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... mit Stefan Vögel

„Auch Aussagen über Lügen können Lügen sein“

Laut Wikipedia ist eine Lüge, eine Aussage, von der der Sender (Lügner) weiß oder vermutet, dass sie unwahr ist, und die mit der Absicht geäußert wird, dass der Empfänger sie trotzdem glaubt, oder auch die (auch nonverbale) Kommunikation einer subjektiven Unwahrheit mit dem Ziel, im Gegenüber einen falschen Eindruck hervorzurufen oder aufrecht zu erhalten. Herr Vögel, ganz ehrlich, wann haben Sie zuletzt bewusst gelogen?

Sie zeihen mich der Lüge? Ich habe noch nie gelogen, Herr Andres. Und das ist nicht gelogen. Die Frage ist eher, ob sie mir glauben. Denn auch Aussagen über Lügen können Lügen sein. Was die zugrunde liegende Lüge aber noch nicht automatisch zur Wahrheit macht. Kommen Sie noch mit? Sehen Sie, Lügen sind komplexe Gebilde. Ungelogen.

Gibt es Situationen, in denen bewusste Lügen erlaubt sind?

Stellt sich diese Frage in der Praxis überhaupt? Das mag ein Thema für professionelle Ethiker und Philosophen sein, aber als Realist mit einem Quäntchen Lebenserfahrung würde ich sagen, dass sich der gemeine Mitmensch ohnehin nicht an einen Moralkodex hält. Und gut so! Evolutionär gesehen ist ein Leben ohne Lüge ja praktisch ein Todesurteil. Die Täuschung gehört zum Geschäft des Überlebens wie das Mehl zum Brot. Ich bin jedenfalls keinem böse, wenn er lügt – solange er es kunstvoll macht. Und sonst geht er ohnehin unter.

Warum ist es für viele Menschen einfacher zu lügen, als einfach die Wahrheit zu sagen?

Wenn eine Wahrheit unangenehm ist, ist die dazu passende Lüge einfach bequemer. Auch für einen selbst! Sich selber anlügen ist ja die Königsdisziplin des Lügens! Darin sind wir alle Weltmeister. Und noch einmal: gut so! Nehmen Sie das klassische „Eines fernen Tages in der Zukunft, da werde ich dies oder das tun“ – das hält viele am Leben. Natürlich werden sie in der fernen Zukunft gar nix tun, geschweige denn in der nahen, aber die Lüge erfüllt ihren therapeutischen Zweck der Selbstwerterhaltung. Und was das Belügen unserer Mitmenschen betrifft: Die begabtesten Schwindler lügen erst gar nicht, sondern weichen unangenehmen Fragen elegant aus. Anders gesagt: Die besten Lügner schweigen, können so nie einer Lüge beschuldigt werden und sind daher auch gar keine Lügner.

Darf man, um jemanden nicht zu verletzen, eine Lüge auftischen?

Aber selbstverständlich. Nehmen Sie beispielsweise „Madame, Sie sehen jünger aus als je zuvor!“ Dieser Sachverhalt ist praktisch unmöglich, es sei denn, man kommt gerade aus der plastischen Chirurgie. Die Angelogene lächelt trotz absoluter Gewissheit der Lüge, und der Lügner lächelt verschmitzt zurück, weil er die straffreie Ertappung seiner Lüge genießt und zugleich das Glück der Dame über seinen Verbleib in der Hölle wegen Verletzung des achten Gebots stellt. Am Ende landen beide miteinander im Bett. Lüge und Selbstlüge dienen also einem höheren Zweck. Ich finde, das muss erlaubt sein, oder?

Glauben Sie, dass kleine Kinder und Besoffene wirklich die Wahrheit sagen?

Ach woher. Meine Kinder lügen genau so gut wie der durchschnittliche Jäger und Fischer, wenn sie damit etwas erreichen wollen. Ich schule sie lediglich darin, geschickt zu schwindeln und nach Möglichkeit niemandem weh zu tun. Und was Betrunkene zusammenlabern, interessiert mich ohnehin nicht, sei es nun gelogen oder wahr. Sind sie noch nie nüchtern neben einen Besoffenen gesessen, der einen vollquatscht? Eben, solche nassen Wahrheiten braucht niemand.

Merken Sie, wenn Ihr Gegenüber Sie anlügt?

Ich bin da auch schon mächtig auf die Schnauze gefallen. Allerdings bei einem Geschäftspartner, der seine Lügen selbst geglaubt hat. Das sind die schwierigsten. Sie schwitzen nicht und stottern nicht und bestehen jeden Lügendetektortest. Beschuldigt man sie einer Lüge, so bezeichnen sie das als Lüge und halten es auch für eine. Sie sind in ihrem hauseigenen Kosmos im Besitz der absoluten Wahrheit, ganz egal, wie unplausibel diese für den Rest der Welt auch wirken mag.

Und wie ist das bei Ihrer Frau?

Da ich selbst nie lüge, müssen sie sie das in Bezug auf andere Menschen fragen.

Stellen Sie sich vor, ein Polizist hält Sie an. Sie haben fünf große Bier intus und er fragt Sie: „Haben Sie etwas getrunken?“ Wie würden Sie antworten?

„Jawohl, Herr Inspektor, das habe ich, und zwar genau fünf große Bier. Sie wollen wissen, warum ich gefahren bin? Ganz einfach: Nüchtern ist mir die Straßenverkehrsordnung heilig, speziell morgens um vier, aber betrunken vergesse ich sie leider immer. Sonst hätte ich mich doch nie ans Steuer gesetzt! Ich bin daher unzurechnungsfähig, nicht mehr Herr meiner Sinne und folglich unschuldig. Sie können mich darum reinen Gewissens ungestraft weiterfahren lassen. Gute Nacht und nehmen Sie’s nicht mehr zu streng.“ Das würde ich sagen. Aber da ich ausschließlich nüchtern fahre, wird es dazu niemals kommen.

Kann ein Schauspieler glaubhafter lügen als ein Durchschnittsbürger, oder anders gefragt, kann man Lügen lernen?

Herr Andres, Theater spielen ist nicht lügen, sondern in der Rolle eines anderen Menschen die Wahrheit sagen. Im realen Leben käme ich beim Lügen – wenn ich es denn je täte – bestimmt ins Schwitzen. Aber so tief werde ich niemals sinken!

Gibt es Berufe, in denen besonders viel gelogen wird?

Ich weiß, Sie wollen auf die Politiker hinaus. Die müssen ja, um überhaupt gewählt zu werden, Dinge versprechen, von deren Nichterfüllung sie von Anfang an überzeugt sind, weil unangenehme Wahrheiten unverkäuflich sind. Das Paradoxe daran ist: Der Wähler WILL diese Lügen lieber hören als die schmerzenden Wahrheiten, obwohl er sie von Anfang an für Lügen hält. Er wählt den lügenden Politiker trotzdem und kann ihn später im Amt der Lüge beschuldigen, wodurch er sich selbst im Besitz der Wahrheit fühlt und moralisch erhöht. Ich halte Politiker aber nicht für schlechtere Menschen. Sie sind nur exponierter als wir, und ihre Macht, Böses zu tun, ist ungleich größer als unsere – was uns unterbewusst auch ein wenig neidisch macht. Unsere eigenen Lügen bewirken ja nix.

Sind Lügner erfolgreichere Menschen?

Charmante Lügner mit Sicherheit.

Kann man denn unabsichtlich lügen? Gehört nicht die Absicht zwangsläufig zur Lüge?

Sicher kann man das: Manche Menschen liegen ja so falsch, dass sie mit ihren Lügen der Wahrheit schon wieder gefährlich nahe kommen. Folglich hält man sie für ehrlich. Dabei sind sie einfach nur dumm. Aber lügen tun sie trotzdem. Obwohl sie die Wahrheit sagen.

Gibt es Lügner, vor denen Sie Respekt haben?

Ich hatte mal einen Bekannten, der konnte die buntesten Lügengeschichten auftischen. Seine enthusiastische Zuhörerschaft ließ ihn den Unterschied zwischen Dichtung und Wahrheit ganz einfach vergessen! Ich jedenfalls bin tausendmal lieber in Gesellschaft solcher Menschen als in jener von ehrlichen Katecheten. Eine Litanei wahrer, hehrer Dinge, vorgetragen von wahrhaftigen und ernsthaften Menschen, kann auf Dauer ganz schön langweilig sein.

Einer der zehn Gebote lautet: „Du sollst nicht lügen.“ Ist ein Leben ohne Lüge wirklich möglich?

Natürlich. Nehmen Sie mich zum Beispiel. Oder zeihen Sie mich schon wieder der Lüge?

Das Gespräch führte

Frank Andres

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