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Pippi und die ­Rosen des Lebens

Brunhilde Ölz (64) war gerade mal 48, als sie ein Zimmer im Pflegeheim bezog. Auch wenn es nicht immer einfach war – heute ist die Dornbirnerin, die seit ihrer Jugend an Multipler Sklerose leidet und seit 1982 im Rollstuhl ist, ein rundum zufriedener Mensch.

Martina Kuster (Text) und Philipp Steurer (Fotos)

Brunhilde Ölz (64) legt eine CD ein und singt mit: „Ja in Mellau, im schönen Mellau . . .“ Jedes Mal, wenn sie ihren Liebsten singen hört, gerät sie in Verzückung. „Walter konnte wirklich gut singen. Er hatte eine glockenhelle Stimme“, meint sie, nachdem sie sich ein paar Lieder des Bodensee-Duos angehört hat. Walter war ein Musiker. „Und ein Frauenheld“, wie Brundhilde betont. Aber das ist schon lange her. „Heute ist er anders und ganz anhänglich.“ Nach zwei Schlaganfällen lebt Walter heute im Pflegeheim in Dornbirn. Brunhilde lernte ihn vor acht Jahren kennen – als er gerade ins Heim gekommen war. „Er saß ganz armselig da, und ich stellte mich vor. Er schaute mich groß an. Mir war er sofort sympathisch. Es war Liebe auf den ersten Blick“, beschreibt sie die erste Begegnung.

Ihr Leben hat mehr Sinn, seit es Walter in ihrem Leben gibt. „Wir sind ein Herz und eine Seele.“ Brunhildes Augen leuchten selig, als sie von ihrem Freund erzählt. „Er bedeutet mir alles.“ Walter ist die erste große Liebe in ihrem Leben. Davor gab es nur eine Liebelei in ihrer Jugend. Mit 18 verliebte sie sich im Erholungsheim in Viktorsberg in einen Mitpatienten. „Zwei Monate lang träumten wir von einem gemeinsamen Leben. Aber es wurde nichts daraus, weil er eine Freundin hatte.“

Kein guter Start ins Leben

Das Leben verwöhnte sie nicht, weder in Liebesdingen noch sonst. Schon der Start ins Leben war kein guter, weil sie als viertes und letztes Kind zur Welt kam. „Ich war ein unerwünschtes Kind. Meine Mutter war 42 und wollte kein Kind mehr.“ Von der Mutter fühlte sie sich als Kind nicht geliebt. „Sie hat mich nie in den Arm genommen oder mir einen Kuss gegeben. Das Einzige, was ich durfte, war, ihr auf den Schoß zu sitzen.“ Der Vater war liebevoller. „Er nannte mich Pippi.“

Er litt besonders, als Pippi schwer krank wurde. Im blühenden Alter von 17 brach bei Brunhilde Multiple Sklerose (MS) aus. „Es fing mit einer Nervenentzündung im Rückenmark an“, erinnert sich die 64-Jährige, „ich war mehr tot als lebendig und lag zwei Monate im Spital.“ Bereits mit 18 musste Brunhilde aus Krankheitsgründen Invaliditätspension beantragen.

Die Krankheit schritt sukzessive fort und brachte die junge Frau 1982 in den Rollstuhl. „Da tat ich wie eine Irre. Ich war wütend. Nicht mehr laufen zu können, ist so was Brutales.“ Drei Jahre kam sie nicht mehr aus dem Haus, weil die Stiege beim Hauseingang für die Rollstuhlfahrerin unüberwindbar war. Brunhilde überstand diese Zeit, indem sie sich ins Sticken vertiefte. Das Sticken war ihr ein Trost und wurde zur Sucht. „Ich tat es gerne und das Endergebnis war wunderbar. Alle hatten an meinen bestickten Polstern Freude.“ Als sie nach drei Jahren dank einer Hebebühne wieder ins Freie kam, sah sie die Natur mit anderen Augen. „Alles war anders. Alles war wie neu. Vor lauter Freude bin ich ein paar Mal ums Haus gefahren.“

Das Zuhause verloren

Die Krankheit brachte Mutter und jüngste Tochter näher zueinander. Jetzt schliefen beide sogar in einem Bett, weil Brunhilde nicht mehr in ihr Zimmer im oberen Stock kam. Die Mutter pflegte ihre kranke Tochter, bis sie aus Altersgründen dazu nicht mehr imstande war. Als die alte Mutter mit der Pflege überfordert war, musste Brunhilde ins Altersheim ziehen. Mit nur 48 Jahren. „Da habe ich fest geweint. Nicht mehr zu Hause zu sein – das war hart.“

Jahrelang war sie die Jüngste im Heim. „Die alten Leute verstanden mich nicht. Sie waren altmodisch.“ Sie war froh, dass sie wenigstens das Personal als Ansprechpartner hatte. Brunhilde akzeptierte ihr Schicksal. „Ich hab’s hingenommen.“ Natürlich fragte auch sie sich: Warum? Warum hab’ ich alles was nix ist? Warum bin ich krank und die anderen sind gesund? Aber sie merkte schnell, dass sie mit Grübeln nicht weiterkam und dass es ihr besser tat, wenn sie nicht zuviel nachdachte. Brunhilde tat das einzig Richtige: Sie passte sich den Umständen an und versuchte, aus der Situation das Beste zu machen.

Die MS-kranke Frau tröstete sich damit, dass es Menschen gab, die es ärger getroffen hatte als sie. „Bei der Rehabilitation sah ich Menschen, die nicht einmal mehr den Kopf heben konnten.“ Deshalb empfand sie ihr eigenes Schicksal nie als schwer.

Auf Rosenblüten gebettet

Es gibt keine Rosen ohne Dornen und kein Leben ohne Schattenseiten. Erst durch Leid merkt man, wie schön das Leben ist. Zurzeit fühlt sich Brunhilde wie auf Rosenblüten gebettet. Denn: Seit es Walter in ihrem Leben gibt, „ist jeder Tag noch schöner als der andere“. Sie ist dankbar für diese späte Liebe: „Sie ist ein Geschenk.“ Ihr Herz quillt fast über vor Dankbarkeit. „Ich bin glücklich, dass ich Walter habe, dass ich leben darf, dass ich keine Schmerzen habe, dass die Krankheit stagniert und dass das Heimpersonal so lieb ist.“ Und auch dafür ist sie dankbar: Dass es mit ihr und ihrer Mutter noch zu einem Happy End kam. Diese verbrachte ihre letzten Lebensjahre in demselben Heim wie Brunhilde. „Ich war oft bei ihr und habe ihr verschiedene Wünsche erfüllt.“ Einmal brachte Brunhilde ihr einen Körperspray. „Da sagte sie zu mir: ,Du bist ein Schatz.’ Das hatte sie noch nie zu mir gesagt. Ich fiel aus allen Wolken.“ Im Alter wurde die Mutter weicher und liebevoller. Da bekam Brunhilde endlich die Liebe, nach der sie sich immer gesehnt hatte.

Sternstunde ihres Lebens

Es gab noch eine Sehnsucht in ihrem Leben. Brunhilde träumte von einer Familie. Am liebsten hätte sie vier Kinder gehabt. Aber diese Sehnsucht blieb unerfüllt. Ihre Puppen – es sind mindestens zehn – sind ihr Ersatz für die Poppele, die sie gern gehabt hätte. Brunhilde fand sich damit ab, dass ihr Traum von Familie nicht Realität wurde. Heute ist sie, wie sie sagt, „wunschlos glücklich und zufrieden“. Die 64-jährige Frau legt eine CD von Semino Rossi ein. Brunhilde liebt seine Musik. Vor drei Jahren konnte sie mit einer Pflegehelferin ein Konzert von ihm besuchen. Die Begegnung mit Semino Rossi wurde zu einer Sternstunde ihres Lebens. Von der ersten Publikumsreihe aus überreichte Brunhilde dem Schlagersänger eine rote Rose. „Er ging in die Knie. Wir schauten uns in die Augen. Ich schmolz wie Eis in der Sonne. Und dann noch sein Dankeschön. Das höre ich heute noch“, gerät Brunhilde beim Erzählen wie ein Teenie ins Schwärmen. Währenddesen schmettert Semino Rossi „Rot, rot sind die Rosen“ in ihr Zimmer im Pflegeheim in der Dornbirner Lustenauerstraße.

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