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Vorarlberg unterm Hakenkreuz

Eine zusammen- und umfassende Darstellung des Nationalsozialismus in Vorarlberg legt nun der Historiker Meinrad Pichler vor. Ein Buch, das sich an Jugendliche – aber nicht nur – richtet.

brigitte Kompatscher

Eugen ist der jüngste der drei Söhne des Götzner Sattlermeisters Franz Josef Elsensohn, der um 1900 nach Dornbirn übersiedelt. Der Sohn wird zu dieser Zeit geboren, schafft später die Matura nicht und verliert 1934 seine elf Jahre zuvor beim Arbeitsamt Dornbirn angetretene Stelle aufgrund seines nationalsozialistischen Engagements – eine Begeisterung, die er mit seinen Brüdern teilt und die ihm 1938 als „Alter Kämpfer“ die Leitung des Arbeitsamts verschafft. Allerdings ist er damit überfordert, sodass er ins Landesarchiv nach Bregenz versetzt wird. Der glühende Nationalsozialist ist jedoch pädophil und geht seiner Veranlagung auch immer wieder nach.

Lange wird der „verdiente Parteigenosse“ gedeckt, bis es 1944 doch zu einem Prozess kommt. Elsensohn flüchtet mit einem gestohlenen Boot und bleibt verschwunden. Die Nazis sprechen von Selbstmord. Später will den nationalsozialistischen „Kämpfer“ der ersten Stunde, der als hoffnungsvolle Personalreserve galt, niemand gekannt haben – Realität und Anspruch klafften hier wie bei vielem und vielen auseinander.

Eugen Elsensohn ist eine von 43 Personen, die Meinrad Pichler in seinem Buch „Nationalsozialismus in Vorarlberg. Opfer. Täter. Gegner“ in Kurzbiographien vorstellt. Es sind weniger bekannte wie Elsensohn aber auch bekannte Menschen wie Karoline Redler, Georg Schelling oder Josef Vallaster – Menschen, die gegen das NS-System gekämpft oder es mitgetragen haben, in ihm Täter oder Opfer wurden. Oft berührende Beispiele dafür, „wie sich die große Politik im Leben dieser Menschen niedergeschlagen hat“, wie es der Autor formuliert.

Das Buch des Bregenzer His­torikers und pensionierten Schuldirektors ist der dritte Band einer von _erinnern.at_ herausgegebenen und im Studienverlag erscheinenden Reihe zum Nationalsozialismus, die für alle Bundesländer geplant ist und sich primär an ein jugendliches Lesepublikum richtet. Neben den Personengeschichten, die „möglichst viele Facetten abdecken sollen, wie Menschen gelebt und gehandelt haben“, finden sich in 15 Kapitel unterteilte „Strukturgeschichten“ zu Themen wie „Der Nationalsozialismus“, „Die Kirche in der nationalsozialistischen Diktatur“, „Jugend und Schule“ oder „Zwangsarbeit“. Deren Inhalt ist jeweils auf Fragen aufgebaut. Fragen, die von Schülern – im konkreten Fall jenen einer vierten und achten Klasse Gymnasium – gestellt wurden und werden. Und die von Pichler in seinem Buch spannend und anschaulich beantwortet werden.

Interesse und Überdruss

In Hinblick auf den Wissensstand der Jugendlichen in Sachen Nationalsozialismus sieht Pichler eine ein wenig „paradoxe Situation“. Einerseits gebe es sehr viele Informationen von Seiten der Medien – allerdings oft zugunsten einzelner Aspekte im Stil „Göring und seine Geliebten“ oder großer Kriegsdokumentationen, die wenig darüber aussagen würden, wie etwa eine Diktatur funktioniert. Nämlich nur mit tätiger Mithilfe der Bevölkerung durch Wegschauen, Teilnahmslosigkeit oder aktiver Unterstützung, wie er anmerkt. Auf der anderen Seite ortet Pich­ler von der Schule her bei den Jugendlichen einen gewissen Überdruss am Thema, weil es in verschiedenen Bereichen immer wieder vorkomme, allerdings „gibt es trotzdem immer Interesse dafür“. Ein Interesse und die Fragen der Jugendlichen, wie das hat passieren können, hätten zumindest seit den 1960er-Jahren bestanden und zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Antworten hervorgebracht. „Das Wichtigste ist es dabei wohl gewesen, das persönliche Befinden der Zeitzeugen einigermaßen mit den hinterlassenen Quellen kompatibel zu machen“, stellt der Historiker fest. Und er spricht auch von der „merkwürdigen heimlichen Bewunderung“ einiger Jugendlicher für bestimmte Dinge, die scheinbar den Nationalsozialismus ausgemacht hätten. „Die Kameradschaft, die geherrscht habe, die Stärke, die Deutschland gezeigt habe, dass man mit bestimmten Dingen kurzen Prozess gemacht habe.“ Insgesamt aber ortet er beim Großteil der Jugendlichen Betroffenheit darüber, dass dieses Morden hat passieren können.

Erklären und erzählen

Mit „Nationalsozialismus in Vorarlberg. Opfer. Täter. Gegner“ legt Pichler nun wohl die erste zusammenfassende regionale Gesamtdarstellung vor – mit dem Anliegen, „jemandem, der wenig Vorwissen mitbringt, etwas spannend erklären und erzählen zu können“. Was durchaus gelingt. Alle Fachausdrücke werden erläutert, Kapitel können für sich allein stehen, und die Nachvollziehbarkeit – die Pichler wichtig war – ist durchwegs gegeben. Für Erwachsene, die Ahnung von der Materie haben, dürfte laut Pichler der regionale Aspekt der wichtigste sein. Viel Platz hat der Autor auch den zahlreichen, in einigen Fällen erstmals veröffentlichten Fotos gelassen, wobei die Bildunterschriften jeweils kurze Informationen enthalten. „Man kann das Buch auch nur anhand der Bilder und deren Unterschriften anschauen. Da lernt man auch was“, so Pichlers Einschätzung.

Ein zentraler Aspekt der Darstellung war für den Historiker der Weg hin zum Nationalsozialismus, den er als „vorhandenes Gedankengut bündeln und radikalisieren“ beschreibt. „Es gibt den Antisemitismus, dieses Wort des unnötigen Essers, den Glauben, dass ein Führer besser ist als die Demokratie, den Antiparlamentarismus, die militärische Ansicht, dass man Probleme mit Krieg besser und schneller lösen kann als auf dem Verhandlungsweg. All diese Dinge sind als geistiges Gut und als Teil des allgemeinen Denkens bereits vorhanden.“

Das Buch basiert in erster Linie auf bereits vorhandener Literatur und nicht auf Archiv­arbeit. Ziel war es, „den jetzigen Forschungsstand zu bündeln“, erläutert der Autor, der zwei Jahre lang am gut 400-seitigen Buch gearbeitet hat. Neue Quellen hat er zum Teil zu Personen erschlossen, auch „weil das Landesarchiv mittlerweile wesentlich zugänglicher ist als es war“. Der Hauptfundus liege aber in der bisher geleisteten Forschungsarbeit, die in Vorarl­berg vor rund 30 Jahren mit der damals jungen und neuen His­torikergeneration der Johann August Malin-Gesellschaft begonnen hat.

Noch genügend Arbeit

„Inzwischen ist zu Einzeldingen sehr vieles vorhanden“, beurteilt Pichler den aktuellen Stand der Forschung. „Was zum Beispiel zum Bombenkrieg in Vorarl­berg zu sagen ist, hat Thomas Albrich in seinem Buch gesagt.“ Das Meiste bzw. sehr viel sei wohl auch zum Thema Widerstand oder Kirche und Nationalsozialismus erforscht. „Ich glaube nicht, dass es einen Aspekt gibt, der noch gar nicht erfasst ist, allerdings könnte man noch einiges vertiefen“, so Pichler, der auch für junge His­toriker noch genügend Arbeit sieht.

Buchpräsentation

Meinrad Pichler: Nationalsozialismus in Vorarlberg. Opfer. Täter. Gegner. Studien­verlag. 416 Seiten, 24,90 Euro.

Buchpräsentation und Gespräch: Montag, 22. Oktober, 19.30 Uhr, Salomon Sulzer-Saal Hohenems. Mit Hanno Loewy, Horst Schreiber (Herausgeber) und Meinrad Pichler.

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