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Leitartikel

Das Ende der Arroganz

Deutschland wankt. Was in der Politik und im Fußball jahrelang als Gewissheit galt, scheint auf einmal zu fehlen. Doch im Ausbleiben des Erfolgs steckt etwas Reinigendes.

Als Berliner bleibt einem nichts erspart. Dabei hat ein listiger Hauptstädter vorgebaut und über die Pannenbaustelle und das desolate Spiel der „Mannschaft“ viral gewitzelt: „Egal wie ihr gegen Südkorea spielt, der Flughafen steht geschlossen hinter euch!“ Doch dann kam das WM-Aus und es wurde bekannt, dass der Großflughafen zum Parkplatz umfunktioniert wird, weil Volkswagen die Abstellflächen für ihre Ladenhüter aus der Dieselabteilung ausgehen. Man möchte ausrufen: Ihr deutschen Pannen, vereinigt euch! Denn fast vergessen wurde im gestrigen Tohuwabohu, dass in Berlin auch die Regierungs-Mannschaft im Grenzbereich spielt. Auch dieses Spiel kann ja zum vorzeitigen Aus führen. Innenminister Horst Seehofer, der für den Sport zuständig ist, sagte nach dem Ausscheiden nur salopp: „Dann sind wir halt mal nicht auf der Sonnenseite.“ Das kann gleichfalls für die Koalition gelten. Es läuft nicht rund.

Steht es um Deutschland wirklich so schlecht oder ist es nur die Verwöhntheit nach einem Jahrzehnt sportlicher und politischer Stabilität mit Tendenz zur Dominanz, die den Eindruck ansteigender Arroganz entstehen ließ, weil viele Deutsche die kollektive Talfahrt verlernt haben? Das Sommermärchen bei der WM 2006 hat den Eindruck geweckt, dass Deutsche patriotische Gefühle zeigen können, ohne sofort in hässlichen Nationalismus zu verfallen. Aber vielleicht hat das Ende dieser deutschgefühligen Selbstbeschränkung doch Schranken eingerissen, die nun nach einer langen Erfolgsphase ohne Dämpfer auch ungute Entwicklungen zum Vorschein bringen. Unbehagen über eine neue Vormachtstellung der Deutschen hat schon die Eurokrise in den Südländern ausgelöst. Nach der Entscheidung von Kanzlerin Angela Merkel in der Flüchtlingskrise fühlten sich etliche Europäer von diesem zweiten Alleingang überfordert. Insofern steckt im WM-Aus etwas Reinigendes. Man stelle sich vor, was eine Titelverteidigung für das Selbstbewusstsein bedeutet hätte.

Das Aus hat eine Eigenschaft geweckt: Selbstkritik bis zur Selbstzerfleischung. Nur kurz sank die Nation in ein Loch, um schnell wieder nach vorne zu blicken und Fehler zu beheben. Droht also mit einem Koalitionsbruch die Depression? Bei allem Getöse ist das unwahrscheinlich. Auch die Regierungsbildung galt als ausweglos. Sollte Seehofer mit der Grenzschließung ernst machen und der Bruch folgen, gäbe es noch Möglichkeiten im Bundestag. Wenn es die CSU überhaupt dazu kommen lässt. Denn alle sind sich bewusst, was Neuwahlen für Folgen hätten. Merkel ist seit 2005 Kanzlerin, Joachim Löw seit 2006 Bundestrainer. Beide sind angezählt, aber nicht gestaltungsmüde. Sie sind sich nicht unähnlich, handeln selbst unter Druck nie hektisch, halten stoisch ihren Kurs. Es war beider Erfolgsmodell. Insofern braucht der Fußball etwas Ähnliches wie die Politik: einen sanften, nachhaltigen Kurswechsel. Löw muss das wagen, Merkel auch. Sonst kommen sie tatsächlich vom Kurs ab.

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