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Plädoyer für ein gemeinsames Tun

Genossenschaften bzw. gemeinschaftliches Tun stehen im Mittelpunkt des neuen Buches „Allmeinde Vorarlberg“ von Rita Bertolini. Eine Idee, die sich aktueller denn je präsentiert.

Brigitte Kompatscher

In Zeiten der Prosperität gelten sie als verstaubt und langweilig, in Krisenzeiten erleben sie einen Aufschwung. Die Rede ist von Genossenschaften, jenen Organisationen, bei denen „die Großmutter das Hennenfutter gekauft hat“, wie Rita Bertolini deren altertümliches Image beschreibt. Dass Genossenschaften allerdings auch in der Gegenwart alles andere als überholt sind und auch eine mögliche Antwort auf gegenwärtige Krisen sein können, stellt Bertolini in ihrem neuem Buch „Allmeinde“ anschaulich dar. Und dann gibt es noch einen dreiviertelstündigen Dokumentarfilm von Frank Mätzler, in dem er das lebendige und spannende „Porträt einer Bewegung“ zeichnet.

Jahr der Genossenschaften

Eine genossenschaftliche Organisation, die Vorarlberger Raiffeisenbanken, stand als Ideengeber am Anfang des Projekts von Bertolini und Mätzler – ist doch 2012 das von der UNO ausgerufene „Internationale Jahr der Genossenschaften“. „Wir hatten allerdings komplett freie Hand“, betonen Autorin und Filmemacher. Betitelt haben die beiden ihre Werke nicht mit Genossenschaften, sondern mit „Allmeinde“, einer aus dem Mittelalter stammenden Form gemeinschaftlichen Eigentums. Die Allmeinde oder Allmende war eine Gemeinschaftsfläche, die von allen Gemeindemitgliedern genutzt wurde.

Menschenorientiert

Bertolini und Mätzler haben sich vor gut einem Jahr auf die Spuren der genossenschaftlichen Idee und Umsetzung gemacht, sind zu deren Wurzeln nach Schottland gereist, wo Anfang des 19. Jahrhunderts Robert Owen (1771–1858) wirkte, der als Begründer des Genossenschaftswesens gilt. Der Fabriksbesitzer und Sozialreformer führte in seiner Baumwollspinnerei in New Lanark unter anderem eine Arbeitszeitverkürzung ein, errichtete Läden mit Gütern des täglichen Verbrauchs zu niedrigen, aber rentablen Preisen und verbot Arbeit von Kindern unter zehn Jahren. Owen war „menschenorientiert und nicht kapitalorientiert“, sagt einer der in Schottland Interview­ten in Mätzlers Film – das Grundkonzept genossenschaftlichen Agierens. Und dabei wirtschaftlich äußerst erfolgreich.

Im nordenglischen Roch­dale wurde 1844 die erste Genossenschaft mit Rechtsform ins Leben gerufen, erzählt Mätzler. 28 Arbeiter gründeten damals mit je einem Pfund Einlage eine Einkaufsgenossenschaft, um die Preise niedriger halten zu können. „Es war von Beginn an ein erfolgreicher Versuch.“ Genossenschaften hätten zum Beispiel Vereinen gegenüber den Vorteil, so Mätzler, dass nicht der Obmann allein, sondern jedes Mitglied mit seiner Einlage haften würde.

In Vorarlberg findet sich mit Franz Michael Felder ein früher Verfechter des Genossenschaftswesens. 1866 versuchte der Bregenzerwälder Bauer, Autor und Sozialreformer, mit dem „Käsegrafen“, Monopolisten und Geldverleiher Gallus Moosbrugger eine gemeinsame Genossenschaft der Bauern zu gründen, um deren Milchpreise und Vertriebsstrukturen zu verbessern. Moosbrugger lehnte ab, Fel­-
der gründete die Genossenschaft dennoch – mit Erfolg, Moosbruggers Preise konnten schon recht bald überboten werden.

In Deutschland waren es in der Mitte des 19. Jahrhunderts Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen, die der Genossenschafts­idee zum Durchbruch verhalfen. Und die in Vorarlberg vom aus Hirschbergsau (hinter Langen bei Bregenz) stammenden Lehrer Wendelin Rädler und Johann Kohler aufgegriffen wurde – zunächst relativ erfolglos, bis Lustenau 1888 vom Rhein überschwemmt wurde und der erste Spar- und Darlehenskassenverein in Vorarlberg 1889 als Mittel zur Selbsthilfe gegründet wurde. In der Folge war der Siegeszug der Genossenschaften nicht mehr aufzuhalten, und wenn man sich den aktuellen Bestand anschaut, den Bertolini und Mätzler erarbeitet haben, dauert er noch an bzw. erlebt eine Renaissance. Entdeckt haben sie dabei ganz unterschiedliche Genossenschaften mit verschiedenen Inhalten, die zumeist „aus Notlagen heraus entstehen“.

32 Genossenschaften aus Vorarlberg stellt Bertolini in ihrem Buch vor, darunter die vor vier Jahren gegründete PSG – Projekt- und Strukturentwicklunsgenossenschaft in Suzberg, durch die Betriebs- und Wohnflächen im Ort sichergestellt werden sollen. Schon früh hatten die Sulzberger etwa Wassergenossenschaften gebildet, um die Streusiedlung mit dem lebenswichtigen Nass, das hier nach oben gepumpt werden muss und nicht vom Berg runterkommt wie anderswo, zu versorgen. REA – Regionale Energie-Anlage in Bregenz ist hingegen ein Projekt, bei dem eine Photovoltaik-Anlage über ein Bürgerbeteiligungsmodell finanziert wird. „Bürgerbeteiligungen laufen meist über Genossenschaften“, so Bertolini.

Um das Aussterben eines alten Handwerks zu verhindern, gibt es auch die vor genau hundert Jahren gegründete Kübler Genossenschaft Innerlaterns noch: 16 Mitglieder hat sie derzeit, allerdings sind nur mehr vier davon aktiv. Nur aktive Mitglieder werden hingegen in einer anderen Genossenschaft genommen, der Vorarlberg Milch, damit auch wirklich die Interessen der Produzenten berücksichtigt werden. Die älteste im Buch vorgestellte Genossenschaft dürfte die Bergkäserei Schoppernau sein, die 2001 aus der Fusion der Sennereien Unterdorf und Oberdorf entstanden ist, die wiederum direkt auf Felder zurückgehen.

Neben derartigen Einrichtungen sind unter anderem auch zahlreiche, der Öffentlichkeit zugängliche Wanderwege oder Wälder genossenschaftlich organisiert – auch daür soll das Buch laut Bertolini sensibilisieren. Neben historischem Abriss und Genossenschaftsporträts finden sich in „Allmeinde Vorarlberg“ noch eine ganze Reihe weiterer spannender Beiträge, unter anderem jener von Silke Helfrich und Jacques Paysan, die das Allmendeprinzip auf gegenwärtige Commons umlegen, die sich nicht auf kleine eng begrenzte Ressourcenräume beschränken, sondern etwa auch in „Wissensallmende“ (Wikipedia, Freie Software …) zum Ausdruck kommen. Bernhard Tschofen entzaubert in seinem Beitrag über das Allmeingut Essen ein wenig den Mythos der „Alpenländischen Küche“ – rund 15 Rezepte traditioneller Vorarlberger Gerichte geben einen ansprechenden Einblick in diese Form des Allmeinguts.

Wanderungen

Abschließend führen dann noch 22 Wanderungen zu Orten genossenschaftlichen Wirkens, ergänzt von Erzählungen Geschichten und ausdrucksstarken Fotos von Bertolini, die überhaupt zusammen mit historischem Bildmaterial das beeindruckende Gesamtbild des Buches prägen. Und der Film von Mätzler, der neben dem historischen Abriss auch 13 Vorarlberger Genossenschaftsmitglieder zu Wort kommen lässt und kurze Spielfilmszenen enthält, lässt ebenso wie das Buch erahnen, dass diese Modelle mehr als nur Potenzial auch für die Gegenwart haben. Weil, wie es Mätzler formuliert: „Es ist ein Unterschied, ob eine Genossenschaft ihren Mitgliedern verpflichtet ist oder eine Kapitalgesellschaft ihren Shareholdern.“ Eine faszinierende Auseinandersetzung, die auch Rita Bertolinis erste Testerinnen jedes ihrer Bücher – Oma, Mama, Schwester – überzeugt hat. Man kann nachvollziehen warum.

Buch + film + gewinnspiel

Rita Bertolini: „Allmeinde Vorarlberg. Von der Kraft des gemeinsamen Tuns.“ Bertolini Verlag 2012, 416 Seiten, ca. 450 Farbabbildungen, 34 Euro. Beiträge von Silke Helfrich, Simone Drechsel, Iain Macdonald, Michael Hausenblas, Meinrad Pichler, Hildegard Breiner, Bernhard Tschofen und Rudolf Berchtel. Mit einem gleichnamigen Film von Frank Mätzler.

www.allmeindevorarlberg.at

Gewinnspiel: Die NEUE am Sonntag verlost fünf Bücher. Mail mit dem Betreff „Allmeinde“ an: gewinnspiel@neueamsonntag.at

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