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Er bringt Baumstämme zum Klingen

Der Bizauer Pius Feurstein (58) wollte vor 19 Jahren einen Weihnachtsbaum aus dem Wald holen – heim kam er mit einer krummen Tanne, aus der er sein erstes Alphorn herstellte. Viele andere hat er seither gebaut, und das aus purer Liebhaberei: Er verkauft sie nicht.

Elisabeth Willi (Text) und Ludwig Berchtold (Fotos)

Pius Feurstein (58) und seine Frau Rosmarie stehen in ihrem Garten in Bizau und blasen mit ihren Hörnern den „Alphornruf“. Die Instrumente, die wie riesige Tabakpfeifen ausschauen, klingen warm, voll und friedlich. Pius hat sie selbst hergestellt – aus nichts anderem als einem krummgewachsenen Baumstamm. Der Bizauer ist einer der wenigen, der diese Instrumente noch aus einem einzigen Stamm und von Hand fertigt. Deshalb nennt er sie „Naturalp­hörner“.

Am Anfang seiner Karriere vor 19 Jahren standen eine Fernsehdokumentation über einen Alphornbauer sowie der Wunsch nach einem schönen Christbaum: Ersteres weckte sein Interesse an diesem Instrument, Letzteres führte ihn in den Wald. Dort fesselte vor allem eine krumme Tanne seine Aufmerksamkeit. „Die wäre optimal für ein Alphorn“, dachte er sich, die Fernsehdoku vor seinem inneren Auge. Pius nahm sie mit und machte daraus im Alleingang sein erstes Alphorn. Er hatte zuvor noch nie auf solch einem Instrument gespielt, dementsprechend entlockte er ihm zuerst nur „Elefantentöne“, wie er erzählt. Doch bis zum Faschingssamstag beherrschte es der Autodidakt so gut, dass er damit auf der Schwarzarbeiterveranstaltung in Bizau spielte.

Zwei landeten im Ofen

Nun hatte der Bregenzerwälder Feuer gefangen. Unter der Anleitung des erfahrenen Alphornbauers Hubert Rehm aus Egg-Großdorf verbesserte er seine Technik mehr und mehr. Mittlerweile hat Pius 18 Exemplare hergestellt, wovon zwei wegen klanglicher Missstimmungen „sofort im Ofen landeten und immerhin noch für eine warme Stube sorgten“, meint er gelassen.

„Aber eigentlich ist das Ganze gar nicht so schwierig“, fährt er grinsend fort, hakt seine Daumen unter seine Hosenträger mit Edelweiß-Motiven und schlägt den Weg zu seiner Werkstatt im Keller seines Hauses ein. In dem kleinen Raum lehnen an einer Wand zwei fertige Alphörner, in einem Regal liegen drei rohe Stämme, auf einer Hobelbank ist eine ausgehöhlte Baumstamm-Hälfte befestigt. Der Duft von Holz umschmeichelt die Nase.

Den Baum fällt Pius, wenn möglich, in den Rauhnächten – das sind die zwölf Nächte um den Jahreswechsel. „Das Holz ist um diese Zeit am trockensten“, erklärt der Wanderwegewart der Gemeinde Bezau. Der Baum sollte in über tausend Metern Seehöhe stehen und, ganz wichtig, an einem Hang. Denn nur dort wächst er krumm aus dem Boden heraus. Diese Biegung wird beim Alphorn dann der trichterförmige Teil sein, der auf der Erde aufliegt. Die Breite des Stammes ist nicht so wichtig, umso mehr aber die Länge: Sie bestimmt die Tonart. Pius fertigt F-Alp­hörner, sie sind zwischen 3,64 und 3,68 Meter lang.

Meistens verwendet der Instrumentenbauer Fichte, manchmal auch Ulme oder Ahorn. Etwa 90 Prozent der Bäume bekommt er geschenkt, da sie – weil krumm – nicht viel wert sind.

70 Stunden Arbeit

Noch im Wald entfernt Pius alle Äste, zu hause schält er dann die Rinde ab und halbiert den Stamm der Länge nach. Die beiden Hälften höhlt er anschließend mit einem Schnitzstemmeisen aus. Ganz wichtig dabei: Die Wandstärke muss mindestens sechs Millimeter betragen. Wenn nicht, klingt das Instrument „wia a hohle Büchs“, sagt der Profi. Nach dem Aushöhlen leimt er die beiden Hälften zusammen und lässt sie 24 Stunden bei Zimmertemperatur trocknen. Danach bohrt er in den oberen, dünnen Teil, den er nicht ausgeschabt hat, ein Loch für das Mundstück aus Metall. Zuletzt schleift und ölt er das Alphorn. „Und dann kommt der Moment, in dem der Frosch ins Wasser hüpft“, sagt der Musikliebhaber. Soll heißen: Nun zeigt sich, ob das gute Stück auch schön klingt.

Schade, wenn nicht, denn schließlich arbeitet Pius etwa 70 Stunden daran. Eine Arbeit, bei der er keinen Cent verdient: Er verkauft seine Alphörner nicht, sondern stellt sie aus Liebhaberei her und um Interessierten zu demonstrieren, wie das funktioniert.

Manche seiner Instrumente hinterlegte der Bizauer an verschiedenen Orten: Eines in der Bezauer Kirche, an dem der Pfarrer eine große Freude hat, ein anderes in der Kapelle am Ölberg, ebenfalls in Bezau. Ein Alphorn schenkte er der Älplerin der Breitenalpe in Schoppernau – wann immer er im Sommer bei ihr vorbeikommt, spielt er damit. Das tut er recht häufig, denn zusätzlich zu seiner Arbeit bei der Gemeinde Bezau ist Pius Wanderführer. Für seine Gäste bläst er oft eine Weise und erklärt ihnen: „So klingen die Baumstämme im Bregenzerwald, wenn man sie aushöhlt.“

Lippenspannung

Das Alphorn zählt aufgrund seiner Anblastechnik zu den Blechblasinstrumenten. Es hat weder Grifflöcher, Ventile noch einen Zug, einzig die Lippenspannung macht die Musik. Je stärker der Musikant die Lippen anspannt, desto höher ist der Ton. Pius schnappt sich eines seiner Alphörner und zeigt, wie es geht. Hier in dem kleinen Keller klingt es dumpfer als draußen, seine Schwingung ist körperlich spürbar. Dieses Instrument braucht Platz, um sich zu entfalten – am schönsten tönt es in der Weite der Berge.

Plötzlich unterbricht ein anderer Klang das Alphorn: Pius‘ Handy läutet. „Ja, ist gut, das mache ich“, spricht er in das Gerät und erklärt, nachdem er aufgelegt hat: „Morgen kommt der Landeshauptmann nach Bezau. Man hat mich gefragt, ob ich für ihn spiele.“ Das sagt er so beiläufig, als würde er jeden Tag für Wallner eine Weise blasen. Auftritte ist er eben gewohnt. In den vergangenen Jahren erlebte das traditionelle Instrument eine neue Blüte und Pius beglückte die Zuhörer viele Male in Vorarl­berg, Tirol, Salzburg, aber auch in der Schweiz, Liechtenstein und in Deutschland.

Volksmusik, Klassik, Jazz

Seine Frau Rosmarie musiziert erst seit Jänner dieses Jahres auf dem Alphorn, gemeinsam treten die beiden seither als „Naturalphorn-Duo Rosmarie und Pius“ auf. Sie spielen vor allem Volksmusik, aber auch Kirchenlieder. Klassische Kompositionen für Alphorn gibt es wenige, die bekannteste ist die „Sinfonia pastorella“ von Mozart. In letzter Zeit wurden öfters klassische Werke in Verbindung mit Jazz geschrieben. „Moderne Musik und das Alphorn können gut zueinander passen“, erklärt Rosmarie und fährt fort: „Aber egal, was man spielt, eines kann dieses Instrument immer: herrlich klingen.“

Geschichte des Alphorns

Oft diskutieren Alphorn-Liebhaber die Frage: Wer hat’s erfunden? Die erste schriftliche Erwähnung eines Alphornes geht auf das Jahr 1527 zurück: Damals schrieb ein Schweizer Mönch in sein Kassabuch, dass er einen Alphornbläser für seinen Auftritt bezahlt habe. Die älteste bekannte Abbildung eines langgestreckten Hirtenhornes findet sich in einem Altarbild einer Bergkapelle im Allgäu, das Bild entstand um das Jahr 1568.

Das Prinzip, in einen ausgehöhlten Ast oder Baumstamm zu blasen und damit Töne zu erwecken, dürfte aber schon viel älter sein. Wer das zuerst getan hat, lässt sich nicht mehr eruieren. Ebenfalls nicht, auf welchem Kontinent, denn Alphorn-ähnliche Blasinstrumente gibt es überall: Sei es das von Termiten ausgehöhlte australische Didgeridoo, seien es indianische Bambustrompeten oder afrikanische Holzhörner, die meist quer geblasen werden.

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