörigen ungeachtet der staatlichen Einladung zum Outsourcen von Verantwortung aus einer inneren Haltung heraus trotzdem daheim pflegen, landen in der Kategorie der Doofen. Das nennt man Sozialpolitik nach fortschrittlicher Denkungsart.

Leider bietet auch das Doppelbudget der Regierung, die sich ja wagemutig dem Neuen verschrieben hat, keine nachhaltige Lösung. Die Erkenntnis, dass es ohne Verschränkung von individueller Daseinsvorsorge in Form einer sozial gestaffelten Pflichtversicherung und staatlicher Stütze nicht gehen wird, passt gegenwärtig nicht in das Marketingkonzept. Wird schon noch eine Weile gehen ohne Implosion, wie bei den Pensionen.

Auch der neue, alte Ansatz der SPÖ, den sie derzeit wieder ventiliert, erinnert mehr an Robin Hood als an eine ernsthafte Lösung: Die paar „Superreichen“ sollen über die Erbschaftssteuer die Pflegekosten, die der Gesellschaft erwachsen, zahlen. So kann man natürlich ein Problem, das jeden Einzelnen perspektivisch angeht, auch applausträchtig von sich wegprojizieren.

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