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interview

„Gleiche Chancen für alle Jugendlichen“

Die Offene Jugendarbeit Dornbirn besteht seit 20 Jahren: Geschäfts- führer Martin ­Hagen (53) über die Anfänge, ­steigenden ­Leistungsdruck auf ­Jugendliche und ­verstärkten Bedarf an Sozialarbeit.

Sie sind seit der Gründung 1992 Geschäftsführer der Offenen Jugendarbeit Dornbirn. Wie schaut Jugendarbeit im Jahr 2012 aus?

Martin hagen: Es ist eine Frage der Ressourcen. Offene Jugendarbeit mit Ressourcen, wie wir sie in Dornbirn haben, ist eine Nische zwischen Kulturarbeit, Sozialarbeit, Freizeitpädagogik, offenen Sportangeboten und darüber hinaus mobiler Jugendarbeit.

Und wie war das vor 20 Jahren, als Sie angefangen haben?

hagen: Die Sozialarbeit ist heute mehr geworden im Verhältnis zur reinen Freizeitbegleitung. Jugendkulturarbeit hat nach wie vor einen großen Stellenwert und wird mittlerweile als notwendig und wichtig erkannt. Und Projekte, die sich mit dem Übergang Schule-Arbeitsplatz beschäftigen, hat es damals nicht gegeben.

War Sozialarbeit vor 20 Jahren in der Jugendarbeit kein Thema?

hagen: Es hat damals natürlich auch Probleme gegeben. Man hat nur nicht die Ressourcen gehabt, um sich mit Fachleuten diesen Themen zu widmen.

Warum war der Übergang Schule-Arbeitsplatz damals kein Thema?

hagen: Wir haben in den Anfängen Lernhilfe angeboten, aber eher bescheiden. Qualifizierungsprojekte, wie sie heute im Rahmen Offener Jugendarbeit in Dornbirn laufen, hat es nicht gegeben. Was eine Einrichtung leisten und umsetzen kann, hängt aber davon ab, wie gut sie gefördert ist.

Die Bedürfnisse der Jugendlichen sind also nicht anders geworden, sondern die Ressourcen mehr?

hagen: Die Ausstattung ist besser geworden. Es hat früher auch Versuche gegeben, mit unterschiedlichen Gruppen zu arbeiten, wobei wir heute eher die entsprechenden Stellen anfragen, die zum Beispiel für Jugendwohlfahrt oder Wirtschaftsförderung zuständig sind. Das heißt, wenn Jugendliche zusätzliche Angebote wollen und diese bei uns bekommen, so wird das nicht über die üblichen Kanäle finanziert, sondern wir haben andere Finanzierungswege gefunden.

Mit anderen Institutionen wurde früher also nicht zusammengearbeitet?

hagen: In der Form nicht.

Haben sich die Jugendlichen in den 20 Jahren verändert?

hagen: Im Grunde wenig. Sie sind immer noch sehr lebendige, kreative und voller Ideen und Spontanität steckende junge Menschen. Sie sind weder schlechter noch besser geworden. Sie schauen jetzt wieder ein bisschen anders aus, weil andere Moderichtungen in sind, aber im Prinzip haben Jugendliche heute nach wie vor das Interesse an einer gerechteren und ausgeglicheneren Welt, wo es allen halbwegs gut geht. Jugendliche haben ein Interesse an Partizipation, an Mitwirken, an ernst genommen werden. Sie haben ein Interesse an Toleranz und an Menschenwürde. Das war vor 20 Jahren nicht anders als heute.

Was für Jugendliche sind das, mit denen die Offene Jugendarbeit in Kontakt kommt?

hagen: Jugendliche quer durch die Gesellschaft, aber auch mit Schwerpunkten. Schwerpunkte sind beispielsweise Jugendliche, die wenig Geld haben, dem allgegenwärtigen Konsumzwang in den Lokalitäten ausweichen und sich hier ohne Konsumzwang aufhalten. Jugendliche, die ein Interesse an Gestaltung und Kreativität haben, können hier etwa Konzerte veranstalten oder inhaltliche Themen weiterentwickeln. Wir können aber über das Programmangebot auch direkt Zielgruppen ansprechen. Da kommen zum Beispiel je nach Musikrichtung andere Szenen ins Haus.

Haben Sie prinzipiell bestimmte Zielgruppen, die Sie erreichen wollen?

hagen: Das ist abhängig von der Jahresplanung und etlichen anderen Faktoren. Wir kümmern uns jetzt zum Beispiel um Jugendliche, die mitgestalten wollen, die kulturelle Veranstaltungen organisieren oder in offenen Sportangeboten mitmachen wollen. Die Interessen sind sehr vielfältig. Es gibt Jugendliche, die haben Theaterworkshops, dann gibt es Jugendliche, die fahren nach Ungarn mit anderen Jugendlichen, dann gibt es Jugendliche, die machen Umweltthemen.

Wie viele Jugendliche sind es, die von Ihnen „betreut“ werden?

hagen: Wir haben im Jahr zwischen 20.000 und 30.000 Kontakte. Bei uns muss man ja nicht Mitglied werden. Das ist der große Unterschied zwischen Verband-Jugendarbeit und Offener Jugendarbeit. In der Offenen Jugendarbeit muss ich mich nicht registrieren und verpflichten. Das ist bei Jugendlichen heute ganz wichtig, da sie so viel zu tun und so viele Verpflichtungen haben.

Kommen mehr Jungs oder Mädchen?

hagen: Im Durchschnitt kommen in der Offenen Jugendarbeit mehr Jungs als Mädchen, etwa im Verhältnis 60 zu 40. Es gibt natürlich auch Programme, da kommen mehr Mädchen. Kreativ-, Bastel- oder Gartenangebote sind weiblicher, Breakdance ist männlicher, die Theatergruppe ist weiblicher. Konzert und Kultur sind gemischt, der reine offene Betrieb ist mehr männlich.

Wie schaut es von der Altersstruktur her aus?

hagen: Die Jugendlichen, die wir erreichen, sind derzeit zwischen 15, vereinzelt 13, 14 bis 22, 23 Jahren. Wir werden aber nach der Wiedereröffnung des Jugendhauses Vismut das Programmangebot erweitern und zusätzlich eigene Räumlichkeiten anbieten für Zehn- bis 15-Jährige, die dort unter sich sein können.

Sie haben vorhin die vielen Verpflichtungen heutiger Jugendlicher angesprochen. Was hat sich da in den letzten 20 Jahren geändert?

hagen: Durch den Leistungsdruck in der Schule, aber auch im privaten Leben – heute muss ich fast ins Fitnessstudio gehen, damit ich dazugehöre – verpflichten sich Jugendliche in der Freizeit nur mehr ungern für etwas, weil sie schon genug am Hals haben. Das ist deutlich mehr geworden als noch vor 20 Jahren.

Die Projekte zum Übergang Schule-Arbeitsplatz gibt es aber nur in Dornbirn?

hagen: Ja, das muss klar gesagt werden. Andere Jugendeinrichtungen haben nicht die Ressourcen und finanziellen Möglichkeiten, eine quasi eigene Schule und Qualifizierungsmöglichkeiten anzubieten, bei denen wir edle Holzboote renovieren und Designer-Handtaschen herstellen. Diese beiden Projekte Job Ahoi (Arbeitsprojekt, Anm.) und Albatros (Nachholen des Hauptschulabschlusses, Anm.) sind national und international sehr bekannt. Da kommen auch ständig Leute aus dem In- und Ausland, um sie zu besichtigen.

Macht man solche Sachen, weil die Ressourcen da sind oder weil sie als Notwendigkeit gesehen werden?

hagen: Weil sie notwendig geworden sind. Den unteren Abschnitt der Beschäftigungsmöglichkeiten, den reinen Kohleschaufler und Dienstboten, gibt es nicht mehr. Der reine Maschinenwärter ist in China – diese Jobs sind weg. Wer heute einen Job haben will, braucht eine gewisse Qualifizierung. Das hat sich geändert in den 20 Jahren. Heute müssen die Jugendlichen wesentlich mehr Leistung und Know-how mitbringen, damit sie eine Arbeits- bzw. eine Lehrstelle bekommen. Man erwartet viel mehr von ihnen. Und es hat sich gezeigt, dass viele, besonders wenn sie schlechte familiäre, Armuts- oder bildungsferne Bedingungen haben, erst zu sich selber finden müssen, ihre eigenen Fähigkeiten erkennen. Da ist es gut, man begleitet sie.

Sind insofern die Herausforderungen für Jugendarbeiter größer geworden?

hagen: Ja. Gerade der Bereich Beratung: Berufslaufbahn-Beratung und Beratung in monetären Angelegenheiten. Das hat in allen österreichischen Jugendzentren zugenommen, nicht nur in Dornbirn. Ich bin Obmann des Vorarlberger Dachverbands der Jugendzentren und seit Jahren im Vorstand des Bundesdachverbandes. Das ermöglicht mir, auch in die anderen Bundesländer hineinzusehen, und überall gibt es einen verstärkten Zug Richtung Informationen zum Thema Beruf und Geldverdienen. Das hat sich geändert.

Und was ist gleich geblieben?

hagen: Natürlich sind Liebeskummer, Schwierigkeiten mit Eltern, unverständige Eltern („wenn nur meine Eltern so wären wie du Jugendarbeiter“) immer noch Klassiker. Aber die Berufsfragen haben sich gehäuft und sind differenzierter geworden. Das ist auch der Grund, warum wir Angebote gesetzt haben, wie das Nachholen des Hauptschulabschlusses oder wie man zum Beispiel eine Lehrstelle findet. Das ist aber eine Seitenlinie der Offenen Jugendarbeit, das gehört noch nicht zum Standardrepertoire. Es ist aber eine zentrale gesellschaftliche Frage, die sich anhand der Fragestellungen der Jugendlichen im Jugendzentrum zeigt.

Wohin entwickelt sich die Jugendarbeit?

hagen: Die Offene Jugendarbeit in Dornbirn, aber auch anderswo, hat den Vorteil, dass sie Jugendliche erreicht, die mit anderen Einrichtungen kaum zu erreichen sind. Das heißt, wir erreichen Jugendliche mit Migrationshintergrund, mit bildungsfernem und Armutshintergrund. Damit bekommen wir unmittelbar mit, was deren Probleme, Ängste und Nöte sind. In den nächsten Jahren werden wir verstärkt Jugendberatungsangebote haben – auch auf der Ebene tiefer gehender Themen. Themen, die die Jugendwohlfahrt interessieren, Überforderung, Schwierigkeiten grober Art, die auch den Staat interessieren müssen. Das wird verstärkt kommen.

Da mutiert die Jugendarbeit dann schon ziemlich zur Sozialarbeit.

hagen: Ja. Jugendarbeit hat aber den Vorteil, dass sie über die Kulturarbeit und die reine Freizeitbegleitung unterschiedlichste Jugendliche erreicht. Wir veranstalten zum Beispiel Konzerte mit rund 100 bis 150 Bands im Jahr. Auf diese Art und Weise erreichen wir viele Jugendliche aus der Punkszene und aus allen möglichen Independent-Szenen und können hier etwas tun, was viele Leute in den Beratungsstellen nicht können. Wir können mit den Leuten reden, die es betrifft, die sind nämlich da.

Sind Jugendliche mit bildungsfernem, migrantischem und Armutshintergrund die Hauptklientel?

hagen: Überhaupt nicht. Aber es ist die Klientel, bei der wir uns besonders engagieren. Wenn öffentliches Geld im Spiel ist, glauben wir, soll es jene erreichen, die es am meisten brauchen. Aber die durchschnittlich 125 Bands im Jahr spielen vor bürgerlicher Mittelschicht, vor Gymnasiasten, Lehrlingen, Studenten. Das ist auch ganz bewusst so gewählt. Als Offene Jugendarbeit sind wir für alle Jugendlichen zuständig. Aber wir haben den inneren Auftrag, Jugendlichen zur Hand zu gehen, die es von Zuhause aus nicht so toll erwischt haben. Die Gruppe der Kernbesucher sind nicht jene mit großer Benachteiligung, aber diese erreichen wir mit Spezialprogrammen, zum Beispiel tschetschenische Jugendliche über Kraftsport oder Jugendliche mit türkischem Hintergrund über Tischfußball. Wobei der sprachliche Hintergrund nicht das ist, was es ausmacht. Das ist Armut oder nicht Armut.

Also ein soziales Problem und kein Ausländerproblem.

hagen: Genau. Wenn die Eltern reich sind und aus dem Iran kommen, ist es kein Thema, wenn die Eltern aus Österreich kommen und arm und bildungsfern sind, geht es mitunter schief, und da helfen wir.

Wird der Bedarf an Jugendarbeitern somit größer?

hagen: Meines Erachtens wird er größer . . .

. . . obwohl es weniger Jugendliche gibt . . .

hagen: Ja, aber die sind umso wertvoller. Wenn es weniger gibt, kann der Lehrstellenmarkt nicht mehr befriedigt werden, und man kann nicht wie früher fünf Prozent der Jugendlichen einfach über den Tellerrand fallen lassen und sagen, die interessieren uns nicht, das bleiben die Langzeit-Sozialhilfeempfänger. Wir müssen schauen, dass alle Jugendlichen, die hier sind, real gleiche Chancen bekommen, sich an diesem Markt der Arbeit und Möglichkeiten zu beteiligen. Wenn wir weniger Jugendliche haben, müssen die trotzdem die Pensionen von sehr vielen Leuten bezahlen. Das heißt, viele junge Menschen, die gestern noch wenig Interesse vonseiten der Wirtschaft geweckt haben, werden heute und morgen das Interesse sehr wohl wecken. Und man sollte mit jenen Menschen arbeiten, die hier sind, und nicht an Zuzug von spanischen und anderen Arbeitskräften denken, sondern jenen Jugendlichen, die hier aufgewachsen sind und hier wohnen, die Chance geben, dass sie eine gesellschaftliche Teilnahme auch schaffen.

Und es ist der Job der Jugendarbeiter, diese Jugendlichen so weit zu informieren und zu qualifizieren?

hagen: Ich denke schon. Wenn das der Bedarf bei den Jugendlichen ist und die Einrichtung die entsprechenden Voraussetzungen hat, soll sie das machen. Ich möchte aber noch darauf hinweisen, dass ein Jugendarbeiter nicht mobile Jugendarbeit, offene Betriebe, Berufs- und Sozialberatung und Konzerte machen kann und dann noch die Fußballgruppe leiten. Das geht nicht.

Die Jugendlichen kommen aber nicht primär hierher, um sich zu informieren?

hagen: Die Jugendlichen kommen hierher, weil hier die tollen Partys und Veranstaltungen sind, die sie selber veranstalten. Und wenn Interesse besteht, können sie in Erfahrung bringen, was für Möglichkeiten der Unterstützung es gibt. Das Angebot in Dornbirn ist aber nur deswegen so breit, weil wir es im Laufe der Jahre geschafft haben, viele Finanzquellen aufzumachen. Wenn wir nur Jugendförderungsmittel hätten wie die meisten Jugendzentren, könnten wir in diese Richtung nicht arbeiten. Wir könnten keine Projekte mit Intensivbetreuung für Jobsuchende machen. Aber wenn das möglich ist, dann haben wir auch maximale Erfolge, etwa beim Hauptschulabschluss. 94 Prozent der Jugendlichen, die hier den Hauptschulabschluss anfangen, gehen mit dem Hauptschulzeugnis raus. Das ist ein unglaubliches Ergebnis und hängt mit der Möglichkeit individueller Betreuungspläne zusammen und auch damit, dass wir sozialarbeiterisch arbeiten können.

Interview: B. Kompatscher

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