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Neuer Tastweg: Von den Jungen für die Alten gestaltet

Jugendliche transportieren in Schubkarren Kies und Späne durch den Garten des Pflegeheims Sozialzentrum Satteins-Jagdberg. Sie verankern Holz, „formen“ einen Weg. Emsig sind sie dabei, auch wenn sie keine Fachleute sind. Und über allem Arbeiten erklingt Lachen und die hellen Stimmen von Mädchen und Burschen, die vor kurzem noch Kinder gewesen sind.

Der Schatten der schon braunen Kastanienbäume legt sich auf die Terrasse des Pflegeheims. Alte Damen sitzen dort, stricken, nähen oder spielen mit einer Pflegerin Karten. Es ist still, fast beschaulich. Hinter den Senioren erstreckt sich der neue Tastweg, bereits mit Holz eingefasst, viel fehlt nicht mehr bis zur Fertigstellung.

Der Leiter des Sozialzent­rums, Mario Bettega, ist stolz auf die Arbeit der Heranwachsenden. Zum Sinn des Wirkens sagt er: „Die meisten Bewohner hier kennen doch nur noch Beton, Teer und Fliesen. So erfahren sie wieder, dass es auch weichen, rutschigen, runden und kantigen Boden gibt.“ Am nächsten Tag soll der Weg dann fertiggestellt sein, es fehlen noch das Geländer und Sitzmöglichkeiten.

Mutige Schritte auf dem Weg

Es sind nicht mehr alle im Heim so flink wie die 95-Jährige Maria Suske. Sie sitzt kaum still, ist immer unterwegs. Nun probiert sie an der Hand von Bettega den fast fertigen Weg aus, ohne Zögern oder Pause. Die Göfiserin ist eigentlich nur auf Urlaub hier, für 14 Tage. Und es scheint ihr zu gefallen.

Gemeinnütziges für Ältere

Bettega ist vom Engagement der Jungen begeistert, sie seien offen, voller Lebensfreude und Tatendrang. Die Burschen und Mädchen aus Dornbirn waren an diesem Tag schneller als erwartet mit der Arbeit fertig. Zur Belohnung können sie nun Freizeit genießen. Die Gruppenmitglieder absolvieren gerade das dritte Jahr des langen Firmweges.

Der Tastweg ist Teil der Aktion „72 Stunden ohne Kompromiss“, organisiert von der Katholischen Jugend und der youngCaritas in Zusammenarbeit mit Ö3. Ziel ist es, durch gemeinnützige Projektarbeit die Welt für Menschen am Rande der Gesellschaft ein wenig zu verbessern. Deshalb erledigen die Heranwachsenden an drei Tagen verschiedene Arbeiten. In Gruppen von fünf bis 20 Personen arbeiten und leben die Jugendlichen jeweils von Mittwoch- bis Samstagabend in einer sozialen Institution. Dieses Jahr steht das Zusammenleben der Generationen als Thema über den „72 Stunden“.

Die Dornbirner Firmgruppe hat sich geschlossen freiwillig gemeldet. Ohne zu ahnen, auf was sie sich einlassen. Nun sind sie seit Mittwochabend hier, essen mit den Heimbewohnern, schlafen im gleichen Haus. Ohne Fernsehen oder Internet.

Die Teenager haben ihre Pause beendet. Wäre es nach ihnen gegangen, dann hätten sie ohne Rast weitergearbeitet. Aber das Material für das Geländer und die Sitzbänke fehlen noch, erst im Laufe dieses Nachmittags wird dieses da sein.

Die Firmlinge fühlen sich sichtlich wohl in Satteins. Aus Verena (14) sprudeln die Worte nur so heraus: „Mir gefiel, nicht zu wissen, was mich erwartet. Und am Vormittag wollten die Alten den Weg auch gleich ausprobieren.“ Während Verena vor Tatendrang fast platzt, ist die 13-jährige Louisa zurückhaltender, aber nicht weniger engagiert. Sie war heute Vormittag schon mit „Essen auf Rädern“ unterwegs.

Das Sozialzentrum wurde von den Jagdberg-Gemeinden gegründet, für diese wird auch der Essensservice übernommen. „Es ist schade, dass dieses Jahr nur sechs Vorarlberger Gruppen bei den 72 Stunden mitmachen“, meint Louisa. Es hatten sich zwar mehr angemeldet, doch viele Klassen mussten wegen einer Schülermesse absagen.

Lebendiges Miteinander

Am Vormittag wurde mit den Bewohnern auch Stadt-Land-Fluss gespielt. Verena ist immer noch überrascht, dass auf die Frage, wo gelb vorkomme, statt „gelbe Blume“ von einem Herrn „SeGELBoot“ als Antwort kam. Was ja auch irgendwie stimmt.

Etwas schüchtern scheint die ebenfalls 14-jährige Maria zu sein. Sie lächelt und sagt: Sie freue sich, jemandem etwas Gutes tun zu können.

Die übrigen acht Jugendlichen stehen inzwischen am Tisch und beobachten das Kartenspiel. Zwei spielen auch schon mit, der Bursch gewinnt die erste Runde souverän.

Eine der Bewohnerinnen des Sozialzentrums fragt in die Runde, was für den Nachmittag ansteht. Ein vom Katholischen Bildungswerk organisiertes bewegungsunterstütztes Gedächtnistraining sei zu erwarten, wird ihr geantwortet.

An diesem Tag werden die Firmlinge auch teilnehmen, den Altersdurchschnitt senken. Die Seniorin lacht in ihrem Rollstuhl, als sie dies hört. „Dafür bin ich doch mit 90 schon zu alt. Wenn ich doch nochmal so jung wäre wie ihr“, sagt sie laut. Dann gibt sie einige Reime zum Besten, begleitet vom Lachen der jungen Gäste.

Evelyn Pfanner trifft nun ein. Sie organisiert die Gedächtnistrainingskurse in der Region. Ihre Idee war es auch, das Zent­rum bei „72 Stunden“ anzumelden. Das diesjährige generationenübergreifende Thema der Veranstaltung habe sich einfach dafür angeboten. Die Senioren und Heranwachsenden versammeln sich in dem kleinen Saal neben der Terrasse, mit Blick auf das Tal. Es finden nicht alle Platz, die dabei sein wollen.

Auf der Terrasse wird es wieder leiser. Nur eine Dame lacht und scherzt mit einem Zivildiener, wie schick sie doch mit der Sonnenbrille aussehe. Die wenigen, die nicht im Saal sitzen, verbringen den Tag im Speisesaal bei Kaffee und Kuchen. Ein Herr sitzt im Rollstuhl an der Tür, blickt hinaus ins Tal und auf den neuen Weg.

Matthias Rauch

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