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Junge Ärztin, große Aufgabe

Ärztin Sarah Hackspiel (31) arbeitet sehr gerne auf der Palliativstation, auf der Leiden und Sterben zum Alltag gehören. Dadurch ist sie sich trotz ihres jungen Alters eines bewusst: ihrer eigenen Endlichkeit. Das lässt sie ihr Leben mehr genießen.

Elisabeth Willi (Text) und Dietmar Stiplovsek (Fotos)

Ärztin Sarah Hackspiel, 31 Jahre alt, mit kurzem braunem Haar und wachem Blick, fällt auf der Palliativstation am LKH Hohenems schnell auf: Sie ist eine der Jüngsten. Der Altersdurchschnitt der Angestellten hier ist nämlich höher als auf anderen Krankenhaus-Stationen.

Obwohl die Bregenzerin häufig mit schweren Schicksalen, Leiden und dem Tod konfrontiert ist, strahlen ihre hellgrauen Augen oft, während sie mit ihrer feinen Stimme von ihrer Arbeit erzählt. Für diese benötigt sie nicht nur die fachliche Kompetenz, sie muss auch sensibel und einfühlsam sein: Zu ihren Aufgaben gehört unter anderem, mit Patienten und Angehörigen Gespräche zu führen, die über Leben und Tod entscheiden.

Viele der kranken Menschen sterben auf der Palliativstation, dennoch ist es keine „reine Sterbestation“: Zirka 50 Prozent der Patienten werden nach Hause entlassen (siehe Kasten rechts). Die Hauptaufgabe der Palliativmedizin ist nicht die Heilung von Krankheiten, sondern die Sicherung der bestmöglichen Lebensqualität. Auf dieser besonderen Abteilung kann und will nicht jeder arbeiten – vor allem, wenn man jung ist. Der leitende Oberarzt der Palliativstation, Otto Gehmacher (49), sagt: „Es interessieren sich zwar immer wieder junge Ärztinnen und Ärzte für uns, viele sind es aber nicht.“

„Hot mi numm los lo“

Farbenfroh und liebevoll dekoriert präsentiert sich die Palliativstation: Äpfel, Sonnenblumen und Gräser zieren den Gang sowie die Aufenthaltsräume, in der Teeküche plätschert ein Zimmerbrunnen vor sich her, das Pflegepersonal trägt orange oder gelbe T-Shirts. Seit März 2012 arbeitet Hackspiel hier als Stationsärztin. Sie kennt diese Abteilung aber schon viel länger: Als sie sich für ein Auslandssemester in einem Hospiz in Äthiopien vorbereitete, schaute sie sich die Palliativstation in Hohenems an. „Und des hot mi numm los lo“, sagt die Allgemeinmedizinerin. Warum? „Es ist ein sehr besonderes, spannendes Arbeiten. Das Team ist ganz fein und von den Oberärzten kann ich viel lernen“, erklärt die junge Ärztin. Sie erzielt zwar keine Erfolge im Sinne von Heilung, aber: „Wenn ein Patient durch unsere Hilfe seinen Alltag wieder bewältigen kann, ist das ein wunderbarer Erfolg.“

Ganz wichtig ist der 31-Jährigen, dass sie den Menschen als Ganzes mit seinen Lebensumständen und Eigenheiten sieht, und nicht nur die einzelnen Krankheitsherde. Dafür muss sie ihre Patienten gut kennen lernen – und das benötigt Zeit. Die bekommt sie auf der Palliativstation. „In diesem Punkt sind wir hier privilegiert.“

Die Uhren auf dieser Abteilung ticken wirklich anders: Es gibt zum Beispiel keine fixe Zeit für die Visite, Besuche sind den ganzen Tag über und – nach Absprache – auch in der Nacht möglich. Schläft ein Patient eines Morgens mal länger, wird er nicht geweckt. Er bekommt sein Frühstück und dementsprechend auch sein Mittagessen einfach ein wenig später serviert. Alles wird auf die Bedürfnisse des kranken Menschen abgestimmt.

Zeit sehr wertvoll

Dass Zeit hier einen anderen Stellenwert besitzt, erkennt man spätestens fünf Minuten nach Eintreten auf die Station: Die Zeiger der großen Uhr über dem Schwesternzimmer bewegen sich nie, sie zeigen immer 5 vor 9 an. Das bedeutet: Termindruck und Stress sollten draußen gelassen werden, denn die Stunden, die Angehörige und Patienten miteinander verbringen, sind sehr wertvoll. Vielleicht ist dem kranken Menschen nicht mehr viel Zeit gegönnt. Diese ständige Konfrontation mit dem Tod ist nicht immer einfach. Sie bewirkt aber auch Positives: „Ich bin mir meiner eigenen Endlichkeit bewusst. Das relativiert vieles, und ich genieße mein Leben mehr“, sagt die freundliche Frau. Tatsächlich: Sie wirkt ausgeglichen und zufrieden.

Ebenso übrigens das Pflegepersonal sowie andere Mitarbeiter der Station. Die Fluktuation hier ist sehr gering, was Oberarzt Otto Gehmacher folgendermaßen erklärt: „Trotz all des Schweren gibt es viele positive Momente, und wir machen schöne, wertvolle Erfahrungen.“ Dass die Mitarbeiter den Patienten viel Zeit widmen können, trage ebenfalls zur Zufriedenheit bei.

Grenzerfahrungen

Dennoch, manchmal bringt diese Arbeit Hackspiel an ihre Grenzen. Dann reflektiert sie mit dem Team oder bekommt Supervision. Außerdem gibt es auf der Palliativstation ein schönes Ritual: Anna Frick, die Leiterin des Pflegepersonals, veranstaltet jedes Jahr Gedenkfeiern, zu denen die Angehörigen verstorbener Patienten eingeladen werden. „Durch diese Feiern können wir uns ebenfalls noch einmal an die Patienten erinnern und Angehörige wieder treffen“, erklärt Sarah Hackspiel.

Auch wenn sie sehr gerne auf der Palliativstation arbeitet und dort geschätzt wird – ob sie diesen Job immer machen wird, weiß sie noch nicht. Klar ist hingegen, dass sie in der Allgemeinmedizin bleiben und stets den ganzen Menschen in das Krankheitsbild einschließen möchte.

Die gebürtige Höchsterin, die gerne reist und den Bodensee liebt, ist übrigens die Tochter von Christoph Hackspiel, dem Geschäftsführer des Vorarlberger Kinderdorfes. Liegt ihr das Soziale also in den Genen? Sarah Hackspiel lacht und antwortet: „Ich habe schon ein ‚Päckle‘ mitbekommen. Es prägt, wo und wie man aufwächst.“

Palliativstation

Menschen mit einer nicht heilbaren, weit fortgeschrittenen Erkrankung werden auf der Palliativstation behandelt und begleitet. Ziel der Palliativmedizin ist, dem Patienten eine bestmögliche Lebensqualität zu sichern. Viele Patienten können durch eine gute Schmerz- und Symptomlinderung nach Hause entlassen werden.

Die Palliativstation hat drei Arbeitsbereiche: Zum einen besitzt sie rehabilitativen Charakter. Menschen, die zum Beispiel gerade operiert wurden, bekommen Schmerztherapien, sodass sie den Alltag zu Hause wieder bewältigen können. Zum anderen gibt es Patienten, bei denen es um reine Symptomkontrolle geht: Atemnot, Übelkeit oder Unruhezustände werden bekämpft, die Lebensqualität dadurch verbessert. Die dritte Aufgabe ist die Sterbebegleitung.

Auf der Palliativstation arbeiten eine Psychotherapeutin, eine Physiotherapeutin und ein Krankenhausseelsorger. Die Station verfügt über zehn Betten (drei Doppelzimmer, vier Einzelzimmer). Eine Krankenpflegerin/ein Krankenpfleger betreut drei Patienten.

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