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„Irgendwann dreh ich den Geldhahn zu“

Herr Vögel, war Wirtschaftsinformatik damals Ihr Traumstudium?

Nein, ich war nach der Matura unschlüssig, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Zugleich habe ich mich nicht gestresst, denn fürs Militär war ich dank eines zauberhaften Attests untauglich, was mir ein Jahr zum Verbummeln gab. Ich habe dann ein Lehramtsstudium in Wien in den Fächern Englisch und Latein begonnen, aber nicht aus Berufung, sondern weil mir nix Besseres einfiel. Wien war wunderbar zu mir, worunter das Studium litt, und nach zwei Semestern mit nur zwei Scheinen in beiden Fächern zusammen war mein Untauglichkeitsbonus aufgebraucht. Und da ich nicht den kompletten Absturz so vieler wiederholen wollte, bin ich nach Zürich gewechselt und habe Wirtschaftsinformatik studiert. Fragen Sie mich nicht warum. Mir fiel wieder nichts Besseres ein.

Würden Sie heute wieder dasselbe studieren?

Mit dem Wissen von heute würde ich überhaupt nicht mehr studieren. Aber das sagt sich im Nachhinein leicht. Rückwirkend betrachtet war es eine schöne Zeit, die mir sämtliche Freiheiten ließ, das Theater zu erkunden; und zugleich im Kopf die Sicherheit gab, in einen Brotberuf einsteigen zu können. Keinesfalls wollte ich auf eine Schauspielschule, oder gar Germanistik oder Theaterwissenschaften studieren. Ich war fest davon überzeugt, dass mir das die Freude an allem nehmen würde, was als Hobby begonnen hatte. Das sehe ich auch heute noch so.

Ich habe vor mittlerweile 24 Jahren begonnen, mit Deutsch und Politikwissenschaften etwas gänzlich Brotloses zu studieren. Professoren haben mir gleich zu Beginn meines Studiums mitgeteilt, dass meine Chancen später auf dem Arbeitsmarkt praktisch bei null liegen würden. Und siehe da, selbst aus mir ist noch etwas geworden. Wie sehr spielten praktische Überlegungen, zum Beispiel spätere Jobchancen, für Sie eine Rolle?

Natürlich auch. Insgeheim war ich trotzdem sicher, nie hinter einem Bankschalter zu sitzen. Ich habe einfach darauf gehofft, dass sich mir irgendwann ein Weg zeigen und eröffnen würde. Und genau das ist passiert.

Sie haben nach dem Studium einen ganz anderen Berufsweg eingeschlagen. War das Studium im Nach hinein betrachtet nicht völlig für die Katz?

Die Frage stelle ich mir nicht, weil ich nicht weiß, was passiert wäre, wenn ich nicht studiert hätte. Am Ende wäre ich auf eine Schauspielschule gegangen und stünde heute hinter einem Bankschalter.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele meiner Schulkollegen, die das Gymnasium problemlos geschafft haben, im Studium völlig orientierungslos agiert haben. Haben Sie dafür eine plausible Erklärung?

Natürlich. Die Schule drillt junge Menschen darin, einen vorgegebenen Stoff zu wiederholen, was mit Bestnoten belohnt wird. Die reale Welt liefert aber keine vorgegebenen Stoffe und Musterbeispiele, sondern neue und unbekannte Situationen. Und diese sind fehlerlos nicht zu meistern, da Entscheidungen im wahren Leben durchwegs aufgrund unvollständiger Informationen getroffen werden müssen. Beides lernt man in der Schule nicht. Ein Schüler etwa, der kapiert, dass er den iambischen Pentameter im Rest seines Lebens nicht mehr brauchen wird, wird ihn ihn nur mit dem Aufwand lernen, einen Vierer zu bekommen. Zugleich kann er die Zeit, die er im Gegensatz zum Alles-Einser-Schüler spart, in Dinge investieren, die ihm Freude bereiten (und man wird nur richtig gut in Dingen, die einem Freude bereiten). Dieser Schüler ist fürs Leben besser gerüstet sein als der gedankenlose Streber mit lauter Einsen. Das Problem ist ja, dass wir in der Schule mittelmäßige Universalisten züchten, denn die Leonardos sind eben verdammt selten, sonst würde man nicht fünfhundert Jahre später noch von ihnen reden. Mich persönlich interessiert einen Dreck, ob Usain Bolt den Pythagoras kann, solange er schnell läuft. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin ein großer Bewunderer des Menschheitswissens und ein Verfechter des unbeschränkten Zugangs zu diesem – aber ich bin nicht der Meinung, dass jeder Mensch dieses ganze Wissen braucht oder besitzen muss, damit er den Respekt der Gesellschaft erfährt.

Viele Studenten klagen heute über überfüllte Hörsäle, lange Wartezeiten für Seminare und die schlechte finanzielle Ausstattung der Hochschulen. Was läuft da schief im Staate Österreich?

Wir wissen nicht erst seit gestern, dass die Ressource Bildung diejenige ist, mit der Volkswirtschaften in Zukunft florieren werden. Es ist mir ein Rätsel, wie hier gespart werden kann, während immer noch über 50 Prozent des EU-Budgets in die Landwirtschaft fließt – sprich: wir sind bei den Förderungen noch nicht einmal im Industriezeitalter angekommen, geschweige denn im dritten Sektor. Sehen Sie sich mal die Uni-Rankings heute an, und vergleichen Sie das mit dem Stellenwert, den österreichische Hochschulen vor hundert Jahren hatten. Das ist beschämend, im zwölftreichsten Land der Welt.

Sie haben in Zürich studiert. Wie zufrieden waren Sie damals mit ihrem Studienplatz?

Alles war wunderbar geregelt und opulent ausgestattet, da gab es nichts zu bemängeln. Was gefehlt hat, waren inspirierende Professoren. Einige wenige waren phantastisch, das Gros mittelmäßig und der Rest Langweiler, zu denen kein lernbegieriger Mensch freiwillig gegangen wäre. Ich hatte nie das Gefühl, dass die Uni mit aller Kraft die besten Lehrkräfte der Welt an sich binden wollte. Ein paar von denen hätte ich als Rektor hochkantig rausgeschmissen – bei einem Monatseinkommen von 14.000 Franken.

Haben Ihre Sie Eltern finanziell unterstützt?

Ja, aber nach einigen Semestern habe ich mit Kabarett mein eigenes Geld verdient. Und die legeren Anwesenheitspflichten in Zürich ließen gottlob viele Freiheiten zu.

Acht der 21 österreichischen Universitäten heben seit dem Wintersemester 2012/2013 autonom bei einem Teil der Studierenden Studiengebühren ein. Ein Student der Universität Wien hat dagegen Beschwerde eingereicht – und bekommt nun Unterstützung vom Verfassungsgerichtshof (VfGH). Was halten Sie generell von Studiengebühren?

Ich finde das Ausmaß dieses Streits überzogen, was auf politische Grabenkämpfe schließen lässt. Aber zwiegespalten bin ich auch: Einerseits finde ich, dass ein reiches Land wie Österreich keinem Studierenden Hürden in den Weg stellen sollte, zumal unsere Akademikerquote ohnehin niedrig ist, andererseits frage ich mich, ob 400 Euro im Semester, von denen Bedürftige ausgenommen sind, einen Menschen überhaupt davon abhalten können oder sollten, sein Ding durchzuziehen. Wenn ich sehe, wofür man sein Geld sonst so alles ausgibt, kann es an den wichtigsten 400 Euro im Leben nicht scheitern. Die Frage ist aber auch eine ideologische: Ist der Staat für die kostenfreie Ausbildung seiner Bürger verantwortlich, und wenn ja, bis zu welchem Grad und in welchem zeitlichen und finanziellen Rahmen? Wir sind uns wohl darüber einig, dass ein Germanist im 36. Semester (und das habe ich in Wien erlebt!) nicht an eine Uni gehört.

Wer Medizin studieren will, muss heute einen Wissenstest an der Uni machen. Ist das wirklich das taugliche Instrument, um festzustellen, ob jemand später zum Arzt taugt?

Die versuchen halt, den Ansturm mit allen Mitteln zu bändigen. Ob die Hauptstadt von Burundi bei einem Kaiserschnitt hilfreich ist, ist eine andere Frage.

Würden Sie Ihren Kindern später empfehlen, nach der Schule ein Studium zu beginnen?

Ich empfehle denen nur eines: etwas zu finden, was ihnen Freude macht, und das konsequent zu verfolgen, egal was andere sagen. Ob das in einer Lehre oder auf einer Universität ist, ist mir wurscht, zumal sich seit meinem Studium die Wertschätzung für Akademiker merklich relativiert hat. Was ich nicht akzeptieren würde, ist ein ewiges Herumlavieren auf Kosten der Eltern. Irgendwann dreh ich den Geldhahn zu, egal wie liebherzig sie mich anschauen. Das hoffe ich zumindest.

Vorarlberg ist neben dem Burgenland das einzige Bundesland ohne Universität. Würde studentische Luft dem ÖVP-dominierten, konservativ Ländle nicht gut tun?

Dem Ländle vielleicht, aber nicht den Studierenden! Die sollen raus in die Welt! Tapetenwechsel, neue Erfahrungen und neue Gesichter! In Vorarl­berg kennt man mit 18 doch doch jede zweite Visage.

Das Gespräch führte

Frank Andres

„Das Problem ist ja, dass wir in der Schule mittelmäßige Universalisten züchten, denn die Leonardos sind eben verdammt selten, sonst würde man nicht fünfhundert Jahre später noch von ihnen reden. “ Stefan Vögel

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