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Tollkühne Kerle am Rande des Abgrunds

Auf den 200 Baustellen der Wildbach- und Lawinenverbauung wird noch heftig gearbeitet vor dem Wintereinbruch. Die Bauarbeiter vollbringen in den steilen Lawinenzügen wahre Höchstleis­tungen. Davon konnte sich die „Neue am Sonntag“ überzeugen. Sie war auf einer Baustelle oberhalb von Tschagguns.

Martina Kuster (Text) und Bernd Hofmeister (Fotos)

Sie kam schon ein paar Mal und gefährdete die Siedlung „Innere Mauren“ in Tschagguns. Am heftigsten im März 1945. Da riss die Wassertobellawine einen Stall mit und verschüttete die L 188-Silvrettastraße mehrere Meter hoch. Die riesige Lawine raste bis zum Gegenhang über der Ill. Im Lawinenwinter 1954 donnerte sie bis zur Ill. Im Katastrophenwinter 1999 fegte sie bis zur Silvrettastraße.

Nass und rutschig

Im Vorjahr hat die Wildbach- und Lawinenverbauung begonnen, das Anbruchgebiet der Wassertobellawine zu verbauen. Die Bauarbeiter bauen auf dem Lawinenhang Stahl-Holzwerke auf und forsten ihn mit Fichten auf. Insgesamt werden auf einer Höhe zwischen 1400 und 1700 Metern 12.000 Quadratmeter verbaut. Von den Bauarbeitern werden Höchstleistungen gefordert. Denn das Gelände ist hier bis zu 50 Grad steil, das entspricht einer Hangneigung von über 100 Prozent!

Heute ist es auch noch nass und rutschig, weil es am Vortag stark geregnet hat. Wir – der Techniker der Baustelle, Chris­toph Zoller, Fotograf Bernd Hofmeister und ich – gehen einen der Wege, die die Bauarbeiter mit einer Hacke ins Gelände geschlagen haben. Die Erde ist so aufgeweicht, dass der Weg unter dem Gewicht abbröckelt. Jeder Schritt muss mit Bedacht gewählt werden. Mir tut es leid, das ich die Wanderstöcke nicht mitgenommen habe. Sie hätten mir Sicherheit gegeben. Ich bemühe mich, auf den Boden zu schauen und die Tatsache zu ignorieren, dass es nur wenige Zentimeter neben mir steil nach unten geht. Trotzdem geht die Angst mit. Hoffentlich mache ich keinen Fehltritt! Hoffentlich stürze ich nicht ab! Ich bin froh, als wir beim Mannschaftscontainer ankommen. Von hier aus sehen wir die Baustelle und haben einen sagenhaften Blick ins Tal. Uns wird aber auch bewusst, dass in dieser stotzigen Rinne die Lawine zu Tal rast.

Mittagspause im Container

Den Container haben die Bauarbeiter auf einer robusten Lawinenverbauung, sprich einer Holz-Stahl-Kontruktion, festgemacht. Hier machen sie Rast und Mittagspause. Hier schützen sie sich vor Wetter­unbilden. Und hier verstauen sie ihre Werkzeuge: Pickel, Schaufel, Hacke, Bohrmaschine, Motorsäge, Sprengstoff. Bauarbeiter Klaus Witwer (31) empfängt uns mit einem freundlichen Lächeln. Er wartet auf den Hubschrauber beziehungsweise auf den Flughelfer.

Arbeitet am liebsten am Seil

Klaus arbeitet seit fünf Jahren für die Wildbach- und Lawinenverbauung. Die Arbeit am Berg beziehungsweise im steilen Gelände kommt ihm entgegen. Denn Klaus ist ausgebildeter Berg- und Skiführer. Im Freien zu sein und in den Bergen herumzukraxeln ist für ihn ganz normal. Dem jungen Mann kann die Baustelle nicht steil genug sein. Am liebsten würde er den ganzen Tag am Seil arbeiten. „Für einen Bergführer wie mich ist das ein Superjob“, findet Klaus, der an den Wochenenden gern klettern geht und im Winter als Skiführer am Arlberg arbeitet.

Hubschraubergedröhne durchbricht plötzlich die Stille. Ein Transporthubschrauber ist im Anflug. Klaus erklärt mir, dass der Helikopter auf dem Dach des Containers landen wird. Ich bin verblüfft. Bricht die Blechhütte und die Holz-Stahlkonstruktion, auf der sie festgemacht ist, unter diesem Fluggerät nicht zusammen? Klaus klärt mich auf: „Im Winter muss die Lawinenverbauung viel mehr Gewicht aushalten.“

Pilot Markus Jäger (42) landet präzise auf dem kleinen Dach, lässt Flughelfer Fritz Martin (30) aussteigen und hebt dann wieder ab. Heute liegt noch viel Arbeit vor den Männern. Mehrere Hölzer und Stahlträger- und -stützen müssen auf die abschüssige Baustelle transportiert werden.

Klaus führt uns zu den Arbeitern am Abladeplatz. Wir müssen steil bergauf gehen. Der Boden ist glitschig. Einmal rutsche ich aus, ich erwische gerade noch einen Ast, an dem ich mich festhalten kann. Ich frage mich, wie die Bauarbeiter es schaffen, in diesem stotzigen Gelände zu arbeiten? Wie es ihnen gelingt, hier Löcher zu schaufeln beziehungsweise zu bohren, Stahlstützen zu verankern und Holzwerke aufzustellen?

Abladen im steilen Gelände

Endlich erreichen wir die Bauarbeiter am „Abladeplatz“. Der befindet sich mitten im Gelände und ist alles andere als flach. Hier also soll das Baumaterial abgeladen werden. Ich habe keine Ahnung, wie das gehen soll. Aber in wenigen Minuten werde ich es sehen, wenn der Hubschrauber mit der Last am Seil angeflogen kommt.

Oswald Stocker (55), Richard Blaas (52) und Alexander Fritz (40) machen diesen Job nicht zum ersten Mal. Sie sind Vollprofis. Oswald ist seit 33 Jahren bei der Wildbach- und Lawinenverbauung. Dem Gortipohler gefällt seine Arbeit bis heute. Denn: „Man ist in der freien Natur und sein eigener Chef.“ Allerdings spürt er mittlerweile sein Alter. Seinem Rücken hat die jahrelange, schwere körperliche Arbeit nicht gutgetan. „Ich muss ihn oft massieren lassen.“ Wenn der Hubschrauber mit dem Transportgut kommt, müssen Oswald & Co im Gelände bis zu 90 Kilo schwere Lasten halten. „Da gehen die Füße weg anstatt die Last in die Höhe.“

Die schwere körperliche Arbeit am Berg birgt Risiken. Die Gefahr, dass man abstürzt, ist immer gegeben. „Man lernt fallen. Und sich im Steilhang zu fangen“, bringt Oswald indirekt zum Ausdruck, dass er schon öfters abgestürzt ist. Ein Absturz ist ihm noch in besonderer Erinnerung, auch wenn der schon mehr als 20 Jahre zurückliegt. Aber dieser war besonders spektakulär. Der Bauarbeiter fiel von einem Hänger fünf Meter in die Tiefe. Weil der Lawinenzug so steil war, stürzte er weitere 30 Meter ab und machte dabei einige Salti rückwärts. Wundersamerweise blieb Oswald unverletzt.

Fast erschlagen worden

„Ohne Gück geht’s nicht“, meint er und schaut Kollege Richard vielsagend an. Der nickt und ergänzt: „Du brauchst Glück und eine gute Reaktion.“ Die musste Richard auf den Höhenbaustellen schön öfters unter Beweis stellen. Einmal machten sich über ihm Schienen selbstständig. „Wenn ich nicht mit einem Satz auf die Seite gesprungen wäre, hätten sie mich erschlagen.“ Richard war schon immer „schnell und beweglich, schon gar wenn es ums Leben geht“. Als Schüler war er im Hindernislauf immer der Schnellste. Und wenn er als Bub auf Bäume kletterte, dann immer mit viel Geschick. Dass er nie verunfallte und es bei Beinahe-Unfällen blieb, schreibt er seiner schnellen Reaktion zu. Und seiner besonnenen und ruhigen Art. „Ich denke zuerst. Dann handle ich – mit Bedacht und ohne zu hudeln.“

Meisterleistung des Piloten

Vor allem am Anfang müsse man „höfele tun“ und Obacht geben, „sonst bist du gleich tot“. Laut Richard muss sich zuerst der Geist auf die Baustelle einstellen. Geländegewöhnung nennen die Arbeiter das. „Dann wird die Steilheit normal.“

Plötzlich schauen wir alle auf. Der Hubschrauber kommt. Wir hören ihn, sehen ihn aber noch nicht. Für den Piloten ist es ein schwieriges Unterfangen. Denn der Abladeplatz liegt zwischen Bäumen. Der Pilot sieht von oben nichts, die Last, die er an einem 52 Meter langen Seil transportiert, verschwindet unter den Bäumen. Unter solchen Bedingungen ist es eine Kunst beziehungsweise eine Meisterleistung, die Last punktgenau dorthin zu bringen, wo sie gebraucht wird. Das setzt viel Flugerfahrung voraus. Und es gelingt nur im Zusammenspiel mit dem Flughelfer, der den Piloten vom Boden aus über Funk einweist.

Heute funktioniert alles wie am Schnürchen. Jeder Handgriff sitzt. Die Männer sind ein eingespieltes Team. Das merkt man sofort. Fast schon souverän übernehmen sie die schweren Stahlstützen im steilen Hang. Ich bin beeindruckt. Wenn man so nah dran ist, sieht man aber auch, was alles schiefgehen könnte und wie gefährlich diese Arbeit ist.

Jetzt versteht man Oswalds Frau. Die will von der Arbeit ihres Mannes nichts wissen. Denn würde er ihr erzählen, was er tut, hätte sie ihn noch weniger sicher.

16 Millionen für Schutzmaßnahmen

Die Wildbach- und Lawinenverbauungist in Vorarlberg auf 182 Baustellen tätig.Die Bauarbeiter (insgesamt 115) verbauen Lawinenhänge, setzen Bäume zum Schutz von Siedlungen und fassen Bäche. Heuer werden 16 Millionen Euro in Schutzmaßnahmen investiert, davon 7,9 Millionen für Wildbachverbauungen, 5,8 Millionen für Lawinenverbauungen und 2,9 Millionen für Bauten gegen Rutschungen und Steinschlag. Die größte Baustelle ist die Verbauung des Suggadinbaches in St. Gallenkirch. Seit 1999 haben Bund, Land und Interessenten in Vorarlberg mehr als 200 Millionen Euroin Verbauungen zum Schutz gegen dieGewalten der Natur investiert.

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