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Ein flächendeckendes W-Lan-Netz von 1538

Ehemalige Reichstädtische Bibliothek in Lindau öffnet nach achtmonatiger Bauzeit ihre Pforten. Bücher – damals die modernsten Speichermedien – wurden dort seit 1538 gesammelt.

Jürgen T. Widmer

Die Kultur der Menschheit besitzt nichts Ehrwürdigeres als das Buch.“ Der Dichter Gerhard Hauptmann hat diesen Satz geprägt, und zumindest für einen Abend waren sich die geladenen Gäste und die Redner mit dem Schriftsteller einig. Nach achtmonatiger Bauzeit hat der Lindauer Stadtarchivar Heiner Stauder jetzt das neue Zuhause der Ehemals Reichstädtischen Bibliothek präsentiert.

Der Raum ist derselbe, doch hat er sich vollkommen verändert. Die Stadt hat einen gläsernen Raum einbauen lassen, in dem jetzt in hohen Regalen die kostbaren Bücher stehen. Nahezu alle der insgesamt 13000 Folianten haben hier Platz gefunden. Innerhalb von 15 Minuten sollen sich die Besucher an einer Informationswand über das Gebäude, die Bücher und die Geschichte der Ehemals Reichsstädtischen Bibliothek (ERB) informieren.

Bücher als Stars

Doch die eigentlichen Stars sind natürlich die Bücher, die Lindau seit dem Jahr 1538 gesammelt hat. „Damals war die Gründung einer Bibliothek so etwas wie heute die Einrichtung eines flächendeckenden, kostenfreien W-Lan-Netzes“, beschrieb Stadtarchivar Heiner Stauder die Bedeutung des damaligen Ratsbeschlusses. Bücher waren damals die modernsten Speichermedien für Wissen.

Ein Wissen, dass der Magistrat seinen Bürgern zugänglich machen wollte. Wobei die Betonung zunächst wirklich nur auf den Bürgern lag. Denn Frauen hatten zunächst keinen Zugang zur Bibliothek. „Sie hätten ja vielleicht in den Anatomiebüchern etwas Falsches sehen können“, sagt Stauder.

Wissensspeicher anzapfen

Doch später durften auch die Lindauerinnen diesen Wissensspeicher anzapfen. Bereits im 16. Jahrhundert gab es in Lindau eine Mädchenschule, nicht gerade selbstverständlich in der damaligen Zeit. „Bei Pisa würde Lindau gut abschneiden“, sagt Stauder und schiebt hinterher: „im 16. Jahrhundert.“ Bis ins 19. Jahrhundert stifteten die Lindauer der Bücherei Bücher. Ausdruck eines bürgerlichen Selbstbewusstseins und eines tiefgehenden Bürgersinns.

Das Erbe, das sie hinterlassen haben, ist bislang noch nicht genau erforscht. Einige Schmuckstücke fallen aber auf: Beispielweise die medizinischen Fachbücher des Chirurgen Caspar Strohmeyer oder des Anatomen Andreas Vesalius. Von ihnen liegen Bände aus dem 16. Jahrhundert in den Regalen.

Stauder ist sich aber, wie auch seine Vorgänger Rosemarie Auer und Werner Dobras der Verantwortung für das Erbe bewusst. „ERBe“ – lautet auch das Signet für die „Reichsstädtische“. E steht für ehemalige, R für Reichsstädtische, B für Bibliothek. Und das kleine e? „Das steht für erleben“, sagt Stauder. Und erlebbar soll die kostbare Sammlung werden. Bereits im Frühjahr soll ein umfangreiches museumspädagogisches Programm auch Kinder mit der ERB vertraut machen. Regelmäßige Führungen und geregelte Öffnungszeiten sollen Einheimische und Touristen anlocken. Bereits an diesem Wochenende kann die Öffentlichkeit einen Blick auf den neugestalteten Raum werfen.

317.000 Euro hat der Umbau gekostet, die Stadt musste davon 184.000Euro bezahlen. Dank der Hilfe der Westallgäu-Bodensee Fördergesellschaft und des Staatlichen Forstamts in Kempten durfte sich die Stadt über einen Zuschuss der Europäischen Union im Rahmen des Leader-Projekts freuen.

Steuergelder zurückgeholt

„Eine gute Möglichkeit, die Steuergelder wieder nach Lindau zurückfließen zu lassen“, merkte Landrat Elmar Stegmann im Rahmen des vom Vokalensemble Quintessenz unter der Leitung von Ulrike Friedmann musikalisch eingerahmten Festakts im Alten Rathaus an. Damit waren die Gäste exakt an jenem Ort, an dem der Rat der Stadt schon viele Jahre vor Gerhard Hauptmann erkannt hatte, dass es in der menschlichen Kultur kaum etwas Wertvolleres gibt als das Buch.

Die Ehemals Reichsstädtische Bibliothek ist am heutigen Sonntag von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

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