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handwerk+form 2012

Der Bregenzerwald und seine Handwerker

Es ist wohl kein Zufall, dass der Wettbewerb Handwerk+Form – eine Zusammenarbeit von Gestaltern und Handwerkern – im Bregenzerwald erfunden und veranstaltet wird. Heuer zum sechsten Mal.

Brigitte Kompatscher (text) und Ludwig Berchtold (Fotos)

Der Bregenzerwald hat den Ruf, Handwerker zu haben, die zusammenarbeiten und mitdenken“, sagt Martin Bereuter (39), Tischler und Architekt aus Lingenau. Nicht ganz zu Unrecht, wie seine Erfahrungen zeigen: „Wenn man im Ausland zu tun hat, sieht man, dass diese Qualität nicht mehr überall vorhanden ist.“ Zudem sei es das Gesamtpaket, das im Bregenzerwald funktioniere und den Ruf begründe: „Gute Möbel in schöner Landschaft in scheinbarer Idylle.“

Kleine Strukturen

Gründe für diese Entwicklung sieht Bereuter einmal in den kleinen Strukturen, die das Bedürfnis der Kunden nach Individualität befriedigen können, aber auch in der „sehr guten“ Größe der Region. Die einerseits groß genug sei, um genügend Betriebe zu haben, die in einer Vereinigung wie dem 1999 gegründeten Handwerker-Zusammenschluss Werk­raum Bregenzerwald regelmäßige Vielfalt ermöglichen. Auf der anderen Seite sei der Bregenzerwald klein genug, um den Überblick zu bewahren. „Und eine Veranstaltung wie Handwerk+Form prägt das Image“, so Bereuter, als Signal mit Außenwirkung. Der Lingenauer nimmt heuer zum dritten Mal am Wettbewerb teil, seine Tischlerei ist seit dem Anfang im Jahr 1991 dabei.

Ohne engagierte Pesönlichkeiten düften allerdings auch die besten strukturellen Voraussetzungen nichts nützen. Und einige tatkräftige Andelsbucher Handwerker waren es auch, die vor über 20 Jahren den Wettbewerb ins Leben riefen. „Es war ein Mangel an formalem Verständnis und Können der Handwerker da“, sagt der Polsterer Johannes Mohr (51), einer der „Gründerväter“ von Handwerk+Form ganz unveblümt, „handwerklich top, aber aufs Produzieren reduziert.“ Eine Formschule, die es bei den Barockbaumeis­tern und später auch im Biedermeier noch gegeben hätte, sei nicht mehr vorhanden gewesen, „wir mussten was tun“. Dazu sei in jenen Jahren auch gekommen, dass die Pendlerei ins Rheintal stark zugenommen hatte, da dort einige große Betriebe vermehrten Arbeitskräftebedarf hatten. „Alles war weg und wir sind in Zugzwang gekommen. Um ein Dorf zu erhalten, braucht es auch ein lebendiges Handwerk“, analysiert Mohr die damalige Situation.

Erfolg

Eine Vierergruppe hat sich zu jener Zeit zusammengesetzt, um die Idee eines Wettbewerbs zu entwickeln, bei dem Handwerker und Gestalter zusammenarbeiten sollten. Anders als die Handwerksausstellungen, die es in vielen Gemeinden gab. Mit dem Schwarzenberger Grafiker Harry Metzler, der heuer auch in der fünfköpfigen Jury saß, war neben drei Handwerkern in Andelsbuch bereits ein Designer dabei. Schon der erste Wettbewerb wurde ein Erfolg: 3000 bis 4000 Menschen kamen, um die damals 70 bis 80 Einreichungen zu sehen. Schwer taten sich die Handwerker anfangs mit der oft harten Kritik, erinnert sich Mohr, „aber das muss man akzeptieren. Zu Wäldern wird oft gesagt, ihr seid die Besten. Aber wenn das passiert, wird es schon kritisch. Gute Handwerker gibt es überall“, plädiert er dafür, sich nicht auf den Lorbeeren auszuruhen.

Als zentralen Punkt von Handwerk+Form sieht Mohr, dass Gestalter und Handwerker miteinander reden müssen („der Architekt braucht auch einen Umsetzer“) und das könne, wenn es funktioniert, äußerst fruchtbar für beide sein. „Diese Zusammenarbeit mit Architekten auf Augenhöhe gehört bei unseren Handwerkern mittlerweile zum Alltag“, bestätigt die Geschäftsführerin des Werkraum Bregenzerwald, Renate Breuß, die Handwerk+Form seit 2003 begleitet. „Hier wurde sicher eine Hemmschwelle abgebaut.“ Und eine weitere Entwicklung habe es im Laufe der Jahre gegeben: „Jetzt arbeiten oft drei bis vier Handwerker an einem Stück“, sagt Mohr und Breuß: „Das war früher nicht vorstellbar.“ Eine Zusammenarbeit, die für die alltägliche Praxis der Handwerker nicht unerheblich ist: „Auf Baustellen sind oft die Schnittstellen das Problem“, so der Chef von Mohr Polster, der sich dafür ausspricht, diese Zusammenarbeit noch viel stärker zu forcieren.

Der Andelsbucher hat in den letzten Jahren mit zahlreichen Produkten, die regelmäßig ausgezeichnet wurden, am Wettbewerb teilgenommen. Rund 20 Gestalter dürften es gewesen sein, mit denen er seit den Anfängen 1991 gearbeitet hat, schätzt Mohr. Architekten und Designer, häufig auch von außerhalb, kommen mittlerweile und fragen, „ob man was gemeinsam machen könnte“.

Ähnlich geht es auch Martin Bereuter, der bei Einreichungen für den Wettbewerb zwar auch schon in Personalunion als Gestalter und Handwerker tätig war und ausgezeichnet wurde, aber auch immer wieder als Handwerker gefragt ist. Den Wettbewerb selbst sieht er als „Riesenspaß und eine schöne Möglichkeit ein Thema zu bearbeiten, das man sonst das ganze Jahr über nicht aufarbeiten kann“. Und er spricht von Kontakten mit Gestaltern, „bei denen man das Gefühl hat, dass sie wirklich etwas Spannendes haben“, dem Kontakt mit den Leuten in der Region und dem Ausloten von Möglichkeiten. Den Stellenwert von Handwerk+Form drückt Bereuter so aus: „Ich habe kein Bedürfnis, meine Produkte bei anderen Wettbewerben einzureichen.“

Die Herausforderung liegt für den Tischler und Architekten darin, jedes Mal neu zu definieren, „was die Themen sind“. Was auch dazu führe, dass ganz stark prototypisch gearbeitet werde und das Thema Verkauf mit dem Wettbewerb sicher nicht erledigt sei. Den prototypischen Charakter mancher Produkte betont auch Mohr: „Oft sind es Visionen, aber nur so entstehen neue Sachen.“ Allerdings komme es auch vor, dass eine geniale Idee dadurch, dass sofort ein fertiges Produkt hergestellt werde, kaputtgemacht wird.

Handwerk+Form werde auf jeden Fall im Dreijahrestakt und als Wettbewerb bestehen bleiben, so Mohrs Einschätzung: „Die Leute wollen Emotionen. Sie wollen wie beim Fußball Sieger und Verlierer sehen“, gibt er einen wohl zutreffenden Einblick in die menschliche Psyche. „Und manchmal gibt es wie beim Fußball auch Fehlentscheidungen“. Wichtig sei aber, dass man sich dem Wettbewerb stellt. Und dass man auf dem richtige Weg sei, belege die ­hohe Teilnehmerzahl: „Wenn die Handwerker es nicht akzeptieren würden, würden sie nicht mitmachen.“

23 Prämierungen

114 umgesetzte Einreichungen von 103 Gestaltern und 54 Herstellerbetrieben nennt Breuß die Zahlen, mit denen die diesjährige Wettbewerbsausstellung aufwarten kann – so viele wie noch nie. 23 Prämierungen habe es gegeben, was durchaus im Trend der letzten Jahre liege, erzählt die Werkraum-Geschäftsführerin – obwohl die Jury bei der Vergabe der 15.000-Euro-Preissumme an keine Preisträger-Anzahl gebunden ist. „Sie kann theoretisch keinen Preis vergeben oder auch an alle einen“. Die Kriterien allerdings seien immer dieselben: Form, Alltagstauglichkeit, Materialgerechtigkeit, Zweckmäßigkeit und „natürlich das innovative Potenzial“. Mitmachen würden viele auch deswegen, weil sie wissen, dass ihre Produkte ausgestellt werden, sagt Breuß. Und 5000 bis 6000 Besucher werden auch heuer wieder an den Ausstellungstagen erwartet, die in diesem Jahr um einen erweitert wurden. Neben einheimischen Besuchern sei auch das internationale Fachpublikum da. „Und das Publikum denkt nicht gleich wie die Jury“, kann die Werk­raum-Geschäftsführerin aus ihrer Erfahrung bestätigen. Zum Thema Jury weist Mohr im Zusammenhang mit Handwerk+Form noch auf eine Besonderheit hin: „Es gibt in diesem Bereich wohl keine andere Jury, in der wie in unserer weder ein Politiker noch ein Sponsorenvertreter, sondern nur Fachleute sitzen.“ Womit er wohl Recht hat.

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