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Wilderergeschichten

Der Dornbirner Sigi Schwärzler (57) hat ein Buch über das Wildern in Vorarl­berg geschrieben. Er räumt in „Keine Schonzeit“ mit den ­gängigen, wildromantischen Klischees auf.

Hannes mayer (Text) und

Dietmar Stiplovsek (Fotos)

Ein Schuss. Ein Treffer. Das Rotwild fällt. Mich durchströmt ein Glücksgefühl. Das stundenlange Lauern nächtens im Wald war nicht vergebens. Das noch warme Blut des sterbenden Wilds fließt im Rhythmus der letzten Herzschläge über meine Hände, ehe ich das Tier mit einem Messerstich erlöse. Jetzt muss alles schnell gehen. Denn ich bin ein Wilderer. Kann ich es wagen, die Beute gleich nach Hause zu schaffen oder soll ich sie im Wald verscharren?

Bald setzt das Morgengrauen ein. Nein, die hungrigen Kindermäuler müssen sich noch einen Tag länger mit hartem Brot benügen. Hastigen Schrittes eile ich mit dem Wild, um meinen Hals baumelnd, zu einem meiner Verstecke. Immer wieder halte ich inne und schaue zurück. Ist mir auch sicher niemand auf der Spur? Wer auf der Flucht ist, leidet unter Verfolgungswahn. Mein Glücksgefühl ist längst der Angst gewichen. Ertappt mich der Jäger oder gar der Jagdaufseher, ist mein Leben in Gefahr. Ich habe das Wild unter einem Steinvorsprung mit Blättern und Ästen bedeckt. Vollends außer Gefahr bin ich aber noch nicht. Meine Büchse, die ich unter meinem weiten Umhang auf dem Rücken trage, kann mich immer noch verraten. Jedes Geräusch lässt den Schrecken in meine Glieder fahren.

„So oder so ähnlich könnte es sich einst angefühlt haben, ein Wilderer zu sein“, sage ich mir, als ich um acht Uhr morgens auf einem Dornbirner Parkplatz Sigi Schwärzler treffe. Ranger Sigi, wie der Vize-Leutnant genannt wird, hat ein Buch mit Wildergeschichten aus Vorarl­berg geschrieben. Zusammen fahren wir in seinem Jeep zu seiner Hütte zwischen Bürgle und Karren.

Drakonische Strafen

Es regnet in Strömen. Die Hütte ist das Rückzugsgebiet des Buchautors. Passend zum Anlass trägt der 57-Jährige eine Lederhose, ein blau-weiß karriertes Trachtenhemd, eine ärmellose Trachtenweste sowie einen grünen Filzhut, an dessen Kordel eine Feder steckt. Am markantesten ist allerdings sein ergrauter Schnurrbart. Der erinnert mit seinen nach oben gezwirbelten Enden just an jene Zeit, in der das Wildern oft der einzige Ausweg für die hungernden, weil ausgebeuteten Bauern war – und gleichzeitig als Rebellion gegen die Herrschaften galt. Als wir so auf dem schmalen Feldweg und zwischen dem teilweise recht dichten Gestrüpp dahin fahren, frage ich mich, was aus mir als Wilderer geworden wäre.

Schon sehe ich vor meinem inneren Auge, wie ich eine Nacht nach der Erlegung des Rotwilds in den Wald schleiche, um die Beute zu holen. Vorsichtig nähere ich mit dem Versteck, wo ich das Wild zurückgelassen habe. Plötzlich ruft eine kräftige Männerstimme drohend „Halt“. Es fällt ein Schuss. „Die nächs­te Kugel durchbohrt deinen Rücken, wenn du nicht stehen bleibst, du gemeiner Dieb.“ Am ganzen Leib zitternd stelle ich mich. Alles ist aus.

Früher oder später wäre es mir als Wilderer wohl so ergangen. Was hätte ich dann zu befürchten gehabt? Ranger Sigi antwortet: „Die Strafen waren speziell im Mittelalter sehr, sehr brutal. Was einen als Wilderer zu erwarten hatte, hing vom jeweiligen Landsherren ab. Vom Augen ausstechen, Fuß lähmen, Verbannung auf die Galeere bin hin zur Todesstrafe war vieles möglich.“ Mit am Harmlosesten war noch, wenn dem Wilderer der Zeigefinger abgehackt wurde. So ist zum Beispiel überliefert, dass ein Wilderer einen lebendigen Hasen essen musste und elendig erstickte. Die Strafen waren so bestialisch, weil die Landsherren die Wilderei als Aufstand gegen sich verstanden. Auch der Klerus, also die geistlichen Führer, kannten gegenüber den Wilderern keine Gnade, wie Schwärzler weiß: „Ein Salzburger Bischof ließ einen Wilderer auf den Rücken eines Hirsches anbinden. Der Hirsch rannte mit dem Wilderer auf sich davon, beide starben an Erschöpfung.“

Schwärzler selbst ist kein Jäger. Seine Passion fürs Jagen stamme wohl von seinem Namen, erklärt er. Denn der Name Schwärzler stamme ursprünglich just von der Gewohnheit der Wilderer und Schmuggler ab, ihr Gesicht zu schwärzen, um auf ihren Touren unerkannt zu bleiben. Außerdem hätten seine mütterlichen Vorfahren in den Zwischenkriegsjahren das ein oder andere Tier erlegt – damit wenigstens manchmal Fleisch auf den Tisch kam. Außerdem hat der Buchautor als Berufssoldat eine Spezialausbildung beim Jagdkommando absolviert. Zehn Jahre lang bildete er Scharfschützen aus, daher stammt auch sein Spitzname Ranger Sigi. Auf die Idee für das Buch kommt er, als er vor vier Jahren ein Buch über das Dornbirner Schützenwesen herausgibt.

Tod eines Wilderers

Plötzlich huscht vor uns ein Eichhörnchen über den Feldweg. „Ausgerechnet ein Eichhörnchen“, sagt der Dornbirner. Denn: Wegen eines Eichhörnchens gab es den letzten Todesfall unter Vorarlbergs Wilderern. Am 25. Dezember 1977 wurde ein 20-jähriger Jungbauer vom Jagdaufseher in Schnepfau angehalten. Der Aufseher vermutete, dass der junge Mann gewildert hatte. Es kam zu einem Handgemenge, bei dem sich ein Schuss löste. Die Kugel traf den Burschen in die Brust – er brach tot zusammen. Unter seiner Lederjacke fand der Jagdaufseher ein Eichhörnchen.

Geschichten wie diese erzählt der Autor in seinem Buch. „Ich beschreibe zum Beispiel auch die Folgen dieses Vorfalls. Nur soviel sei verraten: Aufgrund des Gerichtsurteils kochte die Bregenzerwälder Volksseele.“

Längst haben wir die Hütte erreicht. „Hier heroben habe ich viel über das Buch sinniert“, verrät der 57-Jährige. Doch wie hat er die Wilderergeschichten zusammengetragen? „Eine Bekannte hat mir den Kontakt zu einem ehemaligen Wilderer vermittelt. Es war nicht leicht, ihm etwas zu entlocken“, gesteht Schwärzler. Es habe dafür das ein oder andere Glas Wein gebraucht. Letztlich floss aber nicht nur der Wein, sondern auch die Informationen – und mit ihnen auch die Kontaktdaten von anderen ehemaligen Wildern. Schließlich kennt man sich unter Gleichgesinnten.

„Gibt es denn heute noch Wilderer“, will ich vom Autor wissen, als wir gemütlich in der Hütte zusammensitzen und er mir in der urigen Atmosphäre von seinem Buch erzählt. Seine Antwort überrascht mich: „Ja, es gibt immer noch Wilderer. Wobei die heutigen Wilderer zu einem Großteil Jäger sind, die ihr Revier verlassen.“ Aus Hunger jedenfalls müsse in diesen Breitengraden wohl kaum jemand wildern, so Schwärzler weiter.

Nach einer Stunde machen wir uns zurück ins Tal auf. Während der Fahrt drängt sich mir die Frage auf, wie ich als Wilderer geendet hätte: Als Sklave auf der Galeere? Als Krüppel? Oder hätten sie mich umgebracht? Zum Glück muss ich das nie herausfinden.

„Ein Bischof ließ einen ­Wilderer auf dem Rücken eines Hirsches anbinden.“ Sigi Schwärzler

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Die NEUE am Sonntag verlost drei Exemplare von„Keine Schonzeit“. Schicken Sie uns einfach eine E-Mail an gewinnspiel@neueamsonntag.at oder eine Postkarte an NEUE am Sonntag, Gutenbergstr. 1, 6858 Schwarzach mit dem Kennwort „Wilderer“. Einsendeschluß ist Mittwoch, der 17. Oktober 2012, 24 Uhr.

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