Essen der Zukunft: Von Öko bis Convenience

Hält die Zukunft mehr als ein fleischloses Stück bereit? Sicher ist: Die künftige Nahrung ist vor allem durch Vielfalt geprägt.

Lea Sibbel

In Zukunft isst so manch einer gesünder. Ein anderer will es möglichst unkompliziert. Und ein Dritter am besten ohne Fleisch, Laktose – und Gluten sowieso. Zumindest ein Trend in Sachen Ernährung ist also erkennbar: Vielfältigkeit.

Neben den kugelrunden Haselnussknödeln liegen Seitanmedaillons fein arrangiert und imitieren Bratenstücke nahezu perfekt. Christian Schindler pikst mit der Gabel ein Stück Seitan auf – Weizenfleisch, das kein Fleisch ist. Dann steckt er es samt der Bratensoße, die keine ist, in den Mund und kaut bedächtig. „Es schmeckt nicht wie Fleisch“, sagt der deutsche Kommunikationswissenschaftler.

Schindler sitzt in einem veganen Restaurant in Berlin. Am Kollwitzplatz, dem Bio-Zentrum der Hauptstadt. Während das Jahr draußen grau und windig zu Ende geht, denkt Schindler an die Zukunft. Daran, ob sie wohl noch mehr fleischloses Fleisch bereithält.

Weniger Massentrends

Schindler hat einen Blog, der sich mit der Zukunft des Essens beschäftigt. Pflegen konnte er ihn zuletzt selten, zu viel Zeit nahmen seine anderen Tätigkeiten in Anspruch – zum Beispiel die Entwicklung von Szenarien. Von Szenarien spricht er auch gerne, wenn er über die Ernährung der kommenden Jahre nachdenkt. Trends sind ihm zu unscharf: „Weil sie nicht von mir aus gehen.“ Deshalb besteht die Ernährung in der Zukunft für ihn aus Möglichkeiten, weniger aus Massentrends.

Menschen werden ihr Essen nach bestimmten Attributen auswählen, sagt Schindler. Das wichtigste Attribut für ihn: „Es muss schmecken.“ Für andere hätten eben auch andere Attribute Vorrang: Wie gesund ist das Essen, wie ökologisch, wie regional? Wurde es fair hergestellt? Steckt eine Geschichte dahinter? Ist es laktosefrei? Glutenfrei? Preiswert? Die Entwicklung der Ernährung werde sich an diesen Attributen entlanghangeln, sagt Schindler. Je nach Vorlieben sehe die Zukunft des Essens für verschiedene Gruppen also ganz anders aus.

Hersteller im Fokus

Sven Gabor Janszky geht das Thema weniger philosophisch an. Der Trendforscher betrachtet die wesentlichen Akteure des Felds – die Lebensmittelhersteller zum Beispiel und macht daran seine Aussagen fest.

Und er sagt, dass sich der Öko-vegan-Trend à la Kollwitzplatz nicht zum Massentrend entwickle. Es werde durchaus eine Gruppe geben, die sich bewusster ernährt, sich mehr Zeit nimmt, häufig selber kocht – aber das sei eine Minderheit. Sie folgten einem Premiumtrend, sagt Janszky.

Massentrend wird ihm zufolge eher das Gegenteil: „Convenience Food“. Nicht zu verwechseln mit Fast Food, also dem klassischen Burger, dem Ungesunden und Fettigen, erklärt Janszky. Fast Food gehe nämlich zurück. „Allerdings geht nicht die Gewohnheit der Menschen zurück, die dahinter steht“ – nämlich, dass viele Menschen sich wenig Zeit für das Essen nehmen. „Die Welt wird im Massentrend schneller und dynamischer.“ Und damit auch das Essen.

Im Mittelpunkt steht dabei Convenience Food. Produkte also, die der Schnelligkeit des Alltags Rechnung tragen, dabei aber nicht zwangsläufig ungesund sind – frische Pasta aus dem Kühlregal zum Beispiel.

„Weg von der Tütensuppe, hin zu Frisch-Convenience-Waren“, beschreibt Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) den Trend. Diese Produkte erleichterten die Vorbereitung auf die Mahlzeit zu Hause, weil für das Kochen unter der Woche weniger Zeit bleibe, sagt Gahl. Ein anderes Beispiel für frische Convenience ist die schnelle Salatbar. Oder die fertig abgepackten Tüten, mit denen Verbraucher ein Rezept mitsamt allen benötigten Zutaten kaufen können. Sie gibt es in immer mehr Delis und in einer eigenen Ladenkette, dem „Kochhaus“, die sich von Berlin auf weitere Städte ausbreitet.

Für Schindler verkörpert die Rundum-Sorglos-Tüte das „Kochen 2.0“. Wer selber kochen möchte, unkompliziert und ohne viel Zeitaufwand, der könne damit Inspiration finden. Und so wenig er von Trends sprechen will – auch er glaubt, dass die hektische Gesellschaft in Zukunft verstärkt auf solche Convenience-Produkte zurückgreifen wird.

Bei all den möglichen Entwicklungen in Sachen Ernährung glaubt Schindler nicht, dass sie – zumindest in Deutschland – durch einen Mangel an bestimmten Lebensmitteln beeinflusst werden. Manche Zutaten werden in Zukunft wahrscheinlich seltener genutzt – das sei aber eher dem Umstand geschuldet, dass womöglich mehr Menschen sie ablehnten, anstatt dass es sie tatsächlich weniger gebe, sagt er. Fleisch aus Massentierhaltung sei so ein Beispiel.

Nach gut einer Stunde ist Schindler beim letzten Stück Seitan angelangt. Das Essen ist seiner Meinung nach eine der letzten Domänen, um emotional zu sein.

Maikäfersuppe

Wer das Insektenessen hierzulande als asiatisches Sondertum abtut, liegt falsch. So gehört die Maikäfersuppe zu den in Europa verbreiteten Insektengerichten und war bis Mitte des 20. Jahrhunderts zumindest in Deutschland und Frankreich geschätzt. Der Geschmack soll dem von Krebssuppe ähneln. Im Magazin für die Staatsarzneikunde von 1844 wird die Maikäfersuppe als ein „vortreffliches und kräftiges Nahrungsmittel“ gepriesen. Pro Person sei mit etwa 30 Maikäfern zu rechnen, schreibt der Autor. Je nach Rezept wird die Suppe gesiebt und als Brühe genossen. Oder die Käfer werden anfangs im Mörser zerstoßen, die Suppe wird passiert und mit etwas Einbrenn und Eigelb gebunden. Die Maikäfersuppe kann mit Scheiben von Kalbsleber oder Taubenbrust ergänzt und jeweils mit gerösteten Brotwürfeln angerichtet werden. Der Autor weist darauf hin, die Maikäfer lebend und frisch von den Bäumen zu sammeln. Auch sei darauf zu achten, nicht solche zu nehmen, die das Laub von Eichbäumen gefressen haben – sie hätten einen „adstringierenden Beigeschmack“ – schmeckten also bitter. In jenem Aufsatz aus dem Jahr 1844 heißt es, die Maikäfer wurden damals nicht nur als Suppe, sondern von Studenten auch ungekocht gegessen: „In vielen Conditoreien sind sie überzuckert zu haben, und man isst sie candiert an Tafeln zum Nachtische“.

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