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Die Dichterin vom Tschermakgarten

Luise Sperger (89) lebt seit eineinhalb Jahren im Seniorenheim Tschermakgarten in Bregenz. Im Heim fand sie gleich Beachtung – weil sie mit Leidenschaft Gedichte verfasst und Handarbeiten macht.

Martina Kuster (text) und Bernd Hofmeister (fotos)

Luise schaut von ihrem kleinen Balkon auf den Gebhardsberg. Die Herbstsonne taucht ihn in ein mildes Licht. „In der Nacht ist er immer hell erleuchtet“, weiß die 89-jährige Bregenzerin. Vom Bett aus sieht sie direkt auf die St. Gebhards-Kirche. Vor dem Einschlafen betet sie jeden Abend zum Heiligen Gebhard. „Er behütet unser Haus.“ Luise hat einen starken Glauben bzw. ein großes Gottvertrauen. „Ich weiß nicht, was noch kommen mag. Aber ich weiß, Gott ist mit mir an jedem Tag.“ Im Dezember wird sie 90. In diesem gesegneten Alter denkt man öfters an den Tod. „Ich denk‘ jeden Tag, es kann der letzte sein. Ich überlass‘ mich ganz dem Herrgott.“

Mit dem kam sie nie in den Clinch. Denn: „Ich hatte kein schweres Leben“, findet sie. Dabei gab es auch in ihrem Leben Einschläge. Aber wie sich das Leben anfühlt, hängt von der Einstellung ab. Luises Sicht auf die Dinge war immer eine positive.

Kein Geld für den Friseur

Als Kind erkrankte sie schwer. Typhus. „Die Schwes-tern im Spital zündeten schon die Kerzen an. Sie dachten, ich werde bald ein Engel.“ Aber die sechsjährige Luise überlebte. Nachdem das Ärgste überstanden war, musste ihr die Mutter das Sparschwein von zuhause mitbringen. Die Mutter wunderte sich, fragte ihr Kind, wozu es das brauche. „Da sagte ich ihr, dass mir der Herr Doktor leid täte. Weil der lange Haare und kein Geld für den Friseur hätte.“ Als der Arzt davon erfuhr, schenkte er Luise einen Teddybär.

Auch später gab es bei ihr Zeiten, in denen es ihr nicht so gut ging. Zum Beispiel damals, nach dem Krieg, als sie sich vom Vater ihres Sohnes trennte. „Der hatte eine andere Gesinnung als ich.“ Aber sie ging nicht in Unfrieden von ihm. Schließlich verdankte sie ihm ja ihr Kind, ihr größtes Glück.

Die alleinerziehende Mutter bekam Unterstützung von ihrer Familie. Während Luise arbeiten ging, blieb Hartmut in der Obhut ihrer Mutter und Großmutter. „Der Bub hat alles gegolten. Alle mochten ihn gern.“ Wenn Luise mit der Arbeit fertig war, wartete ihr Sohn Hartmut am Torbogen auf sie. „Er hat mich immer abgeholt.“

Verehrer Korb gegeben

Ihre Tage waren ausgefüllt mit ihrem Sohn und ihrer Arbeit. Für eine neue Liebe war da kein Platz mehr. Luise dachte nicht mehr ans Heiraten. Aber es war nicht so, dass sie keiner gewollt hätte. In jungen Jahren machte ihr ein Deutscher einen Heiratsantrag. Aber sie wollte ihre Heimat partout nicht verlassen. „Ich ess‘ lieber in Bregenz trockenes Brot als Kuchen in Bremen“, dachte sie damals und gab dem Verehrer einen Korb.

Luise genoss das Leben mit ihren drei Freundinnen. „Wir sind jeden Freitag ins Gasthaus Sternen feiern gegangen.“ Ihre Freundinnen hat Luise schon seit ihrer Jugend. Eine davon – Ilse – lebt heute wie sie im Seniorenheim Tschermakgarten. „Ich geh jeden Abend zu ihr runter und wünsche ihr eine Gute Nacht.“

Todkranke Mutter gepflegt

Man darf im Leben nicht nur nehmen, sondern muss auch geben. Mit dieser Einstellung ist Luise durchs Leben gegangen. Als ihre Mutter sterbenskrank wurde, betreute die berufstätige Tochter sie mehrere Monate – bis zu ihrem Tod – jeden Vormittag. „Ins Büro ging ich dann von mittags bis spät­abends.“ Als Luise in Pension kam, kümmerte sie sich um kranke Verwandte, unter anderem um die Tante und die Cousine. „Ich hab‘ lieber anderen geholfen, als allein daheim zu sein.“

Musste alles im Stich lassen

Vielleicht rührt daher ihre Zufriedenheit. „Ich war immer zufrieden, in jeder Lebenslage.“ Selbst als sie im März 2011 aus gesundheitlichen Gründen ins Altersheim ziehen und ihre Wohnung und Selbstständigkeit aufgeben musste, verlor sie ihre Contenance nicht. Freilich: „Am Anfang war es schon herb – alles im Stich lassen zu müssen.“ Ihr Herz blutete, als ihre gestickten Decken und Polster auf dem Flohmarkt landeten. Aber sie verstand, dass sie ins Altersheim nicht alles mitnehmen konnte.

Luise liebt es zu sticken und stricken. Die Polster auf der Eckbank hat alle sie bestickt. Zurzeit strickt sie gerade an einem Pullover für ihren Urenkel. „Ich hab‘ mein Leben lang gehandarbeitet“, sagt sie und nimmt ein Handtuch aus dem Schrank. „Schauen Sie, solche Bordüren habe ich viele gehäkelt.“ Die alte Dame hat aber noch ein Hobby, dem sie mit viel Liebe und Engagement nachgeht.

Wenn jemand Geburtstag hatte oder heiratete, hieß es immer: ,Komm‘ Luise, schreib‘ ein Gedicht.‘ Ihr lyrisches Talent blieb den anderen nicht verborgen. Bis heute schreibt sie gerne Gedichte. „Wenn mich etwas tief bewegt, dann fällt mir ein Gedicht ein.“

Ihr neues Leben im Altersheim verpackte sie – wie sollte es anders sein – in ein Gedicht. Wenn sie schreibt „Noch nie in meinem Leben wurde ich so gehegt und gepflegt, von morgens früh bis abends spät, die Pflegerinnen sind mit viel Liebe und Geduld den ganzen Tag am Ball und helfen überall, sie helfen da und trösten dort und massieren mir meine Rückenschmerzen weg“ – dann meint sie das ernst. „Ich hab‘ es jetzt schön. Ich muss mich nur zum gedeckten Tisch setzen, mir wird das Frühstück serviert und das Bett gemacht. So schön haben es nicht alle.“ Die 89-Jährige lebt noch gern, wie sie betont. „Aber wenn der Herrgott ruft, dann bin ich da.“

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