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Vorarlberger der Woche

Wissen nutzen, das mit der Pensionierung brachliegt

Hans Kohler (65) ist schon während seiner Amtszeit als Bürger­meister zum Osteuropa-Experten geworden. Heute hilft er dort, ­Strukturen zu schaffen, Budgets oder Gesetzesentwürfe zu erstellen.

Sonja Schlingensiepen

Noch neu glänzt die Holzfassade des sanierten Nachbarhauses. Davor ein Kinderspielhaus mit Rutsche und Sandkasten. „Das kleine Spielhaus aufzubauen, war gar nicht so einfach“, sagt Hans Kohler und lacht. Zusammen mit seinem Schwiegersohn, einem Architekten, hat er die Herausforderung aber bestens gemeistert.

Seit rund einem Jahr wohnen Tochter und Schwiegersohn mit Raphael (5) und Katharina (3) im Haus nebenan, das einst den Schwiegereltern von Hans Kohler gehörte. Und mit dem Einzug der jungen Familie hat der Großvater so manche Pflicht übernommen. „Die Enkel zum Kindergarten fahren ist ein kleines Projekt, mit dem ich mich in der Pension beschäftige“, verrät der Rankler Alt-Bürgermeister.

Arbeit hält jung

Seit seinem Rücktritt als Gemeindeoberhaupt und dem Rückzug aus der Landespolitik scheint der ehemalige Landtagsabgeordnete (1994 bis 2008) keinen Tag gealtert zu sein. Das Sprichwort „Arbeit hält jung“ scheint auf den 65-Jährigen zuzutreffen. Und Arbeitsprojekte findet Kohler zur Genüge.

Bereits 1992 hat er begonnen, sich in Weißrussland zu engagieren. „Nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl im Jahre 1986 haben viele Städte und Gemeinden Hilfe aus Westeuropa erhalten. Nur Kos­tjukowka hatte man offenbar vergessen“, erzählt Kohler. Für ihn war es eine Selbstverständlichkeit mitzuhelfen, als er von der damaligen VN-Redakteurin Marianne Mathis angesprochen wurde.

Erste Projekte

„Das erste Projekt war, Sämereien für die Datschas zu organisieren. Also für Schrebergärten, in denen die Weißrussen eigenes Gemüse und Früchte anbauen“, berichtet Kohler. In den darauffolgenden Jahren bekamen die Schulen erste Computer, zudem wurden in Kostjukowka zwei Tischlereien, eine KFZ-Werkstätte und eine Solaranlagenproduktion gebaut. „Ihre Ersatzteile kaufen die Weißrussen übrigens bei einer Firma in Satteins. Das ist der angenehme Nebeneffekt: Geht es den Entwicklungsländern gut, werden sie Handelspartner.“

Kohlers Engagement in Weißrussland hat mit der Machtübernahme Alexander Lukaschenkos immer mehr nachgelassen. Seit 1994 regiert Lukaschenko das Land, das oftmals als letzte Diktatur in Europa bezeichnet wird. Kohler blickt fast etwas schuldbewusst und sagt: „Wenn Du dich dort engagierst, unterstützt Du doch irgendwie auch das Regime.“

Doch „arbeitslos“ ist der ehemalige Politiker nicht geworden – ganz im Gegenteil. „Es haben sich immer mehr Kontakte in Osteuropa ergeben. Ein Projekt zieht das andere nach sich.“

Nicht nur Weißrussland und die Ukraine sind dem Rankler bestens bekannt. Als Wahlbeobachter in Diensten der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) war er auch in Kirgisien oder Moldawien unterwegs.

In Moldawien – wo der Vor­arlberger Pater Georg Sporschill rund 40 Suppenküchen für ältere Menschen eingerichtet hat – wird auch Kleidung an Bedürftige verteilt. Nicht nach dem Gießkannenprinzip, sondern ganz gezielt. „Also beispielsweise eine Hose in exakt der Größe, die benötigt wird. Darüber wird genau Buch geführt und die handgeschriebenen Listen waren sehr, sehr lang. Computer hatten die Zuständigen nicht“, berichtet Kohler. Als er wieder in Rankweil war, hat er gefragt, ob er die alten Geräte der Hauptschule haben könnte. „Und so habe ich einen Transport mit über 100 PCs nach Moldawien organisiert.“

Viel Unterstützung

Mitstreiter für seine „Computer-Hilfsprogramme“ hat Kohler zum einen in den größeren Unternehmen gefunden, die ihre alten Geräte zur Verfügung stellen. Und vor allem in der Feuerwehrjugend, die die Computer so herrichtet, dass in Osteuropa damit gearbeitet werden kann.

„Gehen Menschen in Pension, gibt es so viel Wissen, das mit der Pensionierung brachliegt“, weiß Kohler. Dieses Wissen und Know-how will der 65-Jährige, der vor seiner Politiker-Karriere zehn Jahre lang bei IBM gearbeitet hat, weitergeben. Und hat natürlich auch schon das passende Hilfsprojekt gefunden.

SES heißt die Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit. Die drei Buchstaben der gemeinnützigen Stiftung stehen für Senior Experten Service. Pensionisten können dort einen Fragebogen ausfüllen, in dem Informationen zum Beruf, Qualifikationen oder Sprachkenntnisse abgefragt werden. Aufgrund des Profils wird dann der Einsatzort im In- oder Ausland gesucht.

„Das ganze funktioniert ähnlich wie die Seniorenbörsen in den Vorarlberger Gemeinden. Nur dass die Einsatzorte von Afrika bis Asien reichen. SES zahlt die Reisekosten, der Anforderer den Aufenthalt. Der Senior bekommt kein Tagegeld oder ähnliches, was ich aber auch in Ordnung finde“, erklärt Kohler.

Es dauerte nicht lange, bis der Anruf von SES kam. „Sie hätten etwas in Moldawien für mich, hieß es. Und ich dachte mir: Das passt gut, das ist mein Land.“

Bei Familie gewohnt

Ein Hotel gab es nicht in Selemet und so wohnte der Senior-Experte bei der Bürgermeisterin, die gleichzeitig auch Präsidentin des Gemeindeverbands ist. Kohler saß mit dem Mann der Gemeindechefin und deren Tochter am Frühstückstisch, lernte Land und Lebensweisen aus einem ganz anderen Blickwinkel kennen.

„In den Ländern, in denen über Jahre die sozialistische Planwirtschaft dominiert hat, fehlt es vor allem an Organisationsstrukturen. Es geht um einfache Fragen des Zeitmanagements: Was ist dringend? Wie plane ich den Tag, den Monat? Ich habe geholfen Strukturen zu schaffen und den Verantwortlichen gezeigt, wie Budgets erstellt werden.“

Ein Problem in den osteuropäischen Ländern ist, dass die Bevölkerung immer älter wird. Die Jungen ziehen ins Ausland. Ein Patentrezept sie im Lande zu halten, gibt es nicht. „Aber ich habe in Selemet einen Workshop geleitet, bei dem die Teilnehmer überlegt haben, wie man zumindest den Kontakt zu den Jungen halten kann. Wir bedienen die emotionale Schiene und haben eine Art Gemeindeblatt auf Facebook ins Leben gerufen. So bin ich dann übrigens auch zu einem eigenen Account gekommen“, sagt Kohler und lacht.

Netzwerke nutzen

In Montenegro hat der 65-Jährige den Gemeindeverband beraten, in der Ukraine arbeitet er seit drei Jahren an einem Biomasse-Projekt mit. „Da habe ich gleich beim Energieinstitut um Rat gefragt und Magnus Brunner, den Vorstandsvorsitzenden der Abwicklungsstelle für Ökostrom AG, miteingebunden.“

Ein echter Netzwerker eben, der zugleich Spaß daran hat, Erfahrung einzubringen, etwas aufzubauen. „Und es macht unheimlich viel Spaß, verschiedene Länder und Leute kennenzulernen. Und zwar auf eine Art, wie sie für Touristen völlig undenkbar wäre.“

Und was sagt der ehemalige Bürgermeister und Landtagsabgeordnete zum aktuellen politischen Geschehen? „Bis zum Arlberg bin ich zufrieden – und zwar mit allen politisch Verantwortlichen. Aber was im Untersuchungsausschuss in Wien passiert … Dieses politische Taktieren trägt nicht zur Stärkung der Glaubwürdigkeit der Politik und der Politiker bei“, empört sich Kohler.

Einige würden durch ihr Verhalten das Berufsbild des Politikers beschädigen. „Das finde ich sehr schade, denn die Aufgabe eines Politikers ist eine sehr spannende und sehr schöne. Aber sie braucht auch Akzeptanz. Wenn die fehlt, vergeht auch die Schönheit und die Bedeutung der Aufgabe.“

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