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„Ich denke, dass es Obama schafft“

Herr Vögel, am 6. November finden in den USA die Präsidentenwahlen statt. Die drei Fernsehduelle zwischen Barack Obama und Mitt Romney sind geschlagen. Wer wird das Rennen machen?

Ich denke, Barack Obama. Auch wenn er nicht mehr die übermenschliche Strahlkraft der Wahl von 2008 besitzt, so glaube ich doch, dass ihm mit Mitt Romney ein farbloser Gegner gegenübergestellt wurde. Aber das ist nur mein Bauchgefühl. Ich kenne die Stimmung in den USA nicht, und als Außenstehender kann man sich täuschen.

Barack Obama hat vor vier Jahren mit seinem Slogan „Yes we can“ die Massen begeistert. Von dieser Euphorie und Aufbruchsstimmung ist heute in den USA nichts mehr zu spüren. Warum hat die USA den Blues?

Wer mit so hohen, selbst gesteckten Erwartungen ins Rennen geht wie Oba-ma vor vier Jahren, kann gemessen an seinen Resultaten nur unter den Vorgaben bleiben. Dabei ist seine Bilanz durchaus vorzeigbar: Er hat die Gesundheitsreform durchgeboxt, was noch keinem gelungen ist, und die Truppen aus dem Irak abgezogen. Der Blues kann ja auch woanders herkommen: Die USA sind nicht mehr die treibende Wirtschaftsmacht der Welt, sondern China, und durch die Kriege und Geschehnisse seit dem 11. September 2001 hat Amerika auch nicht mehr den Nimbus des „God’s own country“, in welches der Rest der Welt unbedingt ziehen möchte.

Republikaner gegen Demokraten: Warum ist die USA über 200 Jahre nach ihrer Gründung noch immer ein geteiltes Land?

Welches Land ist das nicht? Abgesehen davon sind die ideologischen Gräben zwischen Demokraten und Republikanern längst nicht so groß wie jene zwischen sozialdemokratischen und bürgerlichen Parteien in Europa. Ich sehe die USA nicht als geteiltes Land, sondern eher als eines, das sich seiner Rolle und seines Selbstbilds nicht mehr im Klaren ist. Aus dieser Identitätskrise konnte auch Oba-ma das Land nicht reißen.

Ganz ehrlich, wissen Sie, wie das Wahlsystem in den USA genau funktioniert?

So ungefähr. Man muss in den USA zwischen Wählern und Wahlmännern unterscheiden. Der einzelne Wähler gibt in seinem Bundesstaat einem Präsidentschaftkandidaten seine Stimme. In jedem Bundesstaat gibt es nun aber eine unterschiedliche Anzahl von sogenannten Wahlmännern, die sich nach der Bevölkerungszahl des Staates richtet. Erhält Präsidentschaftskanditat X in Staat Y vom Wähler die meisten Stimmen, dann stimmen automatisch ALLE Wahlmänner dieses Staates Y für diesen Kandidaten. Erst wer dann die Mehrheit aller Wahlmänner aller Staaten zusammen erhält, wird neuer Präsident. Es zählt also nicht die Gesamtzahl der abgegebenen Wählerstimmen, sondern ein Kandidat kann unter Umständen auch mit einer Stimmenminderheit des Volkes gewinnen – sofern er die wichtigsten Staaten für sich entscheidet. Genau das ist im Jahr 2000 passiert, als Al Gore hauchdünn gegen George W. Bush verlor, obwohl ihn mehr Menschen gewählt hatten.

1,2 Milliarden Dollar hat der Wahlkampf in den USA 2008 gekostet. Das entspricht ungefähr den Kosten, den Hurrikan „Katrina“ dem Rückversicherer Swiss Re beschert hat. Das ist in etwa die Summe, die die ersten drei Indiana Jones-Filme weltweit an den Kinokassen eingespielt haben. Und ungefähr der Betrag, den die höchste englische Fußball-Liga pro Saison für die TV-Rechte erhält. Ist es nicht völlig pervers, so viel Geld in die Schlacht ums Weiße Haus zu stecken?

Pervers vielleicht, aber nicht irrational. Damit erkauft man sich immerhin das mächtigste Amt der Welt. Sofern es das überhaupt noch ist.

Was war die größte politische Leistung Obamas in den letzten vier Jahren?

Innenpolitisch wohl die Gesundheitsreform, die ihm niemand zugetraut hat. Und außenpolitisch, das er dem Rest der Welt wieder ein wenig von jenem Gefühl genommen hat, dass die USA ein Land sind, dass erst einmal jeden Gegner mit der Dampfwalze überrollt, ehe es fragt, wer da überhaupt genau im Weg gestanden ist. Ich hoffe, dieses Gefühl täuscht nicht.

Was macht für Sie die Faszination der Präsidentschaftswahlen in den USA aus?

Interessieren Sie sich etwa mehr für die Wahlen auf den Vanuatu-Inseln?

Danke für die knappe Antwort. Haben Sie eine Erklärung, weshalb in 223 Jahren noch nie eine Frau ins Präsidentenamt gewählt worden ist?

Das ist nur eine Frage der Zeit. 2016 darf Obama nicht mehr kandidieren, dann legt sich Hillary Clinton nochmal ins Zeug. Sie behauptet zwar ständig, sich aus der Politik zurückziehen zu wollen, aber das nehm ich ihr nicht ab. Erstens ist sie ein politisches Tier, zweitens macht sie eine gute Außenministerin, und drittens sehe ich bei den Demokraten keinen anderen Kandidaten mit Ausstrahlung am Horizont. Bei den Republikanern herrscht sowieso kein Überangebot an Charismatikern. Ich glaube, sie hätte gute Chancen. Aber in vier Jahren kann noch viel passieren.

Was war der erste US-Wahlkampf, den Sie bewusst miterlebt haben?

Ich kann mich ganz dunkel an Reagan gegen Mondale Anfang der Achtzigerjahre erinnern. Ab George Bush sen. und Bill Clinton habe ich die Wahlkämpfe dann bewusst wahrgenommen. Nicht zuletzt wegen Bushs unnachahmlichen Vize Dan Quayle, der schon im Wahlkampf mit Stilblüten glänzte wie „Die Zukunft wird morgen besser sein“.

Wer ist für Sie der beste US-Präsident aller Zeiten?

Abgesehen von den Gründervätern würden die meisten Amerikaner wohl Abraham Lincoln nennen, weil er die Sklaverei abgeschafft und die Union gerettet hat. Aber sicher auch jene Präsidenten, die die USA einigermaßen unbeschadet durch Weltkriege und Krisenzeiten gebracht haben. Ein besonderes Original aber muss Theodore Roosevelt gewesen sein, nach dem der Teddy-Bär benannt ist. Sein politisches Motto war „Sprich sanft und trage einen großen Stock bei dir – und du wirst es weit bringen“, und sein Optimismus muss grenzenlos gewesen sein.

Und wen halten Sie für den größten Versager?

Die größte Enttäuschung im 20. Jahrhundert war sicher Richard Nixon, weil er als eines der größten politischen Talente begann und dann in seiner Präsidentschaft so ziemlich alles falsch gemacht hat – bis hin zur Kriminalität. Und was George W. Bush betrifft . . . naja, Versager kann man den eigentlich nicht nennen, denn angesichts seiner spärlichen Talente hat er es ja weit gebracht.

Was bringen Sie spontan mit Amerika in Verbindung?

So gut wie alles, und oft sehr Paradoxes. Große Freiheiten neben bieder Kleinkariertem – wie etwa, dass man im Land der großen Freiheit in einem leeren Restaurant nicht mal den Tisch frei wählen kann. Ich habe Ende der 90er-Jahre ein halbes Jahr lang in New York gewohnt und empfand dort manches Verhalten provinzieller und unfreier als in Europa. Gleichzeitig sind Dinge möglich, die bei uns vor lauter Bürokratie und Barrieren im Kopf unmachbar erscheinen, noch ehe sie begonnen werden. Und dann natürlich dieser unglaublich große und sprachlich homogene Markt, während wir trotz EU immer noch in der Kleinstaaterei herumwursteln und nicht viel weiter denken als bis zur Landesgrenze. Was natürlich auch seine charmanten Reize hat, aber eben auch Nachteile.

Wenn Sie an die USA denken, was fasziniert Sie an diesem Land bzw. was schreckt Sie ab?

Dass die Moderne Seite an Seite mit völlig Archaischem existiert wie der Todesstrafe, den freizügigen Schusswaffengesetzen und dem christlichen Fundamentalismus. Das fasziniert und erschreckt zugleich.

Gibt es etwas, das wir Österreicher von den Amerikanern lernen können?

Sicherlich dieses: zuerst den Weg sehen und nicht das Hindernis darauf.

Das Gespräch führte

Frank Andres

„Ich sehe die USA nicht als geteiltes Land, sondern eher als eines, das sich seiner Rolle und seines Selbstbilds nicht mehr im Klaren ist. Aus dieser Identitätskrise konnte auch Obama das Land nicht reißen. “ Stefan Vögel

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