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interview

„Die Frage nach Sterbehilfe kommt öfters“

Otto Gehmacher (50), Leiter der Palliativstation in Hohenems, über die aktuelle Sterbehilfe-Debatte, mögliche gefährliche Entwicklungen und die Angst der Menschen, ausgeliefert zu sein.

Letzthin ist auf politischer Ebene wieder eine Debatte über aktive Sterbehilfe aufgeflammt, nachdem die ÖVP ein Verbot in der Verfassung gefordert hat. Ist das eine Diskussion, die Sie als Palliativmediziner eher begrüßen oder ablehnen?

Otto gehmacher: Es stellt sich die Frage, was man mit einem Verbot in der Verfassung bezwecken will. An und für sich bin ich mit der jetzigen Gesetzeslage zufrieden, die uns den Rücken dahingehend stärkt,­ dass wir keine aktive Sterbehilfe durchführen dürfen. Die derzeitige Diskussion geht ein wenig in die falsche Richtung, da eher die Extremstandpunkte verhärtet werden. Eine Gefahr bei einem Verbot in der Verfassung sehen viele darin, dass damit auch die passive Sterbehilfe beschnitten wird. Es traut sich dann kein Arzt mehr, natürliches Sterben durch Therapiebegrenzungsmaßnahmen zuzulassen.

Könnte man derartige Situationen nicht mit zum Beispiel einer Patientenverfügung klären?

gehmacher: Es sind immer noch nicht viele Leute, die eine Patientenverfügung haben. Zudem ist es kaum möglich, eine exakte Beschreibung einer medizinischen Situation in einer Patientenverfügung vorwegzunehmen, dass sie dann auch hundertprozentig zutrifft. Das heißt, es bleibt immer ein großer Graubereich. Mit einer Vorsorgevollmacht, die auch noch kaum verwendet wird, kann man jemanden beauftragen, Entscheidungen zu übernehmen, wenn man selber nicht mehr in der Lage ist.

Lässt sich dieser Graubereich der passiven Sterbehilfe überhaupt gesetzlich fassen?

gehmacher: Das ist schwierig. Schon heute haben Ärzte Angst, passive Sterbehilfe durchzuführen. Passive Sterbehilfe beinhaltet zum Beispiel auch die „aktive Handlung“, eine Maschine abzustellen, um natürliches Sterben zuzulassen. Wenn hier der Druck vom Gesetzgeber noch zunimmt, ist zu befürchten, dass dem Patientenwunsch immer weniger Rechnung getragen wird.

Zurück zur aktiven Sterbehilfe: Von den Befürwortern wird diesbezüglich immer mit Selbstbestimmung argumentiert. Wie sehen Sie das?

gehmacher: Man muss bei der aktiven Sterbehilfe zwischen prinzipiellen und praktischen Argumenten unterscheiden. Da geht es einerseits um eine Grundsatzentscheidung, was höher gewichtet wird: die Unantastbarkeit menschlichen Lebens als Ausdruck von Würde oder die Selbstbestimmung, und man muss beachten, was sind mögliche Folgen, wenn aktive Sterbehilfe erlaubt wird: Besteht wirklich „Freiwilligkeit“, oder ist es vielmehr ein gesellschaftlicher Druck, der entsteht und der alten und kranken Menschen vermittelt, sie sind nichts mehr wert und sollen den Schritt hin zur aktiven Sterbehilfe wählen? Das Beispiel Holland zeigt weiters, dass die Gesetzesvorgaben in der Praxis oft nicht eingehalten werden.

Wie groß ist diese Gefahr?

gehmacher: In den Niederlanden ist aktive Sterbehilfe mittlerweile auch bei psychischen Erkrankungen ein Thema, und es hat auch Fälle gegeben, wo Euthanasie bei dementen Patienten zur Diskussion gestanden ist. Da wird es dann schon sehr schwierig, das als Ausdruck des eigenen Willens zu akzeptieren. Ich sehe da durchaus die Gefahr, dass es irgendwann einmal zum „guten Ton“ gehört, dass man sich im Alter wegeuthanasieren lässt, damit der Boden nicht fürs Altersheim draufgeht und die Kinder über das Erbe verfügen können. Wenn das noch zusammenfällt mit knapper werdenden Resourcen, die keine teuren Behandlungen mehr für alle zulassen, dann wird hier zusätzlicher Druck entstehen.

Wurden Sie schon um aktive Sterbehilfe gebeten und wie haben Sie darauf reagiert?

gehmacher: Die Frage nach Sterbehilfe kommt öfters, vor allem in Momenten großer Verzweiflung und Schmerzen. Meist steht der Wunsch nach Leben nach entsprechender Linderung der Symptome wieder deutlich im Vordergrund. Bei manchen Patienten ist auch beides sehr stark präsent: eine Todessehnsucht und gleichzeitig die Hoffnung auf Leben. Mir ist wichtig, dass die Frage nach Sterbehilfe kein Tabuthema ist, sondern dass der Patient weiß, er kann sich damit an uns wenden. Mich interessiert dann immer die Frage nach dem Warum, und über diese Gründe wollen wir mit dem Patienten auch offen ins Gespräch kommen.

Haben Sie schon Patienten gehabt, die dann in die Schweiz gegangen sind, wo aktive Sterbehilfe unter bestimmten Bedingungen nicht strafrechtlich verfolgt wird?

gehmacher: Wir haben in den elf Jahren, in denen es die Station gibt, einen Patienten gehabt, der assistierten Suizid durchführen hat lassen, der auch durch lange Gespräche nicht davon abzuhalten war. Was mich damals sehr betroffen gemacht hat, war nicht die Art und Weise, wie das Sterben stattgefunden hat, sondern die Schnelligkeit mit der diesem Wunsch begegnet wurde: Auf dem Weg nach Zürich ist der Patient bei einem Arzt vorbeigefahren, und der hat gesagt, „ist eh alles klar“. Der Patient hat dann innerhalb eines Tages diesen Medikamentencocktail bekommen. Wie kann so eine Organisation behaupten, dass sie sich vergewissert, dass dies wirklich der unverrückbare Wunsch des Patienten ist?

In der Schweiz ist aktive Sterbehilfe ohne Strafverfolgung möglich, in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg ist sie erlaubt, sonst nahezu überall verboten. Wieso finden Staaten unterschiedliche gesetzliche Lösungen für eine Thematik, die die Menschen überall gleich betrifft?

gehmacher: In den Niederlanden besteht seit den 70er-Jahren die Möglichkeit, aktive Sterbehilfe auszuüben. Mit dem 2002 in Kraft getretenem Gesetz wurde die bereits vorher nicht zu bestrafende Praxis unter sehr klaren Voraussetzungen legalisiert. Man muss aber sagen, dass diese Legalisierung dort auch die Palliativmedizin als Alternative gestärkt und vorangetrieben hat. Seit 2012 gibt es in Holland allerdings eine „Lebensendeklinik“, die sechs mobile Sterbeteams durchs Land schickt, die sich Patienten, bei denen die Hausärzte keine Euthanasie durchführen wollen, als Sterbehelferteams anbieten.

Sind das nicht Entwicklungen, die Angst machen?

gehmacher: Die machen Angst. Da tauchen Gedanken auf, dass das mobile Palliativteam mit dem Sterbeteam um die Wette fährt. Es wird immer wieder Einzelschicksale geben, die sehr betroffen machen. Aber man muss sich davor hüten, aufgrund dessen Gesetzesentwürfe zu machen, die am Ziel vorbeischießen oder einen Gesellschaftsdruck erzeugen.

Würde eine gesetzliche Verankerung der aktiven Sterbehilfe auch zu einer Veränderung des Menschenbildes in der Gesellschaft führen?

gehmacher: Ich glaube schon. Eine Gesellschaft kann durch die Herausforderung mit kranken und alten Menschen reifen. In Hinblick auf die Demenzproblematik kann man auf innovative Modelle setzen, die alten und kranken Menschen ihre Würde bewahren. Die Alternative ist ein „Wegrationalisieren“ dieser Menschen durch das Angebot einer aktiven Tötung. Das führt dann im Extremfall zu einer Gesellschaft, in der nur mehr jung, schön, aktiv zählt und alles, was einen Makel hat, beseitigt wird.

Warum sprechen sich doch immer wieder so viele Menschen für aktive Sterbehilfe aus?

gehmacher: Ich glaube, es gibt eine große Angst, der Willkür der Medizin ausgeliefert zu sein und dadurch die Selbstbestimmung zu verlieren. Der Alltag zeigt allerdings, dass sehr viele Menschen froh sind, wenn sie einen Arzt zur Seite haben, der ihnen manche Entscheidungen abnimmt. Und es ist noch zu wenig bekannt, dass die Möglichkeiten der passiven Sterbehilfe sehr vielfältig sind. Man sollte sich einfach frühzeitig Gedanken machen, was die Ziele eines Patienten sind.

Wie realistisch ist es, dass man sich über den Tod Gedanken macht, solange man nichts damit zu tun hat?

gehmacher: Es geht nicht nur um den Tod, es geht auch um die Frage nach lebenserhaltenden Maßnahmen am Lebensende, angefangen von aggressiven Chemotherapien bis hin zu Operationen. Manchmal ist es so, dass Menschen auf Intensivstationen lange am Leben erhalten werden und irgendwann der Zeitpunkt, wo sie natürlich sterben hätten können, vorbei ist. Dann entsteht eine Situation, die vielleicht niemand gewollt hat. Wir merken diese Berührungsängste mit dem Tod auch, wenn wir über Palliativ Care (Begleitung, Betreuung unheilbar kranker Menschen, Anm.) Vorträge halten. „Gut, dass es euch gibt, aber ich hoffe, ich brauche euch nicht“, heißt es da immer wieder. Daher gibt es auch Bestrebungen, Palliativ Care früher zu implementieren. Dass etwa bei lebensbedrohlichen Erkrankungen schon frühzeitig eine Palliativ-Care-Betreuung dazukommt, um diese ethischen Fragen anzusprechen und nicht erst in Situationen, wo man das Gefühl hat, jetzt kann man sich nicht mehr wehren.

Was glauben Sie, ob und wie die Diskussion beziehungsweise Entwicklung der aktiven Sterbehilfe in Österreich weitergeht?

gehmacher: Die derzeitige Diskussion wird wieder etwas abebben. Ein Verbot mit Zweidrittelmehrheit in der Verfassung zu verankern wird schwierig. Insgesamt ist aber sicherlich in den letzten Jahren ein Trend zu mehr Selbstbestimmung bei Patienten zu bemerken bzw. diese zu stärken. Ich glaube aber auch, dass die Möglichkeiten, die die Palliativ-Care-Betreuung hat, noch nicht allen bekannt und zugänglich sind und dass die Sicherheit eines schmerzfreien und leidlosen Sterbens auch beruhigend wirken kann. Es gibt noch viel Aufholbedarf, um zu vermitteln, dass es eine wirkliche Alternative zur aktiven Sterbehilfe gibt. Um den Menschen die Angst zu nehmen, qualvoll irgendwo einen schlimmen Tod sterben zu müssen.

Interview: B. Kompatscher

Zur Person

Otto Gehmacher, geboren am 21. Februar 1963 in Salzburg.

Medizinstudium in Innsbruck, anschließend zweieinhalb Jahre als Arzt in Südafrika.

Seit 1991 am LKH Hohenems, Facharzt­ausbildung zum Internisten.

Seit 2003 leitender Oberarzt der Palliativstation am LKH Hohenems.

Lebt in Götzis, verheiratet, drei Kinder.

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