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Zeit im Buch

Der Balkan und der lange Schatten der Geschichte

Erst dieser Tage hat das Haager Tribunal den serbischen Kriegstreiber Vojislav Šešelj in Abwesenheit zu einer Haftstrafe von zehn Jahren verurteilt. Serbiens Premier Aleksandar Vučić hatte sich Aufrufen widersetzt, seinen ehemaligen politischen Ziehvater nach Den Haag auszuliefern. Wenige Monate zuvor hatte im selben Gerichtssaal der bosnisch-kroatische Heerführer Slobodan Praljak vor den Augen der Weltöffentlichkeit mit Gift Suizid begangen. In seinem Heimatland, wo der Ex-General als Volksheld verehrt wird, war die Empörung groß.

Unweigerlich stellt sich da die Frage, ob es das war mit der Katharsis, die sich die Gründer des UN-Tribunals einst erhofft hatten? Wie kommt es, dass über ein Vierteljahrhundert nach dem Jugoslawienkrieg nach wie vor der Nationalismus die vitalste historische Kraft auf dem Balkan zu sein scheint?

Keine endgültigen Antworten, aber einen guten Einblick in die Eigenart dieser vielfältigen Region voller Gegensätze bietet die „Geschichte Südosteuropas“ der an der Universität Regensburg lehrenden Historiker Ulf Brunnbauer und Klaus Buchenau. Kompakt wird darin ein historischer Abriss gegeben, beginnend beim Wettstreit von Ost- und Westkirche im Mittelalter über das jahrhundertelange Aufeinanderprallen von Osmanischem und Habsburgerreich und das lange 19. Jahrhundert der Staatsbildungen bis in die Gegenwart.

Das besondere Augenmerk gilt dabei dem sozialen und kulturellen Wandel in der Region. Zwar brachte der nach 1945 beschleunigte Modernisierungsschub die südöstlichen Ränder des Kontinents dem Zentrum in vielerlei Hinsicht näher. Der Bruch, den ihre Gesellschaften seit Ende der 1980er-Jahre und dem Fall des Eisernen Vorhangs erfuhren, habe – so die Autoren – neben sozialen Verwerfungen aber zu großer Unsicherheit geführt. Die einst vom Staatssozialismus kultivierten monolithischen Geschichtsbilder kollabierten, gleichzeitig blieben zentrale historische Fragen ungeklärt. Das vergiftet das Zusammenleben am Balkan bis heute und ist mit ein Grund dafür, warum die Giftmischer des Völkischen dort nach wie vor ihr Unwesen treiben. Stefan Winkler

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