Wenn die eine Wange schmerzt

Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm. Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab. Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch­ verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.

mt 5, 38–48

Wenn aus der Bergpredigt eine Aussage bekannt ist, dann ist es die von der Wange, die hinzuhalten ist, wenn auf die andere geschlagen wurde. Die allermeisten schütteln abwehrend den Kopf und wollen sich gar nicht tie­fer auf eine Debatte einlassen. Selbstverteidigung wird doch wohl erlaubt sein? Und Masochismus ist keine Tugend!

Von Otto von Bismarck stammt das berühmte Diktum, dass man mit der Bergpredigt keine Politik machen könne. Er hat es auch nicht versucht, im Gegenteil: Sein Vorgehen war Schlag-Gegenschlag. Mit ihr hat er es sogar geschafft, im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 Preußen als Opfer einer vermeintlichen französischen Aggression darzustellen. Vor Kriegsausbruch hat er jedoch in der Presse eine provozierende Depesche veröffentlicht. Und so kommt es zur Kriegserklärung am 19. Juli mit Toten auf beiden Seiten.

Was Bismarck getan hat, ist eine allgemein verbreitete Taktik um Täterschaft zu verschleiern und sich selbst als Opfer zu präsentieren, das moralisch im Recht ist: Ich habe das ja nur getan, weil du mich provoziert hast! Dies ist eine bequeme Ausrede, um sich der eigenen Verantwortung nicht stellen zu müssen. Der Mechanismus der Schuldabschiebung, der Darstellung des Täters als Opfer führt in einen Gewaltkreislauf hinein, der auf Dauer in die gegenseitige Vernichtung führt.

Die Taktik des Jesus von Nazareth unterwandert diesen Kreislauf radikal. Kein Schlag-Gegenschlag, kein verbales Ping-Pong, wer nun begonnen hat und warum, sondern der Täter entlarvt sich letztlich selbst. Vielleicht fällt dann der zweite Schlag schon schwächer aus und der dritte wird abgebrochen. Jesus drückt es metaphorisch aus: sich nicht die Wange vor Schmerz halten, sondern die andere hinhalten. Das Opfer lässt sich nicht zum Opfer machen, bleibt in aufrechter Haltung und widersteht der Respektlosigkeit der Demütigung. Der Geschlagene bleibt innerlich frei und lässt sich diese Freiheit nicht nehmen, indem er zu Gegengewalt greift oder sich dem Aggressor in Hilflosigkeit unterwirft.

Wenn die eine Wange schmerzt, die andere hinzuhalten, ist eine zutiefst würdevolle und gerade Haltung, die sich verbietet, selbst zum Gewalttäter zu werden, wenn der andere zuschlägt. Dieses Programm, das Jesus hier in der Bergpredigt vorlegt, ist vielleicht noch nicht reif für die reale Politik. Aber als Reaktion auf eine Respektlosigkeit im Alltag lohnt es sich allemal, sie auszuprobieren.

Artikel 8 von 11
Bitte melden Sie sich an, um den Artikel in voller Länge zu drucken.

Bitte geben Sie Ihren
Gutscheincode ein.

Der eingegebene Gutscheincode
ist nicht gültig.
Bitte versuchen Sie es erneut.
Per E-Mail teilen
Entdecken Sie die NEUE in Top Qualität und
testen Sie jetzt 30 Tage kostenlos.