„Der Schnee reichte bis zum Stubenfenster“

In einer Ausstellung in Schruns wird das ­Lawinenunglück von 1954 aufgearbeitet. Helga Nesensohn-Vallaster ist eine Zeitzeugin.

Rubina Bergauer

Ein einschneidendes Ereignis teilt das Leben von Helga Nesensohn-Vallaster in zwei Hälften. Passiert ist es völlig unerwartet im Jahre 1954. Damals war die elegante Dame ein Mädchen von gerade einmal fünf Jahren. Der Abend des 11. Jänner 1954 sollte eine Zäsur in ihrem noch jungen Leben bedeuten: Dies ist das Datum, an dem eine Staublawine im Montafon 18 Menschenleben ausradierte. „Ich erinnere mich noch gut an diesen Abend. Es hatte den ganzen Tag hindurch geschneit. Das Wetter war stürmisch und sehr unbehaglich. Der Schnee reichte bei uns bereits bis zum Wohnzimmer­fenster“, erinnert sich Nesensohn-Vallaster. Ihr Blick ist zu Boden gerichtet, während sie an jenen verhängnisvollen Tag denkt. Doch die Worte fließen aus ihr heraus.

Die Lichter gehen aus

Damals wohnte die Schrunserin mit Vater, Mutter und ihren drei Geschwistern in einem Haus mit kleinem Stall an einem Hang in Bartholomäberg, mit Blick auf den Ort. „Die Mutter war am besagten 11. Jänner gerade dabei das Abendessen für die Familie herzurichten und hielt sich in der Küche auf. Ich habe mit meiner Schwester Renate im Wohnzimmer gespielt, als plötzlich die Lichter ausgingen. Das war anno dazumal nichts Ungewöhnliches. Ich blickte durchs Fenster nach Schruns hinunter und sah, dass es stockfinster im Ort war“, erinnert sich die 64-Jährige. Sie habe dann einen starken Windstoß gespürt. Und als sie sich vom Fenster weggedreht habe, sei bereits das ganze Haus in Bewegung gewesen. „Mir flogen die gegenüberliegende Wand und der Kachelofen entgegen“, schildert die dunkelhaarige Frau und hält einen Moment in ihrer Erzählung inne. „Als ich später wieder zu mir kam, war alles dunkel. Ich hörte Hilferufe um mich herum, hatte aber keine Ahnung, was gerade passiert war. Ich dachte, ich müsste wohl aus dem Stubenfenster gestürzt sein und begann durch den Schnee auf ein Haus zuzukrabbeln.“

„Ich war lange verzweifelt“

Als sie bemerkt habe, dass es sich dabei nicht um ihr Elternhaus handelte, habe sie ge­weint. Aus Schock. Aus Verzweiflung. Irgendwann sei in der Dunkelheit eine Gestalt vor ihr aufgetaucht: „Es war der Vater, der meine Schwester Renate auf dem Arm trug.“ Das Mädchen hatte einen Oberschenkelbruch erlitten, der Vater eine Kopfwunde. „Dann kam der erste Retter auf Skiern. Und geleitete uns in ein nahe gelegenes Haus, das von der Lawine verschont geblieben war.“ Der Papa habe sofort wieder zurück gewollt, um nach der Mutter und der Kleinen zu suchen, aber er sei zusammengebrochen. „Es war einfach zu viel“, sagt die Überlebende dieser Lawinenkatastrophe.

Nach der Unglücksnacht war für die Familie nichts mehr wie zuvor: Das gesamte Hab und Gut war verloren. Die Schwes­tern wurden getrennt, da Renate wochenlang im Spital lag. Der Vater musste die fünfjährige Helga bei Bekannten unterbringen, um ein neues Heim für die Familie errichten zu können. Doch was am meisten schmerzte: Die wichtigste Bezugsperson der Kinder fehlte: Die 37-jährige Mutter hatte das Unglück nicht überlebt. Auch das 19 Monate alte Schwesterchen starb in jener Nacht. „Von da an unterteilte sich unser Leben in vor und nach der Lawine. Ich war danach lange verzweifelt. Psychologische Betreuung gab es ja damals noch nicht. Eine Zeit lang konnte ich überhaupt nicht mehr sprechen“, fasst die Schrunserin das Erlebte in Worte.

Die Staublawine von 1945 verschüttete 35 Menschen im Montafon. 18 von ihnen ließen dabei ihr Leben. In knapp zehn Sekunden war das Unglück geschehen. Länger brauchten die Schneemassen nicht von ihrem Abgangspunkt in 2000 Metern Höhe bis ins Tal.

Staublawinen können eine Geschwindigkeit von bis zu 300 Stundenkilometern erreichen. Mit dieser Art von Lawine gehen gewaltige Luftdruckschwankungen einher, die einen Großteil der Zerstörungskraft ausmachen.

„Im verheerenden Winter von 1954 ereigneten sich in ganz Vorarlberg Lawinenunglücke. Einige waren noch größer, als das im Montafon. Mir ist aber wichtig, dass die Opfer von Bartholomäberg und Schruns nicht in Vergessenheit geraten,“ sagt Nesensohn-Vallaster. Ihre Geschichte erzählt sie auch deshalb immer wieder bei Zeitzeugen-Abenden. Mittlerweile hat die 64-Jährige in der Montafoner Schriftenreihe auch eine Dokumentation über den „Lawinenwinter 1945“ verfasst. „Heute kann ich über das Erlebte sprechen. In meiner Familie war das lange ein Tabuthema, aber so konnte ich das Trauma endlich verarbeiten“, berichtet die Autorin. Sie habe auch das ungute Gefühl, Lawinen irgendwie anzuziehen: „Jahre später ist unser Haus wiederum von einer Lawine in Mitleidenschaft gezogen worden. Der Schnee hat die Fenster eingedrückt und ist bis in die Zimmer vorgedrungen. Ansons­ten ist Gott sei Dank nichts passiert.“ 1999 war Helga Nesensohn-Vallaster als Skilehrerin in Gargellen tätig und eine der Letzten, die das Skigebiet verließ, bevor eine 100 Meter breite Lawine abging. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Frau auch heute ein mulmiges Gefühl hat, wenn es zu schneien beginnt, wie sie selbst zugibt.

Ereignisse aufarbeiten

Im Zuge der Ausstellungseröffnung zum 60. Jahrestag des Unglücks hat Helga Nesensohn-Vallaster vor zahlreichen Zuhörern ebenfalls einen Vortrag über die Unglücksnacht im Schrunser Heimatmuseum gehalten.

„Wie man an solchen Abenden sehen kann, ist das Interesse der Leute an diesem Thema groß. Wir sehen es als unseren Auftrag an, uns damit zu beschäftigen und solche Ereignisse in Veranstaltungen aufzuarbeiten,“ formuliert es Michael Kaspar, Obmann der Montafoner Museen. „Wir fühlen uns heutzutage zwar sicherer, doch wie die Erfahrungen der vergangenen Jahre uns gelehrt haben, sind Naturkatastrophen nichts Vorhersehbares. Der Mensch wird sich damit immer auseinandersetzen müssen“, ist der Obmann überzeugt.

Um dem Thema eine persönliche Dimension zu verleihen, seien Zeitzeugengespräche wichtig. „Das ist eine andere Art der Vermittlung. Wir wollen auf unterschiedlichen Ebenen aktiv sein und bieten deshalb solche Veranstaltungen an. Das kommt sehr gut an“, sagt Kaspar. Um auch Touristen einen Einblick in die Montafoner Geschichte zu ermöglichen, wurde das Haus des Gastes in Schruns als Zentrum für die nun eröffnete Ausstellung über den Lawinenwinter gewählt.

Ausstellung

„Der weiße Tod“ – Das Lawinenunglück vom 11. Jänner 1954

„Haus des Gastes“/Tourismusbüro, Silvrettastraße 6, Schruns

Öffnungszeiten: Mo–Fr 8–18 Uhr, Sa, So 9–12, 15–18 Uhr bis 16. Februar 2014

Führungen nach Voranmeldung.

Weitere Infos: www.montafoner-museen.at

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