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... mit Stefan Vögel

„Stronach wird sich im politischen Alltag schwer tun“

Herr Vögel, als politischer Beobachter haben Sie sicher am letzten Sonntag die ORF-Sendung „Im Zentrum“ mit Frank Stronach mitverfolgt. Wie beurteilen Sie seinen Auftritt?

Das war das erste Mal, dass mir Journalisten wirklich leid getan haben. Es ist zwar erheiternd absurd, wenn jemand das Frage-Antwort-Spiel nicht mitspielt („Mit denen diskutiere ich nicht“), obwohl er freiwillig in einem Interview sitzt – aber zu Informationen kann man so halt nicht kommen. Und die will Stronach seinen potenziellen Wählern zwar vermitteln, aber möglichst ohne Unterbrechungen oder lästige Zwischenfragen. Politik ohne Dialog? Also meines Wissens funktioniert das nur in Diktaturen.

Wie oft ist Ihnen ein Lacher ausgekommen?

Minütlich! Es waren ja auch herrlich paradoxe Stilblüten darunter wie zum Beispiel „Es tut mir leid, dass ich Du zu Dir gesagt habe.“ Das könnte von den Marx Brothers stammen! Auch seine wiederholte Weigerung Politiker sein zu wollen, obwohl er in die Politik geht, fand ich zum Schreien. Mir kam es bisweilen vor, als müsste man einem trotzigen Kind die Grundbegriffe von Sprache und Logik beibringen.

Stronach als kabarettistische Nachwuchshoffnung? Wie schätzen Sie seine Qualitäten ein?

Seine Unterhalterqualitäten hat er schon mal unter Beweis gestellt. Allein auf Grund derer würde ich ihn aber noch nicht ins Parlament wählen.

Und seine politischen Qualitäten?

Ich befürchte, er unterliegt dem Irrtum, dass sich eine Demokratie führen lässt wie ein Unternehmen. Das belegt auch seine Sprache, die so gut wie jedes Thema auf die Wirtschaft reduziert. Ich höre da so was raus wie einen „Businessplan für Österreich“, den es durchzuziehen gilt wie eine Firmenneugründung. Das klingt superdynamisch, basiert aber auf einer seltsamen Sicht von Demokratie. Funktionierende Demokratien leben ja gerade von Pluralität, divergierenden Meinungen und Kompromissen – und nicht von einem Masterplan, den sich ein Einzelner ausdenkt. Ich glaube, Stronach wird sich im politischen Alltag schwer tun, und zwar in jedem Land. Spätestens dann, wenn er Koalitionen eingehen muss und nicht mehr allein bestimmen kann. Ich glaube, das ist er schlicht und einfach nicht gewohnt.

Kann ein milliardenschwerer Wirtschaftsboss wirklich glaubhaft auf Demokratie machen?

Wieso nicht? Demokratien sind es ja auch, die milliardenschwere Wirtschaftsbosse hervorbringen. Aber auch unter denen gibt es unterschiedliche Persönlichkeiten: vom Patriarchen, der keinen Widerspruch duldet, bis hin zum Teamplayer, der Widerspruch geradezu fordert, um Sachverhalte zu durchleuchten und dann die besten Lösungen zu finden. Demokratie und Reichtum sind doch kein Widerspruch! Es wäre geradezu undemokratisch, die Reichen aus der Politik zu verbannen! Und den guten Willen will ich Stronach gar nicht absprechen. Ein 80-jähriger Milliardär hat wenigstens keine Ambitionen mehr, sich am Staat zu bereichern, was ich manch anderen Politikern mit blasserem Lohnzettel durchaus unterstelle.

Taugt jemand, der einen Weltkonzern erfolgreich führt, auch als Politiker? In den USA kämpft derzeit auch ein erfolgreicher Geschäftsmann um seinen Einzug ins Weiße Haus. Sehen Sie Parallelen zwischen Mitt Romney und Frank Stronach?

Abgesehen vom Geld? Romney wirkt auf mich bei weitem farbloser und hölzerner als Stronach. Mich wundert ja wirklich, dass ihn die Republikaner aufgestellt haben. Und ob er tatsächlich die Wirtschaftskompetenz besitzt, mit der er wirbt, ist trotz seines Vermögens fragwürdig. Stronach wiederum kommt beim Wähler darum so gut an, weil er zweifelsohne ein Macher ist, und sich zugleich von der politischen Klasse abgrenzen will. Was natürlich ein Unsinn ist, weil er jetzt Politiker IST – ob er nun will oder nicht. So wie ein ehemaliger Schlagzeuger, der jetzt im Chor singt, eben kein Schlagzeuger mehr ist, sondern ein Chorsänger.

Eigentlich hätten Christian Rainer (profil), Alexandra Föderl-Schmid (Standard) und Esther Mitterstieler (Wirtschaftsblatt) dem kanadischen Milliardär mit österreichischen Wurzeln mit ihren Fragen auf den Zahn fühlen sollen. Dazu kam es aber nicht. Wie sehr haben Sie mit den Journalisten mitgelitten oder es ihnen gegönnt, dass sie an diesem Abend wenig zu sagen hatten?

Manche Kolumnisten haben von einer Arroganz der Interviewer, speziell von Chris­tian Rainer, gesprochen. Ich finde im Gegenteil, dass die Journalisten Stronach mit Samthandschuhen angefasst haben. Die Gesichtsausdrücke von denen pendelten ja irgendwo zwischen schierer Ungläubigkeit und Mitleid mit einem älteren Herrn, der sich so etwas überhaupt noch antut – und zum Teil nicht den Eindruck zu machen scheint, dass er immer genau weiß, wovon er spricht. Seinen Plan zum Länder-Euro etwa, welcher nichts anderes wäre als eine Rückkehr zu nationalen Währungen, hat er vermutlich noch selber nicht richtig begriffen.

Politische Beobachter trauen dem Milliardär durchaus gute Chancen bei der Nationalratswahl im Herbst 2013 zu. Von mehr als zehn Prozent der Wählerstimmen ist die Rede. Was kann er, was andere nicht können?

Er vermittelt eine einfache Botschaft: Ich habe eine Weltfirma geführt, also kann ich auch Österreich führen – und zwar genau so wie meine Weltfirma. Und die etablierten Parteien haben es ihm mit ihren unsäglichen Skandalen auch noch leicht gemacht, mit solchen Verkürzungen zu punkten.

Herr Stronach will bis April 2013 einen Weisenrat installieren, der ihn in wichtigen Fragen beraten soll. Glauben Sie, dass sich ein Herr Stronach ernsthaft Ratschläge geben lässt?

Es sieht bislang nicht danach aus, zumal er eine ausgesprochene Aversion gegen Akademiker hat, aus denen sich Weisenräte ja gewöhnlich zusammensetzen. Aber lassen wir uns eines Besseren belehren.

Wie viel Hausverstand, den Stronach immer wieder beschwört, steckt in seinen Ideen?

Den Hausverstand spreche ich ihm ja gar nicht ab. Ich frage mich nur, ob man allein mit Hausverstand und Geld bewaffnet Politik betreiben kann. Die Liste der reichen Quereinsteiger, die schon bald entnervt das Weite gesucht haben, ist lang.

In Österreichs Innenpolitik geht es momentan ohnehin drunter und drüber. Kanzler Faymann ist wegen der Inseraten-Affäre derzeit arg unter Druck. Vizekanzler Michael Spindelegger darf ohnehin nur das entscheiden, was von Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll abgesegnet wurde. Und jetzt gerät auch noch Minister Nikolaus Berlakovich ins Visier. 1,35 Millionen Euro ließ sich das Landwirtschaftsministerium den Relaunch seiner Homepage kos­ten. Die Gesamtkosten für die laufende Betreuung, Software, Informationssicherheit und Wartung und Weiterentwicklungen bis 2015 belaufen sich sogar auf 4,39 Millionen Euro. Da waren die Kosten für die Grasser-Homepage ein Klacks dagegen. Und das ohne Ausschreibung, kritisiert der Rechnungshof. Wie zornig bzw. wütend macht das einen kritisch denkenden Menschen wie Sie?

Es ist ein peinliches und unwürdiges Spiel. Und aus Sicht der Agierenden ein kurzsichtiges. Es sei denn, das Risiko des Entdecktwerdens ist tatsächlich so gering. Was nichts anderes heißen würde, als dass wir nur die Spitze des Eisbergs sehen. Dann Prost Mahlzeit, felix Austria!

Viele Bürger und Bürger­innen fühlen sich ohnmächtig, haben die Schnauze voll vom Parteigezänke. Wie kann das Vertrauen in die Politik wieder hergestellt werden?

Indem die Politiker sich ab und an wieder darauf besinnen, wer sie ins Amt gehoben hat und warum sie überhaupt dort sitzen. Und die Justiz zugleich darauf schaut, dass diese Buben die Finger von den Kassen lassen. Inkompetenz allein ist ja noch nicht strafbar, aber kriminelles Verhalten sollte – gerade bei denen, die die Gesetze beschließen – aufs Schärfste geahndet werden.

Apropos Vertrauen: Der frühere Kärntner Landesobmann Josef Martinz wurde Anfang dieser Woche wegen Untreue zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Ein Urteil mit Signalwirkung?

Die Selbstverständlichkeit und Lässigkeit, mit der sich diese Brut am Vermögen anderer vergriffen hat, schreit doch förmlich danach, dass die Richter einmal die Stahlrute auspacken. Sonst lernen die das doch nie. Wenn sie’s überhaupt je lernen.

Das Gespräch führte

Frank Andres.

„Das war das erste Mal, dass mir Journalisten wirklich leid getan haben.“ Stefan Vögel

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